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Großbritannien Die Schwäche der Anderen

Im vergangenen Herbst verpasste die Scottish National Party noch ihr Ziel, das Vereinigte Königreich zu sprengen. Vor der Unterhauswahl steht sie aber vor einem großen Erfolg.

Wahlkampf per Hubschrauber: SNP-Chefin Nicola Sturgeon. Foto: AFP

Für Fussball-Fans klingt Parkhead nach Glamour, schliesslich ist hier Celtic daheim. Der traditionsreiche Verein im Glasgower Osten steht vor seiner vierten Meisterschaft in Folge und der 46. der Klubgeschichte. Sein Fussball-Palast mit 60355 Plätzen, im Volksmund Parkhead genannt, dominiert eine Kreuzung vierspuriger Ausfallstrassen, Dauerkartenbesitzer finden auf den umliegenden Industriebrachen reichlich Parkplätze zur raschen An- und Abreise.

In respektvollem Abstand zur Fussballburg ducken sich armselige Mietskasernen in den westschottischen Wind. Die Gehsteige sind übersät mit Hundekot. In den Hauseingängen kleben vielerorts Schilder „No loitering“ – die Aufforderung, nicht herumzugammeln, ist an Alkoholiker und Junkies gerichtet. An der Westmuir Street flattert eine Polizeiabsperrung, auf Asphalt und Gehsteig liegt weißer Sand. Ein Unfall? Wahrscheinlich eher eine Messerstecherei, vermuten zwei Einheimische, Genaueres wissen sie nicht, rasch sind sie verschwunden.

Ohnehin wirkt die baumlose Straße an diesem Frühlingsnachmittag wie ausgestorben. Ab und zu rauscht ein Bus durch, als könnte der Fahrer gar nicht schnell genug wegkommen aus Parkhead. Das Parkhead Youth Project ist geschlossen, ebenso wie das Beerdigungsinstitut der Co-Op. Dabei haben Bestatter hier viel zu tun: Im Osten der grössten Stadt Schottlands, in Sozialgettos wie Easterhouse und Parkhead, sterben die Leute durchschnittlich mit 67 Jahren – der Landesdurchschnitt liegt bei 80,54.

Im Pub O’Kanes beginnt die Happy Hour schon zur Mittagszeit. Ein kleiner Whisky kostet 1,40 Euro/1,47 Franken, das billigste Pint Bier ist fürs Doppelte zu haben. Geöffnet haben außerdem jede Menge Wettbüros. Und die Wahlkampfzentrale von Natalie McGarry. „SNP – vote McGarry“ prangt unübersehbar über dem ebenfalls mit Plakaten in warmem Gelb vollgepflasterten Schaufenster.

Die drei Buchstaben SNP stehen für Scottish National Party, die schottische Nationalpartei. Im vergangenen Herbst verpassten die Nationalisten ihr Ziel, das Vereinigte Königreich zu sprengen: Bei der Volksabstimmung über die Unabhängigkeit stimmten die 5,3 Millionen Schotten mit 55,3 Prozent für den Verbleib im Gesamtstaat. Acht Monate später stehen die drei Buchstaben für einen der Unabhängigkeit vergleichbaren Einschnitt. SNP-Kandidaten wie McGarry, so prophezeien es die Umfragen seit Monaten, werden bei der Unterhauswahl am kommenden Donnerstag die große Mehrheit der 59 Mandate gewinnen, die dem Nordteil Grossbritanniens im Parlament von Westminster zustehen.

In der letzten Legislaturperiode verloren sich sechs Nationalisten unter den 650 Abgeordneten, zukünftig sollen es sechs-, sieben-, achtmal so viele sein – manche Demoskopen halten sogar die Sensation eines Kompletterfolges für möglich. Weil die gleichen Umfragen vom Patt zwischen den traditionellen Regierungsparteien Torys und Labour ausgehen, könnten die Feinde des Gesamtstaates zukünftig das Zünglein an der Waage darstellen.

Noch ist es nicht so weit, noch kämpfen die Juristin McGarry, 33, und ihre Leute um jede Stimme. An diesem Spätnachmittag geht es um die Briefwähler. Ausgestattet mit Unterlagen des Wahlamtes, die allen Parteien zur Verfügung stehen, schwärmen SNP-Trupps aus. Es sind mehrheitlich die bürgerlichen Bezirke des Wahlkreises Glasgow-Ost, die im Zickzack abgefahren werden. Doch auch in Parkhead gibt es Briefwähler. An den Türen schmucker Einfamilienhäuser, im Hausflur grauer Mietshäuser die immergleiche Frage: „Haben Sie Ihre Unterlagen erhalten? Werden Sie SNP wählen?“ Im dritten Stock eines Sozialwohnungsblocks an der Westmuir Street erhält der schmächtige IT-Student Alex klare Auskunft von einem untersetzten Mann in dunkelblauem Sport-Trikot. „Ja, das mache ich“, nuschelt Derek MacKenzie in breitem Dialekt und lässt sich von Alex ein SNP-Poster fürs Fenster geben. „Bisher habe ich immer Labour gewählt. Nie wieder.“

Es ist diese weitverbreitete Ablehnung der alten Arbeiterpartei, die Nationalisten hoffen und Labour-Leute verzweifeln lässt. Seit Jahrzehnten, seit dem Niedergang der schottischen Konservativen unter Margaret Thatcher (1979-1990) dominierte Labour die Politik nördlich des Hadrianswalls. In Wahlkreisen wie Ost-Glasgow gewannen noch 2010 die Truppen des schottischen Premierministers Gordon Brown (2007-2010) mit riesigen Mehrheiten. Der sogenannte Zentralgürtel, in dem 80 Prozent der Bevölkerung leben, war tiefrot gefärbt; die Metropole Glasgow hat seit 1983 nur Labour-Leute ins Unterhaus geschickt.

Aus, vorbei. Labour-Frau Margaret Curran gewann Glasgow-Ost zuletzt mit 12000 Stimmen Vorsprung. Doch die politische Zukunft der erfahrenen Politikerin könnte am Donnerstag ebenso zu Ende gehen wie die anderer Prominenter im Grossraum Glasgow: Schatten-Aussenminister Douglas Alexander, Labours schottischer Parteichef Jim Murphy, sie alle drohen hinweggefegt zu werden von einem Phänomen, das ein verzweifelter Kandidat der Financial Times als „Tsunami“ beschrieb. Der dichtbesiedelte Landstrich zwischen Glasgow und Edinburgh stehe „als Ganzes auf der Kippe“, glaubt der Glasgower Abgeordnete William Bain – womöglich wird Currans Wahlkreisnachbar als einziger Roter die gelbe Flut überleben.

Woher kommt die Wut auf Labour, die Begeisterung für die Nationalisten? „Die Stärke der SNP ist auch die Schwäche der Anderen“, analysiert Jan Eichhorn, Soziologe an der Uni Edinburgh. Regelmässig fragen der gebürtige Magdeburger, 28, und seine Kollegen an diversen schottischen Universitäten die Bevölkerung nach ihrer Einstellung zu politischen und sozialen Fragen. In den Jahren zuvor schleichend, im Vorfeld der Unabhängigkeitsdebatte immer schneller haben sich die Nationalisten Eichhorn zufolge in den Köpfen der Wähler als Sachwalter schottischer Interessen etabliert. Dazu trug die weitgehend reibungslose Edinburgher Regierungsarbeit der SNP seit 2007 erheblich bei. Hingegen präsentierte sich Labour im schottischen Parlament mit kläglichen Figuren, alle wichtigen Köpfe machten in Westminster britische Politik. Noch jetzt, glaubt Eichhorn, nehme die sozialdemokratische Parteispitze die SNP „als Unfall wahr: Labour setzt sich nicht mit der Realität der SNP-Regierung auseinander.“

