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Großbritannien Frauenwahlrecht wird 100

An diesem 6. Februar vor 100 Jahren wurde britischen Frauen zum ersten Mal das Wahlrecht gewährt. Aber völlige Gleichberechtigung ist natürlich immer noch Theorie.

London
London 1918: Junge Frauen feiern das Kriegsende. Das neue Wahlrecht galt nur für Ältere. Foto: Imago

Ein reines Geschichtsbuch wollte Helen Pankhurst nicht schreiben. Als Trägerin eines großen Namens fühlt sich die Entwicklungshilfespezialistin dem Anliegen von Urgroßmutter Emmeline und Großmutter Sylvia verpflichtet. Sie trugen maßgeblich zur Durchsetzung des Frauenwahlrechts im Vereinigten Königreich bei. Und so ist auch das pünktlich zum 100. Jahrestag des entsprechenden Gesetzes erschienene „Deeds not Words“ („Taten statt Reden“) mindestens so sehr ein Aufruf zu weiteren Kampagnen wie herkömmliches Sachbuch. Den Titel hat sich die 53-jährige Autorin bei ihren Vorfahrinnen ausgeborgt: Der Slogan beschrieb die Militanz der Suffragetten, die mit Gewalt auf ihr Anliegen aufmerksam machten, dafür eingesperrt, zwangsernährt und sogar getötet wurden.

Nach Manchester, wo die Pankhursts einst ihre Kampagne geplant hatten, reist am heutigen Jahrestag die britische Premierministerin Theresa May, lebendes Symbol dafür, wie weit Frauen es in Großbritannien gebracht haben. Nach Margaret Thatcher (1979-90) ist May die zweite Frau in diesem Amt. Ausdrücklich spricht Helen Pankhurst von der Amtsinhaberin als „Feministin“: Die Konservative May hat sich, ganz anders als die Parteikollegin Thatcher, konsequent für ihre Geschlechtsgenossinnen eingesetzt und dazu beigetragen, dass Frauen mittlerweile 208 der 650 Unterhaus-Abgeordneten stellen: 32 Prozent.

Freilich ist dies stärker Labour zu verdanken als den Torys; ganz an die Spitze der britischen Sozialdemokraten haben es Frauen – bis auf Übergangsphasen – bisher gleichwohl nicht geschafft. Andere Institutionen des Staates haben sich ebenso zögerlich geöffnet: Speaker des Unterhauses war bis 2000 acht Jahre lang Betty Boothroyd, dem britischen Supreme Court steht seit vergangenem Herbst Brenda Hale vor, die anglikanische Staatskirche verfügt seit 2015 über Bischöfinnen wie Rachel Treweek.

Sie alle stehen auf den Schultern jener Frauen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts auf ihre Rechte pochten. Mehr als 50 Jahre lang dauerte der Kampf britischer Feministinnen für das Recht, ihre Parlamentarier mitzubestimmen. Tausende von Petitionen blieben unbeantwortet. Vom britischen Establishment, an deren Spitze mit Königin Victoria (1837-1901) immerhin eine Frau stand, mussten sich die Aktivistinnen als „Geisteskranke und Kriminelle“ beschimpfen lassen.

Daraus zogen unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Konsequenzen: Während sich die Suffragetten der direkten Aktion verschrieben, blieben die Suffragisten bei gewaltloser Kampagne. Eines aber verband sie alle, weiß Pankhurst: „Sie waren sehr geschickt im Marketing und wussten die Medien für sich einzuspannen.“

Dass es im Herz des britischen Empire so lang dauerte, während Ex-Kolonien wie Kanada und Australien längst Frauen an die Wahlurne ließen, war auch einem zynischen Wahlkalkül geschuldet. Die liberale Partei widerstand lange Zeit allen Reformen aus Angst, an Bedeutung zu verlieren. Umgekehrt mauserten sich die zunächst skeptische Torys zu Befürwortern des Frauenwahlrechts. Beide Seiten behielten Recht: Britinnen haben über die Jahre stärker für die politische Rechte votiert als Briten. 1930 waren mehr als eine Million Frauen Tory-Mitglieder; hochtoupierte ältere Damen mit klaren Ansichten („The blue rinse brigade“) zählen bis heute zu den Stützen der Partei.

Die Wende brachte der Erste Weltkrieg: Endlich sah das Establishment ein, dass es riesigen Bevölkerungsgruppen nicht länger die Bestimmung versagen konnte. Und so erhielten am 6. Februar 1918 nicht nur alle Männer über 21 Jahre das Stimmrecht, sondern auch alle Frauen mit Grundbesitz über 30, damals rund 40 Prozent der weiblichen Bevölkerung. 1919 zog erstmals eine Frau ins Unterhaus ein. Erst neun Jahre später wurden die Geschlechter endgültig gleichgestellt – jedenfalls beim Wahlrecht.

Zu tun bleibt genug, wie sich durch die „#MeToo“-Kampagne herausgestellt hat. Ob sie der Generation der Vorkämpferinnen danken oder sie eher zum Teufel wünschen würde, wurde Helen Pankhurst kürzlich gefragt. „Beides“, antwortet sie und lächelt: „Jetzt müssen die Jüngeren ran.“

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