Lade Inhalte...

Grünen-Chef Kai Klose - Kämpfer für die Ehe für alle

Hessens Grünen-Chef Kai Klose kämpft schon lange für die Ehe für alle, aber kann nicht dafür stimmen – ein Porträt.

Klose
Der Grünen-Vorsitzende Kai Klose im Landtag. Foto: Andreas Arnold

Am Donnerstagabend hat Kai Klose in Wiesbaden die bewegendste Rede seiner politischen Laufbahn gehalten. Am Freitag ist der 43-Jährige nach Berlin gefahren, um mit der schwul-lesbischen und queeren Community zu „feiern, bis die Schwarte kracht“. Für eins aber hatte der Landesvorsitzende der hessischen Grünen in dieser Woche noch keine Zeit: mit seinem Lebenspartner Jochen König zu beraten, ob sie heiraten wollen.

Seit mehr als 20 Jahren hat der stets gut gekleidete, oft in Anzüge mit schrägen Farben gewandete Klose für die Gleichstellung gekämpft. Jeder merkt ihm die Rührung an bei seiner Rede im hessischen Landtag, zu der er eher dezent in einem hellgrauen Anzug und leuchtend blauem Hemd am Pult erschienen ist.

Er erinnert an die „Aktion Standesamt“ von 1992, als mehrere Hundert lesbische und schwule Paare das Aufgebot beim Standesamt bestellt hatten, aber abgewiesen wurden. Es sei „zu allererst dieser vielfältigen Bewegung zu verdanken“, dass die Ehe für alle nun Wirklichkeit werde, stellt der Grünen-Politiker fest. Klose muss schlucken, als er bewegt hinzufügt: „Wir haben euch unendlich viel zu verdanken.“

Ausdauernde Werbung für die Rechte der Homosexuellen

Klose nahm an der „Aktion Standesamt“ noch nicht teil. Er war damals erst 18 Jahre alt und hatte sich noch nicht geoutet. Das kam erst drei Jahre später. Damals, als Lehramtsstudent an der Uni Marburg (Deutsch, Politik, Wirtschaft), begann er auch mit seinem politischen Engagement gegen Diskriminierung, in einer „rosa Liste“.

Der Hesse Klose aus Idstein wirbt so ausdauernd für die Rechte der Homosexuellen wie der Kölner Volker Beck in der älteren Generation seiner Partei. Doch viel mehr als der polarisierende Beck ist Klose zu einer Integrationsfigur herangewachsen.

Der „Star-Wars“-Fan Klose strahlt Lebenslust aus. Seine witzige, originelle und offene Art hat schon in den Wiesbadener Koalitionsverhandlungen eine entscheidende Rolle gespielt, als sich die ungewohnten Partner CDU und Grüne einander annäherten.

Reaktionäre mögen sich von seiner offen gelebten Homosexualität abgestoßen fühlen, und es passte ins Bild, dass CDU-Rechtsaußen Hans-Jürgen Irmer in der Landtagsdebatte fehlte. Doch die ansonsten fast vollständig erschienene CDU-Fraktion zollte ihm im Wiesbadener Parlament langen Applaus.

Das war auch dringend nötig, denn Klose musste an diesem Freudentag noch eine tragische Sekunde erleben, die der politischen Taktiererei geschuldet war. Die CDU hatte nicht wie in Berlin die Abstimmung freigegeben; im Landtag gehe es schließlich nicht um eine Gewissensfrage, da der Bundestag über die Ehe für alle beschließe, hieß es zur Begründung.

Aus Koalitionstreue stimmte auch Klose gegen einen Antrag von SPD, Linken und FDP, der den Bundestagsabgeordneten eine Zustimmung zur Ehe für alle empfahl. So leise wie möglich sprach er sein „Nein“ aus.

Klose ärgerte sich über die SPD, die diese namentliche Abstimmung beantragt hatte. „Ich muss jetzt hinnehmen, dass es Ihnen Genugtuung verschafft, aus der politischen Differenz zwischen uns Honig zu saugen“, rief er. Das aber werde nur „eine Fußnote der Geschichte“ werden, anders als die Ehe für alle.

Darauf ging es im Landtag hoch her. SPD-Abgeordneter Gerhard Merz rief „Heuchelei“, CDU-Generalsekretär Manfred Pentz erwiderte lautstark: „So ein Arsch“, Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner schüttelte den Kopf über die Sozialdemokraten: „Ihr habt sie doch nicht alle.“

Versöhnlicher fiel die Rede des FDP-Abgeordneten Jürgen Lenders aus, der ebenfalls mit einem Mann verpartnert ist. „Lieber Kai Klose“, eröffnete er seine Rede, „wir haben lange für diese Sache zusammen gekämpft.“ Und die Sache mit der namentlichen Abstimmung? „An unserer Stelle hättest Du das genau so gemacht“, stellte der FDP-Mann nüchtern fest. Doch das spielte für Klose keine große Rolle mehr. Am Freitag machte er sich auf den Weg nach Berlin. Welch ein Zufall, dass die grüne Bundestagsfraktion schon lange für diesen Abend zum traditionellen Regenbogenfest eingeladen hatte. Dort wollte Klose all die Mitstreiter treffen, auch jene aus seiner Marburger Studentenzeit.

Es ist eine verrückte Woche für den Grünen-Politiker, der seit 2013 zusammen mit Daniela Wagner an der Parteispitze in Hessen steht. Denn am Donnerstag wurde auch bekannt, dass Klose in die Regierung einzieht und dort die Integrations- und Antidiskriminierungspolitik koordiniert. Am 1. Oktober löst er den erkrankten Integrations-Staatssekretär Jo Dreiseitel (Grüne) im Amt ab.

Es kommt viel Arbeit auf den Grünen zu – und eine private Entscheidung. Mit seinem Mann ist er seit mehr als 15 Jahren liiert. Am 13. Juni 2008 gingen beide zum Idsteiner Standesamt, um ihre Partnerschaft eintragen zu lassen. Vielleicht wird zum zehnten Jahrestag im nächsten Juni die Ehe geschlossen. „Wir denken mal drüber nach“, sagt Klose – und schmunzelt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum