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Grüne Kurs auf die bürgerliche Mitte

Das frisch gekürte grüne Spitzengespann lässt keinen Zweifel daran, welche Klientel es im Blick hat.

Grüne wählen Spitzenduo zur Bundestagswahl 2017
Bilden das Spitzenduo bei den Grünen: Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt. Foto: dpa

Als Michael Kellner, der sich selbst gern „Hüter des Verfahrens“ nennt, am Mittwoch um 10.03 Uhr die Uferstudios im Berliner Bezirk Wedding betritt, ist die Spannung auf dem Höhepunkt. Häufig wird Spannung im politischen Betrieb ja nur simuliert. Was vordergründig spannend erscheinen soll, ist hintergründig längst entschieden. Nicht so bei der Urwahl der Grünen, die seit Monaten unter dem Slogan firmiert: „BasisistBoss“.

Freilich kommt der grüne Bundesgeschäftsführer nicht sofort zur Sache. Vielmehr rühmt der hoch aufgeschossene Mann vor der grünen Wand mit gelber Sonnenblume und der Aufschrift „Spitzenduo 2017“ zunächst die „spannende Auszählung“, die ein „furioses Ende“ gefunden habe. Auch vergisst er nicht, die steigenden Mitgliederzahlen und die Aufmerksamkeit zu rühmen, die den Grünen zuteil geworden seien – sowie die Kandidaten, die Mut bewiesen und an Statur gewonnen hätten.

Erst danach gelangt Kellner zum Eigentlichen, dem Votum der Mitglieder, das für die Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt 70,63 Prozent ergab und für Parteichef Cem Özdemir 35,96 Prozent – was in absoluten Zahlen bedeutet, dass er lediglich 75 Stimmen vor Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck liegt. Der Fraktionsvorsitzende Anton Hofreiter landet mit 26,19 Prozent auf dem achtbaren dritten Platz.

Schließlich lobt der Parteimanager die Gewählten. Göring-Eckardt sei „in der DDR für Demokratie und Freiheit auf die Straße gegangen“, sie sei „zuversichtlich, menschlich, vermittelnd“, Özdemir wiederum packe „auch heiße Eisen an“. Als Kind der Wiedervereinigung und als Kind von Zuwanderern verträten beide „das moderne Deutschland“. Ja, Kellner beschränkt sich nicht darauf, wie ein Notar aufzutreten. Er liefert schon den Spin für den Wahlkampf.

Drei Stunden später erscheinen Göring-Eckardt und Özdemir persönlich – nachdem sie, wie es heißt, erst morgens gegen kurz nach 9 Uhr von dem Resultat erfahren hatten. Sie geht trotz der Kälte in einem kurzärmeligen Kleid auf die Uferstudios zu, er mit Anzug und offenem Hemd. Eine Winterhochzeit gewissermaßen. Göring-Eckardt dankt für „eine tolle Urwahl“ und behauptet: „Das war eine großartige Zeit mit Euch.“ Özdemir erklärt: „Mir bedeutet es viel, dass ich heute hier stehen kann.“ Es sei ihm als Kind von Zuwanderern „nicht in die Wiege gelegt“ worden. Der Wahlkampf sei überdies „zu jeder Zeit fair“ verlaufen, und niemand sei aus der Urwahl als Verlierer hervorgegangen. So findet die zweite grüne Urwahl nach 2012 ein Ende.

Wie es ausgehen würde, hatte niemand zu prophezeien gewagt. Das hing nicht allein mit der letzten Urwahl zusammen, die als Misstrauensvotum gegen das Establishment gedeutet worden war, sondern auch mit dem unterschiedlichen Profil der Kandidaten. Göring-Eckardt war auf dem Frauenplatz gesetzt. Andere Aspirantinnen wollten nicht, darunter die Parteivorsitzende Simone Peter oder die Europaabgeordnete Ska Keller, die als Vertreterinnen des linken Flügels ins Rennen hätten gehen können.

Bei den Männern war die Auswahl größer – und damit der Konkurrenzkampf. Özdemir erlebte 2016 gleichsam den Sommer seines Lebens. Als anatolischer Schwabe war der 51-Jährige authentischer Vertreter in allen Debatten über den Türkei-Putsch, den islamistischen Terror oder die Integration von Flüchtlingen. Da konnten Hofreiter und Habeck nicht mithalten. Vor allem der unbekanntere Habeck, der in Schleswig-Holstein statt Weltpolitik die Vogelgrippe auf dem Programm hatte, wollte jedoch in die Niederlage nicht einwilligen und attackierte.

