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Großbritannien Britische Rassismen

Boris Johnson beginnt eine heftige Debatte über verhüllte Muslimas. Einige werfen ihm offenen Rassismus vor.

Boris Johnson
Boris Johnson unterwegs in London. Foto: rtr

Statt über den Brexit diskutiert das politische London über das Verhältnis der großen politischen Parteien zu ethnischen und religiösen Minderheiten. Bei der Labour-Opposition geht der Antisemitismus-Streit in den zweiten Monat. Derweil hat Boris Johnson diese Woche eine heftige Kontroverse über verhüllte Musliminnen vom Zaun gebrochen. Parteifreunde und Islam-Vertreter warfen dem Ex-Außenminister krasse Unsensibilität oder gar offenen Rassismus vor; von Premierministerin Theresa May hieß es, sie wünsche sich eine Entschuldigung.

In seiner Kolumne für den Daily Telegraph, die zuletzt mit jährlich 278 000 Euro vergütet wurde, widmete sich Johnson dem in Dänemark in Kraft getretenen Verbot von Burka und Nikab, also der religiös motivierten Vollverschleierung von Frauen. Ausdrücklich lehnte er ein solches Verbot für Großbritannien ab, obwohl die Verschleierung „repressiv und lächerlich“ sei. Vollverschleierte Frauen glichen einem „Briefkastenschlitz“ oder „Bankräuber“, schrieb Johnson. Dennoch bleibe der Schleier das Recht „einer in Freiheit geborenen Erwachsenen“.

Ähnliche Debatten hat Großbritannien immer wieder geführt. Einer von Johnsons Vorgängern als Außenminister, Labour-Mann Jack Straw, berichtete aus seinem Wahlkreis, er bestehe bei persönlichen Gesprächen darauf, das Gesicht seines Gegenübers zu sehen. An Schulen und Unis sowie im Gerichtssaal kam es wiederholt zu schwierigen Einzelfällen. Die Zahl der vollverschleierten Muslimas in Großbritannien wird auf 10 000 bis 40 000 geschätzt, bei einer Gesamtzahl von  1,5 Millionen Frauen also zwischen 0,6 und 2,6 Prozent.

Disziplinarverfahren gegen Johnson

Dass jetzt prominente Konservative auf Johnson einprügeln, am Donnerstag sogar ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet wurde, hat auch mit der Person Johnsons zu tun. Bei Parteifreunden und der liberalen Öffentlichkeit steht der Londoner Ex-Bürgermeister unter dem Verdacht, er wolle sich als Anführer des rechten Parteiflügels positionieren und mit Populisten wie Donald Trump gemeinsame Sache machen.

Die schottische Tory-Chefin Ruth Davidson forderte Johnson auf, sich für seine „rüden und überflüssigen“ Bemerkungen zu entschuldigen. Ex-Generalstaatsanwalt Dominic Grieve teilte mit, der Fraktionskollege tauge nicht zum Premier: „Sollte er je Parteichef werden, wäre meine Mitgliedschaft beendet.“ Während der Oxforder Imam Taj Hargey Johnson in Schutz nahm („berechtigte Kritik“), schloss sich die Wochenzeitung Jewish Chronicle der Schelte an: Der Konservative habe „geredet wie am Stammtisch“. 

Diese Maxime gilt auch für das Verhältnis der 300 000 britischen Juden zur oppositionellen Labour-Party. Nachdem deren Parteivorstand eine international gebräuchliche Definition von Antisemitismus nicht wortgetreu in ein neues innerparteiliches Regelwerk übernehmen wollte, bezeichneten alle drei jüdischen Wochenzeitungen des Landes vergangenen Monat eine Corbyn-Regierung „als existenzielle Bedrohung für jüdisches Leben in diesem Land“.

Der Linksaußen und Parteichef Jeremy Corbyn sowie seine Berater stören sich an einigen Erläuterungen zur 2016 von der Allianz zur Erinnerung an den Holocaust (IHRA) verabschiedeten „Arbeitsdefinition“ von Antisemitismus. Dort heißt es unter anderem, „die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen“, müsse als antisemitisch gelten.

Offenbar fürchtet die Corbyn-Fraktion, eine künftige, israel-freundlichere Parteispitze könnte das Regelwerk zu ihrer Disziplinierung verwenden. Dagegen vermutet Politologe Anthony Glees, ein Kritiker Corbyns, der Labour-Vorstand wolle sich mit seiner Haltung „die Stimmen der drei Millionen Muslime sichern“. Entspannung im innerparteilichen Streit brachte die Niederschlagung eines Disziplinarverfahrens gegen die prominente jüdische Abgeordnete Margaret Hodge. Diese hatte Corbyn öffentlich als „Rassisten und Antisemiten“ bezeichnet; bis zu zwölf Labour-Abgeordnete hatten gedroht, notfalls mit Hodge die Partei zu verlassen. 
Der Publizist Nick Cohen versandte per Twitter einen sarkastischen Seufzer über die Debatten in den beiden Parteien: „Wenn Sie Moslems hassen, wählen Sie Tory. Wenn Sie Juden hassen, wählen Sie Labour. Was für ein Land.“ 

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