Das dürfte sich notgedrungen bald ändern. Wir treffen Eichhorn in einem schicken Cafè im Edinburgher Südwesten. Der gleichnamige, durch und durch bürgerliche Wahlkreis entsandte zuletzt Alistair Darling nach London. Der hochangesehene letzte Labour-Finanzminister präsidierte im Kampf um die Unabhängigkeit dem Bündnis „Gemeinsam Besser“, in dem sich die Unionsparteien zusammengeschlossen hatten. Dass die Sozialdemokraten gemeinsame Sache mit den Partnern der Londoner konservativ-liberalen Koalition machten, haben viele Schotten ihnen nicht verziehen. Zumal Premier David Cameron dem Votum für den Verbleib bei Grossbritannien einen Tiefschlag folgen ließ: Zukünftig sollten schottische Volksvertreter im Unterhaus bei Fragen, die „ausschließlich England“ betreffen, nicht mehr mitstimmen, verkündete der Londoner Regierungschef ohne Absprache mit Labour und Liberaldemokraten am Morgen nach der Abstimmung. Dabei lassen sich im noch immer hochzentralisierten Grossbritannien die Politikfelder und ihre Finanzierung kaum abgrenzen, wie ein Kenner der ungeschriebenen Verfassung, Professor Vernon Bogdanor vom Londoner Kings College, beteuert.

Camerons allzu durchsichtiges parteitaktisches Manöver half den Nationalisten dabei, die klare Niederlage an der Wahlurne in einen moralischen Sieg zu verwandeln. Ministerpräsident Alex Salmond, 60, überließ seiner langjährigen Stellvertreterin Nicola Sturgeon, 44, die Führung von Partei und Regierung, der frische Wind brachte der SNP zusätzlichen Aufwind. Die Mitgliederzahl hat sich vervierfacht, statt 20 Prozent wie 2010 wollen diesmal rund 45 Prozent der Schotten für die Nationalisten stimmen, etwa gleich viele wie für die Unabhängigkeit. Unionisten-Vormann Darling hat seine persönliche Konsequenz gezogen und tritt bei dieser Wahl nicht mehr an. Sein Wahlkreis dürfte an die erfahrene Kronanwältin Joanna Cherry von der SNP fallen.

21 von 59 Parlamentskandidaten der SNP sind Frauen wie Cherry und McGarry – noch so ein Faktor, der die sehr männlich geprägte Labour-Party alt und unmodern aussehen läßt. Die SNP hingegen profitiert vom Sturgeon-Boom. Flugs hat die Partei ihre gesamte Werbung auf die hochpopuläre Chefin zugeschnitten; ganz allein präsentierte Sturgeon vergangene Woche in einem zum Kletterzentrum umgebauten stillgelegten Steinbruch auch das Wahlprogramm ihrer Partei. Da steht die 44-Jährige im bonbonrosa Kostüm auf der ins SNP-Dunkelgelb getauchte Bühne, hinter ihr ragen bis zu 20 Meter hohe Betonbrocken zur Decke, Symbol für die in den Himmel reichenden Ambitionen der Partei. Unverhohlen wirbt die Nationalistin um die Stimmen bisheriger Labour-Wähler: Die SNP will die sogenannte „Austeritätspolitik“ beenden, Sozialkürzungen rückgängig machen und die einseitige Nuklearabrüstung einleiten. Ihre Anhänger klatschen begeistert.

In Glasgow bricht die Nacht herein, Natalie McGarrys Wahlkampf ist für diesen Tag zu Ende. Nur eine Adresse steht noch auf der Liste, in der Winning Row, der Siegeszeile. Diesmal reagiert niemand auf das Klopfen an der Tür. Doch ohne Zweifel befinden sich McGarry und ihre Partei auf der Siegerstraße.

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