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Golfstaaten Kalter Krieg in der Wüste

Ein Jahr dauert die Katar-Blockade nun schon an - mit heiklen Folgen.

Seit ein paar Wochen gibt sich Mohammed bin Salman plötzlich betont gelassen. Das Katar-Problem sei „trivial“, tönte der saudische Kronprinz bei seinem jüngsten Besuch in Ägypten, schließlich sei das Land kleiner als eine einzige Straße in Kairo. Tatsächlich hat der Thronfolger inzwischen allen Grund, das heikle Thema herunterzuspielen. Vor einem Jahr galt er als der politische Architekt des bisher spektakulärsten Zerwürfnisses unter den Golfstaaten. Inzwischen ist der erste Schock verflogen – und nichts gelöst. Katar erweist sich als ein geschickter wie hartnäckiger Kontrahent. Und so richten sich alle Seiten jetzt auf einen chronischen und langwierigen Machtkampf ein. Am Nil zog Mohammed bin Salman sogar die Parallele zu dem 60 Jahre währenden US-Embargo gegen Kuba.

Die Krise am Golf begann am 5. Juni 2017. Damals stellte Saudi-Arabien – mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und Ägypten im Schlepptau – dem Kleinstaat am Persischen Golf ein umfassendes Ultimatum. Alle Land- und Flugverbindungen nach Katar wurden gekappt, einzig die Exporte von Gas und Öl per Schiff blieben bisher unangetastet. Obendrein präsentierten die vier Boykottnationen Doha eine Liste von 13 Forderungen, um die Minination mit ihren 300.000 Staatsbürgern auf die Knie zu zwingen. Katar sollte seine diplomatische Kooperation mit Iran herabstufen, das türkische Militär des Landes verweisen, den Sender Al-Dschasira schließen sowie alle Verbindungen zu sogenannten Terrororganisationen wie den Muslimbrüdern kappen.

Ein Jahr danach sind die Fronten dieses Kalten Krieges in der Wüste verhärteter denn je. Selbst der amerikanischen Regierung geht das Gezänk am Golf längst auf die Nerven. Wie sein Vorgänger Rex Tillerson redete auch der neue US-Außenminister Mike Pompeo den Saudis ins Gewissen – ohne Erfolg. Washingtons Militär hat nicht nur sein nahöstliches Hauptquartier auf katarischem Territorium. Das Weiße Haus möchte nach dem Atomausstieg von US-Präsident Donald Trump auch eine möglichst geschlossene arabische Front gegen Teheran ins Feld führen. Unter dem Druck des Boykotts jedoch nähert sich Doha immer stärker der Türkei und dem Iran an, mit dem es das größte Gasfeld der Welt teilt. Katars Emir Tamim Bin Hamad Al-Thani dankte kürzlich sogar demonstrativ der Islamischen Republik für ihre Unterstützung in der Krise.

In Katar selbst ist von dem Embargo nur noch wenig zu spüren. Das Wirtschaftswachstum blieb 2017 mit 2,1 Prozent auf fast dem gleichen Niveau wie im Vorjahr. Die Regale in den Supermärkten sind voll, auch weil Ankara und Teheran mit Lebensmitteln einsprangen. Per Luftbrücke flog das Emirat sogar Kühe ein, um vor den Toren Dohas eine hypermoderne Molkerei aufzubauen, die die Lieferungen aus Saudi-Arabien ersetzen soll. Auf den Baustellen für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 läuft ebenfalls alles nach Plan, auch wenn das Baumaterial jetzt aus Malaysia und China herbeigeschafft werden muss.

Katars Banken dagegen brauchten Zuschüsse aus dem Staatssäckel, um die Kapitalflucht der Golfnachbarn auszugleichen. Gleichzeitig fielen die Devisenreserven um knapp 15 Prozent auf 39,7 Milliarden Dollar. Am stärksten aber schwankt Katar Airways. Der gekappte Verkehr mit den Boykottländern machte ein Viertel aller Flugbewegungen aus. Für andere Verbindungen sind teure Umwege nötig, weil die Golfkontrahenten und Ägypten ihre Lufträume gesperrt haben. Nach einer Schätzung des „Kuwait Financial Center“ verlor die Gesellschaft bisher Einnahmen von drei Milliarden Dollar. Die genaue Bilanz will Airline-Chef Akbar al-Baker Ende Juni vorlegen. „Noch kann ich das Ausmaß des Verlusts nicht exakt beziffern“, sagte er kürzlich. „Doch der wird beträchtlich sein.“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Katar

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