Beim ersten Urwahlforum Ende Oktober in Hannover griff er Hofreiter an, weil dieser nach Habecks Meinung mit dem Wort Massentierhaltung einen „unscharfen Begriff“ verwendet habe. „Du kannst auch zehn Kühe scheiße halten“, rief der vermeintliche Outsider ins johlende Publikum und stellte angesichts der kontroversen Steuerdebatte fest: „Im Moment läuft es nicht gut.“ Beim letzten Urwahlforum in der Berliner Kalkscheune drehte Habeck weiter auf. „Wir haben in den letzten zwei Monaten vier Prozentpunkte verloren“, erklärte er. Und: „Neun Prozent in den Umfragen sind nicht Schuld der Großwetterlage, sondern unsere Schuld, unsere eigene Verantwortung.“ Auch behauptete der studierte Philosoph, in der grünen Führung werde bloß noch über die Verteilung der künftigen Ministerposten geredet.

Daraufhin verdrehten die anderen die Augen. Hofreiter wurde aus Ärger richtig laut. Außer dem einstigen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Trittin kenne er niemanden, der über Ministerposten rede, sagte er, mahnte zudem eine bessere Zusammenarbeit an und fragte, ob Spitzengrüne „wirklich in jede Kamera“ ihr „Gesicht reinhalten“ müssten. Zuletzt verlautete aus anderen Teilen der grünen Führung, Habeck gehe zu weit und profiliere sich auf Kosten der Partei.

Der eigentliche Kampf schien sich also zwischen Özdemir und Habeck abzuspielen. Allerdings schlossen nicht wenige auch einen Triumph Hofreiters nicht aus. Denn er war der einzige Vertreter des linken Flügels einer Partei, die immer stärker zu Schwarz-Grün neigt. So vertrat der Bayer sowohl zur Vermögenssteuer wie zur Videoüberwachung eher abweichende Positionen. Die Vermögenssteuer wollte er – die Ausweitung der Videoüberwachung nicht.

Mit einem Wort: Es war spannend bis zum Schluss – und ist doch längst Vergangenheit. Als Göring-Eckardt und Özdemir vor die Journalisten treten, geht es um die Zukunft. Der Auftritt wirkt sehr sorgfältig vorbereitet.

Sie beschwört den Zusammenhalt der Partei und dankt schon ziemlich am Anfang Winfried Kretschmann, „über dessen Mitarbeit im Wahlkampf wir uns sehr freuen“. Das ist ein Hinweis darauf, dass man den eigenwilligen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg frühzeitig einbinden will – kann aber auch als Präferenz für Schwarz-Grün verstanden werden. Die Thüringerin betont außerdem: „Wir fangen heute mit dem Wahlkampf an.“ Dabei wollten die Grünen „deutlich zweistellig werden“. Das ist eine Messlatte, an der sich das Duo wird messen lassen müssen. Özdemir wirbt für einen Kurs, der die deutschen Automobilstandorte nicht untergehen lässt, stellt angesichts der Vermögenssteuerdebatte klar, dass er „keinen Steuerwahlkampf führen“ wolle, und lässt wissen, dass die Integration von Zuwanderern „manchmal nervt“ und „mit viel Aufwand verbunden“ sei.

Zwar erweckt das Gespann den Eindruck, als sei es für ein Rechtsbündnis ebenso offen wie für ein Linksbündnis. Özdemir kündigt sogar an, demnächst zu rot-rot-grünen Gesprächsrunden gehen zu wollen. Doch die bürgerliche Präferenz der beiden Spitzenkandidaten ist ebenso unverkennbar wie das Bemühen, Lust zu verströmen. „Es lohnt sich, anzupacken“, sagt Özdemir. „Ich freue mich auf diesen Wahlkampf.“

Bundesgeschäftsführer Michael Kellner steht kurz darauf am Ausgang der Uferstudios – erschöpft, aber auch stolz. Obwohl allein 40 Frauen und Männer an der seit Samstag laufenden Auszählung der Stimmen beteiligt waren, blieb das Ergebnis geheim – bis gestern um 10.03 Uhr. Der Brandenburger darf sich das als Verdienst anrechnen. Und tut es auch.

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