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Grüne Grüne Begegnung im Zug

Im Zug trifft die mögliche Parteivorsitzende Annalena Baerbock auf den einstigen Fraktionssprecher Thomas Ebermann. Sie erkennen einander aber nicht.

Vorstellung Kandidatinnen für den Parteivorsitz der Grünen
Vielleicht ja bald die neue Parteivorsitzende: Annalena Baerbock, Foto: dpa

Es war gegen 23 Uhr. Und es war ein besonderer Moment. Am Montagabend nämlich begegneten sich die Zukunft der Grünen und ihre Vergangenheit. Und sie begegneten sich doch nicht.

Alles begann damit, dass in Hamburg vielleicht 200 Parteimitglieder zusammen kamen, um die Kandidaten für den Vorsitz in Augenschein zu nehmen, die am Samstag beim Parteitag in Hannover zur Wahl stehen. Annalena Baerbock war da, Anja Piel ebenfalls. Robert Habeck kam später. Nach 90 Minuten endete die Veranstaltung. Baerbock nahm den vorletzten Zug gen Berlin. Ein paar Journalisten taten es ihr gleich. Kurz vor Spandau ereignete sich im Zug dann ein medizinischer Notfall, so dass in Spandau Sanitäter zusteigen mussten und der Zug erstmal nicht weiter fahren konnte. Nachdem wir in eine Regionalbahn gen Hauptbahnhof umgestiegen waren, saß ich in einem dieser Fahrradabteile links neben Baerbock. Sie war allerdings nicht die einzige Berühmtheit, die neben mir saß. Rechts von mir hatte – gleichsam aus dem Nichts kommend – Thomas Ebermann Platz genommen.

Thomas Ebermann? Bei Wikipedia steht: „Thomas Ebermann (* 18. April 1951 in Hamburg) ist ein deutscher Publizist und Politiker. Nach seinem Engagement beim Kommunistischen Bund war er 1980 an der Gründung der Partei Die Grünen in der Bundesrepublik Deutschland beteiligt. Unter anderem war er ab 1982 Abgeordneter der Hamburgischen Bürgerschaft und von 1987 bis 1989 als Bundestagsabgeordneter Fraktionssprecher der Grünen im Bundestag.“ Weiter steht da: „Als Vertreter des ökosozialistischen, linken Flügels trat er zusammen mit anderen Ökosozialisten 1990 aus Protest gegen die ,realpolitische Tendenz der Grünen‘ aus der Partei aus.“

Ich war in jenem Jahr 26 und politisch interessiert. Ich habe noch den Spott im Ohr, den Ebermann ausgoss über all jene, die meinten, sie könnten dieses Land durch Reformen verändern. Aus seiner Sicht waren das alles Dummköpfe. Auch habe ich in Erinnerung, dass der Mann genau das nicht war – was wiederum nichts daran änderte, dass ich seine Ansichten für falsch hielt. Ebermann war intellektuell wie rhetorisch stets äußerst interessant. Ja, er war auch wegen seines Hamburger Akzents, seines Mienenspiels und seiner Körpergröße eine Erscheinung.

Dass der nun 66-Jährige – ergraut, offensichtlich müde und längst vom Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit verschwunden – einen Sitz weiter verharrte, berührte mich seltsam. Noch seltsamer berührte mich, dass Baerbock so wenig Notiz von Ebermann nahm wie Ebermann von Baerbock. Denn sie ist Jahrgang 1980. Als die heutige Bundestagsabgeordnete in ein politisch bewusstes Alter kam, hatte er das Parlament längst verlassen. Ebermann wiederum dürfte sich in seinem Spott über die Partei bestätigt sehen. Zwar kämpfen dort immer noch Linke und Realos gegeneinander. In Hannover wird das erneut zu erleben sein. Aber auf einem viel gemäßigteren Niveau. Eine Überwindung des Kapitalismus propagiert bei den Grünen niemand mehr.

In jener Nacht begegneten sich also ein schon etwas älterer Herr, über den die Zeit hinweggegangen ist, und eine junge Frau, deren Zeit noch kommt. Und ich begegnete auf eine irritierende Weise mir selbst.

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