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Griechenland Flüchtlinge Der tödliche Zaun

Griechenland riegelt seine Grenze zur Türkei hermetisch ab, viele Flüchtlinge sterben deswegen in der Ägäis. Manche Schleuser bringen sie sogar bewusst in Lebensgefahr.

Turkish military watchtower is seen through the barbed wire of a fence, which is being constructed, along the Greek-Turkish borderline near Orestiada town
Ein türkischer Wachturm am Grenzzaun zu Griechenland. Foto: REUTERS

Auf dem Friedhof von Agios Panteleimon auf Lesbos gibt es Dutzende namenlose Gräber. Hier liegen sie, die Männer, Frauen und Kinder, die von der griechischen Küstenwache tot aus dem Meer gefischt oder irgendwann von den Wellen an die Küste gespült wurden.

Auf allen Inseln der östlichen Ägäis gibt es diese anonymen Grabstätten. Auch auf Samos. Hier mussten Anfang der Woche weitere Gruben ausgehoben werden: Für jene 22 Menschen, die am frühen Montagmorgen vor der Nordküste der Insel ertranken, als die Motorjacht, auf der sie von der türkischen Küste nach Griechenland zu gelangen hofften, aus noch ungeklärter Ursache kenterte.

Während noch nach weiteren Opfern der Tragödie gesucht wurde, konnte die Küstenwache am Dienstag vor Samos 24 Flüchtlinge von einem bereits sinkenden Boot retten. Wenig später entdeckte die Besatzung eines Patrouillenbootes auf einem unbewohnten Felseneiland vor der Insel Chios 16 Migranten, die dort offenbar von Schleusern abgesetzt worden waren. „Wir erwarten, dass der Flüchtlingsstrom in diesem Sommer weiter anschwellen wird“, sagt Nikos Lagadianos, der Sprecher der griechischen Küstenwache.

Das liegt vor allem an einem Bauwerk, das sich rund 400 Kilometer Luftlinie nördlich von Chios durch die Landschaft zieht: Mit einem drei Meter hohen Stahlgittergerüst und messerscharfen Stacheldrahtrollen hat Griechenland 2012 seine Landgrenze zur Türkei gesichert. Das 12,5 Kilometer lange Bollwerk gilt als unüberwindlich. Während vor seiner Errichtung in manchen Nächten bis zu 400 Migranten über die grüne Grenze nach Griechenland kamen, ist die Zahl der Flüchtlinge seither um 96 Prozent zurückgegangen.

So wurden noch im Oktober 2011 an der Landgrenze 5628 Flüchtlinge aufgegriffen. Im Oktober 2012, nach der Errichtung des Zauns, waren es nur 26. Jene, die es noch über die Grenze schaffen, überwinden nicht den Zaun, sondern überqueren den Grenzfluss Evros.

Der Zaun hat zu einer Verlagerung der Migrantenströme geführt – und ist damit zu einem todbringenden Bauwerk geworden. Immer häufiger bringen die Schleuser die Flüchtlinge jetzt über die Ägäis. Vor Samos wurden 2012 noch 1066 Flüchtlinge aufgegriffen, 2013 waren es bereits 2233. Bei Chios stieg die Zahl der Aufgriffe von 69 auf 1560. In diesem Jahr setzte sich der Trend fort: Im ersten Quartal kamen 3314 Migranten über die ostägäischen Inseln, gegenüber 1423 im Vorjahreszeitraum.

1000 Dollar pro „Fahrkarte“

Die „Fahrkarte“ koste bis zu 1000 Dollar pro Person, berichten Ermittler. Die Überfahrt in den oft altersschwachen und überladenen Booten kann lebensgefährlich sein, wie das Drama vor Samos vom vergangenen Montag zeigte.

Manche Schleuser bringen die Flüchtlinge sogar bewusst in Lebensgefahr. Sie setzen sie in Schlauchbooten vor einer der griechischen Inseln ab. Ein Handy und ein Teppichmesser gehören zur Standardausrüstung dieser Boote. Die Flüchtlinge sollen die Notrufnummer 112 wählen und erklären, sie seien in Seenot. Wenn sich dann ein Schnellboot der Küstenwache nähert, sollen sie die Luftkammern des Schlauchbootes mit dem Messer aufschlitzen, schärfen ihnen die Schleuser ein: „Dann seid ihr Schiffbrüchige, und die Griechen müssen Euch retten.“

Aber mitunter geraten die Retter selbst ins Zwielicht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentiert in ihrem jüngsten Bericht „Griechenland: Grenze der Hoffnung und der Angst“ lebensgefährliche Situationen – so am 20. Januar, als eine Flüchtlingsschiff mit Motorschaden vor der unbewohnten griechischen Insel Farmakonisi lag. Die griechische Küstenwache soll versucht haben, das Boot in türkische Gewässer zurückzuschleppen. Dabei kenterte das Boot. Einige Flüchtlinge versuchten offenbar, sich schwimmend an Bord des Patrouillenbootes zu retten, seien aber zurück ins Meer gestoßen worden. Elf Menschen ertranken, darunter auch Kinder.

Die griechischen Behörden dementieren diese Darstellung zwar entschieden. Aber es scheint sich nicht um einen Einzelfall zu handeln. Amnesty-Mitarbeiter befragten seit Dezember 2012 in Griechenland 148 Flüchtlinge. Fast die Hälfte berichtete, sie seien von der Küstenwache „zurückgestoßen“ oder misshandelt worden.

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