Lade Inhalte...

Griechenland Türkische Agenten heuern deutsche Rentner an

Türkische Agenten werben Senioren aus Nordeuropa an, um militärische Ziele in Griechenland auszuspähen. Auch Deutsche bessern so offenbar ihre Rente auf.

Beruf Renter, Nebenjob Spion - besonders gerne rekrutiert der türkische Geheimdienst offenbar sonnenhungrige Nordeuropäer. (Symbolbild) Foto: Imago

Mit James Bond haben sie wenig gemein, dafür sind sie viele und effektiv. Anfang der Woche wurde bekannt, dass ein „Rentner-Netzwerk“ im Dienst des türkischen Geheimdienstes MIT in Griechenland Sicherheitseinrichtungen und sensible Infrastruktur auskundschaftet. Die Spionageaktivitäten konzentrieren sich auf griechische Inseln, die nahe am türkischen Festland liegen. Laut einem Zeitungsbericht rekrutiert der MIT dafür vor allem nordeuropäische Senioren, die sich wegen des warmen Klimas in Griechenland niedergelassen haben. Auch deutsche Pensionäre verdienen sich als Freizeit-007 ein Zubrot. Das kann sie teuer zu stehen kommen, da militärische Spionage mit hohen Haftstrafen geahndet wird.

„Geständnisse eines Spions“, überschrieb die griechische Zeitung Kathimerini am Montag ihren Artikel, der sich liest wie das Skript für einen Agententhriller. Das Blatt stützt sich auf ein Interview mit einem „Rentner aus Nordeuropa“ namens „Martin“ und dessen Aussagen vor einem griechischen Gericht, wo er sich wegen Spionage für die Türkei verantworten musste. Der MIT hatte den Mann, dessen echter Name aus Schutzgründen nicht genannt wird, demnach mit seiner Homosexualität zur Zusammenarbeit erpresst und ihn in einen Spionagering auf den nahe der Türkei gelegenen griechischen Inseln eingebunden. Vor einigen Monaten wurde „Martin“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die wegen seiner umfassenden Kooperation mit den griechischen Ermittlern kurz ausfiel. Das Interview ist das erste, das griechische Medien jemals mit einem MIT-Spion führen konnten.

Martin saß „zu Beginn des Jahrzehnts“ in einer Taverne am Meer, als ihn ein Türke ansprach, sich als „Mehmet“ vorstellte und behauptete, sie seien sich schon einmal in der Türkei begegnet. Martin war aus Gesundheitsgründen mit 50 Jahren nach Antalya und dann in die Mittelmeermetropole Izmir gezogen, bevor er neun Jahre später nach Griechenland übersiedelte. Mehmet lobte Martins Fähigkeiten als Fotograf und bat ihn, einige „touristische“ Bilder der Insel für ihn zu machen; der Rentner fühlte sich geschmeichelt und kam der Bitte nach. Drei Monate später reiste Martin nach Izmir, um sich wieder mit „Mehmet“ zu treffen, der ihn damit überraschte, dass an dem Termin fünf weitere Männer „in grauen Anzügen und blauen Hemden“ teilnahmen. Mehmet war diesmal auch viel weniger nett und forderte weitere Aufnahmen von der griechischen Insel - nun aber von militärischen Zielen. „Er drohte mir und sagte, falls ich nicht spure, hätten sie andere Mittel, um mich zu überzeugen“, zitiert Kathimerini den Auswanderer.

Wie der Rentner aussagte, hätten die Türken alles über ihn gewusst, vor allem über seine jahrelange Affäre mit einem jungen Türken aus Izmir. „Wir wissen, dass du ein kranker Mensch bist, Martin“, habe Mehmet ihn eingeschüchtert. „Du wirst tun, was wir dir sagen, oder wir werden Bilals Familie oder dir etwas antun.“ Martin gehorchte. Fünf Jahre lang fotografierte er Ziele auf der grenznahen Insel, die ihm der MIT zuwies: den Flughafen und das Kraftwerk, Fahrzeuge der Militärbasen, Schiffsbewegungen im Hafen, Bewässerungssysteme.

