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Großbritannien Antisemiten in Labours Reihen

Die britische Sozialdemokratie schlittert in ihre nächste Krise. Labour-Chef Jeremy Corbyn wird beschuldigt, Judenhass unter seinen Anhängern zu ignorieren.

Jeremy Corbyn
Das Vertrauen in die Arbeiterpartei schwindet - Corbyn muss den Schaden begrenzen. Foto: dpa

Wenige Wochen vor den englischen Kommunalwahlen findet sich die just noch hoffnungsfrohe Labour Party in einer schweren Krise wieder: Die Partei der britischen Linken dulde – so der Vorwurf – Antisemiten in ihren Reihen. Labour-Chef Jeremy Corbyn wird beschuldigt, Judenhass unter seinen Anhängern zu ignorieren.

Traditionelle Labour-Wähler in der jüdischen Bevölkerung Großbritanniens geben an, „das Vertrauen verloren“ zu haben in die alte Arbeiterpartei. Empörte Abgeordnete sehen „die Seele der Partei in Gefahr“. Hunderte Mitglieder sollen Labour allein in der vorigen Woche den Rücken gekehrt haben – die „Times“ zählte auch 3000 Beitragsverweigerer. Jüdische Verbände, für die Labour immer politische Heimat war, sind „zutiefst besorgt“.

Ein früherer Labour-Sympathisant, der Geschäftsmann und TV-Entertainer Lord Sugar, steuerte einen „witzig gemeinten“ Tweet bei, dessen Foto einen Kopf Corbyns neben Hitler in einem Auto montierte. Lord Sugar zog den Tweet – auf Bitten aus der Labour-Führung – alsbald zurück, aber der sozialmediale Schaden war bereits geschehen.

Garrard kündigt Zuwendungen auf

Sir David Garrard, der Labour in den vergangenen 15 Jahren rund 1,5 Millionen Pfund an Spenden hatte zukommen lassen, kündigte der Partei zu Ostern alle Zuwendungen auf. Die Parteiführung, fand Garrard, habe in den vergangenen zwei Jahren „die wüstesten antisemitischen Handlungen unterstützt und gebilligt“. Das ist ungefähr so lang, wie Corbyn Labour anführt.

Ein ehemaliger Speaker des Unterhauses, Michael Martin, riet seiner Partei, sich durch Einberufung eines Sonderkongresses vom Ruch des Antisemitismus zu befreien. Martin findet es „widerlich“, was bei Labour in Gange sei. Am Ostersonntag meldete die „Sunday Times“, sie sei bei Facebook-Gruppen, die Corbyn unterstützten, auf Tausende antisemitischer, rassistischer und gewalttätiger Botschaften gestoßen. „Enthüllt: Corbyns Hassfabrik“ überschrieb das Blatt seine Nachforschungen im Internet.

Labour konterte, niemand von den Zitierten gehöre der Partei an – die Rechtspresse attackiere Jeremy Corbyn aus rein politischen Gründen.

Eine Reihe von Vorfällen, die teils erst jetzt bekannt wurden, haben Labour schwer in Bedrängnis gebracht in den vergangenen Tagen. So erfuhr die Öffentlichkeit, dass Labour-Politiker in Peterborough seit November vergebens versucht hatten, höhere Stellen in der Partei auf einen Judenhasser und Holocaustleugner in ihren Reihen aufmerksam zu machen.

Als der Betreffende endlich suspendiert worden war, setzte sich das linke Vorstandsmitglied, die Corbyn-Vertraute Christine Shawcroft, hinter den Kulissen für dessen Wiederaufnahme ein, um der Parteirechten eins auszuwischen. Shawcroft erklärte, fragwürdige „Elemente“ im Ortsverband, die gegen Corbyn seien, hätten den „missverstandenen“ Mann ausbooten wollen. Nach einem mehrtägigen Proteststurm musste Shawcroft ihren Vorsitz bei der Schiedskommission Labours und dann auch ihren Sitz im Parteivorstand räumen.

70 Disziplinarverfahren

Der Fall brachte zu Tage, dass mindestens 70 Disziplinarverfahren ähnlicher Art bei Labour anhängen, manche schon seit Jahren. Zum Beispiel steht noch immer ein Urteil über Londons Ex-Bürgermeister Ken Livingstone aus. Der hatte im April 2016 behauptet, Hitler sei Zionist gewesen, „bevor er überschnappte und am Ende sechs Millionen Juden umbrachte“.

Neue Unruhe bei Labour hat auch die Nachricht ausgelöst, dass Corbyn sich vor längerem negativ über die Zerstörung einer antisemitischen Wandmalerei im Osten Londons – jüdische Banker spielen auf den Buckeln armseliger Gestalten Monopoly – geäußert hatte: „Beeinträchtigung künstlerischer Meinungsfreiheit“. Jetzt entschuldigte er sich damit, dass ihm nicht bewusst gewesen sei, was das Bild darstelle. Einige Parteifreunde sprangen ihm bei und meinten, an Corbyn sei „kein antisemitisches Haar“. Andere meinen dagegen, als ein lebenslanger Aktivist gegen die Politik Israels könne er sich gar nicht dazu bringen, entschieden gegen Antisemitismus vorzugehen.

Rhea Wolfson, ein linkes Vorstandsmitglied Labours, befand am Montag, ihre Partei habe „ein echtes Problem“. Neuen Umfragen des Instituts YouGov zufolge würden 47 Prozent aller Mitglieder ihnen zustimmen, meinen aber, das Problem werde aufgebauscht, um Corbyns Stellung zu untergraben. 30 Prozent sagen: alles bloß rechte Propaganda.

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