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Großbritannien Debatte über den Fall Skripal in Den Haag

Unabhängige Chemiewaffen-Experten untersuchen die beiden Opfer des Giftanschlags von Salisbury. Russland lanciert derweil Thriller-verdächtige Verschwörungstheorien.

Skripal-Fall
Die Parkbank, auf der die Skripals zusammenbrachen. Foto: afp

Im Fall Skripal gibt sich Russland wieder betont forsch. Einen Monat nach der Vergiftung des russischen Ex-Doppelagenten und seiner Tochter Julia im englischen Salisbury tagte am Mittwoch in Den Haag der Exekutivrat der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen (OPCW), Russland hatte die Sondersitzung beantragt.

Allerdings erwartet niemand einen Schiedsspruch, wer in dem erbitterten Streit um den Giftanschlag auf die Skripals recht hat: Die britische Seite und ihre westlichen Verbündeten, die den russischen Staat für das Verbrechen verantwortlich machen und deshalb in den vergangenen Wochen mehr als 130 russische Diplomaten weltweit nach Hause geschickt haben. Oder Moskau, dass alle Vorwürfe von sich weist und mit einem „symmetrischen Rauswurf“ westlicher Diplomaten konterte.

In Den Haag gab es verbales Hauen und Stechen: Die britische Delegation, geführt vom Chemiewaffenexperten John Foggo, twitterte, Russland habe den „perversen“ Vorschlag gemacht, gemeinsam zu ermitteln – das habe man zurückgewiesen. „Es gibt in der Chemiewaffenkonvention keinen Punkt, der dem Opfer vorschreibt, den wahrscheinlichen Verbrecher zu gemeinsamen Ermittlungen einzuladen“, verlautbarte Downing Street. Die russische Botschaft in Den Haag twitterte ihrerseits, 14 Mitgliedsländer unterstützten eine gemeinsame Erklärung an die OPCW. Aber abgesehen von dem Inhalt war zu Redaktionsschluss dieser Ausgabe unklar, ob 14 von 41 Stimmen im Exekutivrat für eine Mehrheit reichten.

Zur Zeit analysieren OPCW-Spezialisten das Blut der Opfer und das Gift, auch die Kriminalermittlungen sind noch im vollen Gange. Russland aber scheint gewillt, jedes Resultat der OPCW-Sondersitzung als Sieg zu feiern. Präsident Wladimir Putin machte schon Dienstagabend in Ankara deutlich, dass man die Tagesordnung dominiere: „Als Minimum haben wir 20 Fragen zur Debatte gestellt und ich hoffe, dass in dieser Diskussion der Schlusspunkt unter das gesetzt wird, was geschehen ist.“

Sergei Naryschkin, Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR redete von „grotesken Provokationen im Fall Skripal, den die Geheimdienste Großbritanniens und der USA grob zusammengeschustert“ hätten. Auch Putins Sprecher Dmitri Peskow verbreitete Siegesgewissheit: „London wird sich auf irgendeine Weise bei der russischen Seite entschuldigen müssen.“ Zahlreiche russische Medien meldeten, die Briten hätten das Fehlen jeden Beweises eingestanden, dass das Nervengift aus Russland stamme. Zuvor hatte das „Labor für Verteidigungsforschung und -technologie“ in Porton Down mitgeteilt, man habe das Gift eindeutig als den Nervenkampfstoff Nowitschok identifiziert, dessen technologisch hochkomplizierte Herstellung wohl nur für einen Staat möglich sei. Die genaue Herkunft sei chemisch nicht zu bestimmen, aber die Regierung besitze eine Reihe andere Quellen, um diesen zu überprüfen.

Auch nach Ansicht des deutschen Chemiewaffen-Experten Ralf Trapp kann nur ein staatliches Labor die Quelle für das verwendete Nervengift sein. „Ich bin sicher, dass das Gift aus einem Labor kommt, das Bestandteil eines staatlichen Programms ist und Erfahrungen mit solchen Substanzen hat“, sagte der Toxikologe am Mittwoch. Terror-Organisationen oder kriminelle Banden hätten nicht die nötige Erfahrung dafür, so Trapp, infrage kämen beispielsweise die staatlichen Einrichtungen in der ehemaligen Sowjetunion. Oder auch Einrichtungen im Iran und in der früheren Tschechoslowakei, wo man den Schutz vor solchen Stoffen erforscht habe.

Russische Offizielle bestreiten teilweise, dass je ein Kampfstoff „Nowitschok“ entwickelt oder produziert wurde. Putin meinte am Dienstag, etwa 20 Länder könnten solche Nervengifte herstellen.

Auch Senator Puschkow verdächtigte am Mittwoch die USA als Drahtzieher der Giftaffäre. Vermutlich habe ein Geheimdienstmann nur 50 Meter vom Tatort entfernt bereitgestanden und Skripal und seiner Tochter binnen zehn Minuten ein Gegenmittel gespritzt. Der Agent müsse also genau gewusst haben, gegen was er das Gegenmittel verabreichte. Russlands Offizielle werden wohl noch diverse Versionen des Mordanschlags liefern, eher der Fall Skripal wirklich geklärt ist. (mit dpa)

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