Fotos in die Türkei übermittelt

Bis er auf frischer Tat ertappt wurde, war er „fast täglich“ mit seiner Kamera unterwegs. Martin sagte, er habe die Fotos mit Hilfe spezieller Software des MIT an seinen Führungsoffizier in der Türkei übermittelt. Wenn er etwas übersah oder wegließ, hätten sie ihm erklärt, dass „der Fotograf ihrer Agentur“ noch etwas anderes beobachtet habe. „Es war klar, dass ich nicht der einzige war, der auf der Insel für sie arbeitete.“ Militärische Objekte dürfen in Griechenland nicht ohne Erlaubnis fotografiert werden. Für seine Dienste bekam Martin anfangs 400 Euro, zuletzt 1250 Euro monatlich überwiesen. Er hat Griechenland inzwischen verlassen.

Obwohl die beiden Nato-Mitglieder Griechenland und Türkei historisch verfeindet sind, ist über die gegenseitige Spionage in den vergangenen Jahrzehnten relativ wenig bekannt geworden. Zwar werden die türkischen und griechischen Minderheiten im jeweils anderen Land häufig unter Generalverdacht gestellt, doch reale Vorfälle entsprechen dem nicht. So entpuppte sich ein Sensationsbericht von Medien beider Länder über eine bewaffnete Konfrontation griechischer und türkischer Agenten in Athen vor wenigen Tagen als Ente. Angeblich hatten die Griechen einige MIT-Angehörige mit gezogener Pistole daran gehindert, einen türkischen Armeeoffizier, der nach dem gescheiterten Militärputsch vom Juli 2016 nach Griechenland geflüchtet war und dort Asyl erhalten hatte, zu entführen. Wie das griechische Internetportal Mononews aufdeckte, war die Geschichte von vorn bis hinten erfunden.

Anders der Fall Martin, der zu ähnlichen Meldungen aus den vergangenen Jahren passt. Im Oktober 2014 wurde ein 65-jähriger Deutscher, der seit zwei Jahren auf der östlichen Ägäisinsel Kos lebte, wegen Spionage für die Türkei verhaftet und zwei Jahre später zu 14 Jahren Haft verurteilt. Der ehemalige NVA-Offizier war beim Fotografieren eines Militärgefängnisses beobachtet worden. Als Polizisten sein Auto durchsuchten, fanden sie ein Fernglas, ein Zielfernrohr, digitale Speichergeräte und Computer.

Während seines Prozesses gab er an, dass ihn der MIT 2011 rekrutiert habe, als er noch in der Türkei lebte. Er habe 2000 Euro monatlich erhalten, sei aber „nur einer von zahlreichen deutschen und anderen westeuropäischen Rentnern in Griechenland“, die der türkische Geheimdienst rekrutiert habe. Ein Jahr zuvor hatte die Polizei auf der Insel Chios bereits einen 72-jährigen deutschen Rentner verhaftet, dem ebenfalls Spionage vorgeworfen wurde. Bei ihm wurden drei Laptops, zwei Kameras, zwei Handys und ein Fernglas mit einer eingebauten Kamera sichergestellt. Er räumte ein, Spionageaufträge von unbekannten Türken erhalten und dafür zwischen 500 und 1500 Euro bekommen zu haben.

Offenbar haben die Türken Probleme, griechische Mitarbeiter anzuwerben. Mit den sonnenhungrigen, oft unausgelasteten EU-Senioren haben sie eine Alternative gefunden. Ex-Agent „Martin“ erklärte vor Gericht, dass der MIT ein „Netzwerk von nordeuropäischen Rentnern“ als Spionageteam auf den griechischen Ägäisinseln aufgebaut habe. Dort wird man die Auswanderer aus Germania, Anglia oder Ollandia in Zukunft wohl mit einem gewissen Misstrauen betrachten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Griechenland

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen