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Gleichstellung Deutsche Hymne bald ohne „Vaterland“?

Die Gleichstellungsbeauftrage des Familienministeriums, Kristin Rose-Möhring, will die Nationalhymne ändern.

Deutsche Fahne
Die Gleichstellungsbeauftragte des Familienministeriums will das Wort „Vaterland“ in der Nationalhymne durch „Heimatland“ ersetzen. Foto: rtr

Österreich hat es getan, Kanada ebenfalls, nun soll auch Deutschland seine Nationalhymne ändern. Eine Politikerin möchte, dass in den Liedtext Geschlechtergerechtigkeit einzieht. Die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring (SPD), schlägt laut Bild am Sonntag in einem Rundbrief an die Mitarbeiter ihres Ministeriums kleine Änderungen vor, die sich in die Debatten der Gegenwart fügen.

Es geht um das Substantiv „Vaterland“, das Rose-Möhring durch „Heimatland“ ersetzen möchte, und um das Adjektiv „brüderlich“, das sich in „couragiert“ verwandeln soll. Beide Male würde so die männliche Bezugnahme entfernt. Der Rhythmus beim Singen bliebe aber erhalten. Auch ist der 1841 geschriebene Text von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben längst rechtefrei; Änderungen bedürften nicht der Zustimmung des Dichters und seiner Erben. 

Da eine Nationalhymne das ganze Volk repräsentieren soll, ist das Bestreben, auch Mütter und Schwestern sprachlich einzubeziehen, durchaus verständlich. In Österreich sind ähnliche Änderungen geschehen, wo aus der Zeile „Heimat bist du großer Söhne“ die „Heimat großer Töchter und Söhne“ wurde. Außerdem heißt es nicht mehr: „Einig, lass in Brüderchören/ Vaterland, die Treue schwören“. Seit 2012 sind „Jubelchöre“ in der Bundeshymne am Werk. Das „Vaterland“ ist den Nachbarn geblieben. In Kanada wurde vor 50 Jahren schon der Hinweis auf die Söhne des Landes getilgt. Wenn es darum geht, wahre Vaterlandsliebe („true patriot love“) zu wecken, blüht sie nicht mehr „in all thy sons“, sondern „in all of us“ – in uns allen. 

Wer die Hymne ändern darf

Aber kann man an der deutschen Hymne einfach so herumoperieren? Im Grundgesetz sind nur die Bundesflagge und deren Farben als Staatssymbole festgelegt. Dass das „Deutschlandlied“ als Nationalhymne gesungen und für die Bundesrepublik Deutschland als Staatssymbol genutzt wird, dokumentiert ein Briefwechsel des Bundespräsidenten Theodor Heuss mit Bundeskanzler Konrad Adenauer von 1952. Gesungen werden sollte allein der Text der dritten Strophe. In der ersten wird Deutschland „über alles in der Welt“ gestellt und die Gebietsbeschreibung reicht mit den Flüssen von Dänemark über Belgien bis nach Italien. Die zweite Strophe klingt geradezu feministisch. Sie beginnt: „Deutsche Frauen, deutsche Treue,/ Deutscher Wein und deutscher Sang“, von Männern oder Brüdern ist keine Rede. Weiter geht es: „Sollen in der Welt behalten/ Ihren alten schönen Klang,/ Uns zu edler Tat begeistern/ Unser ganzes Leben lang“ – der gute Ruf allerdings war durch zwei von Deutschland angefangene Weltkriege dahin. 

 

Im Jahr 1990 sahen Bürgerrechtler, Schriftsteller und Journalisten die Gelegenheit, über die Nationalhymne neu nachzudenken. Berührt wurde damit auch die Frage des Charakters der deutschen Vereinigung als Zusammenschluss der Landesteile oder als Anschluss des Gebiets der bisherigen DDR. Vorgeschlagen wurde Bertolt Brechts „Kinderhymne“. Sie beschreibt die Landesgrenzen historisch eindeutig, und in ihrem „Wir“ können sich Frauen, Männer und Transgender wiederfinden. Brecht hatte sie als Reaktion auf die Übernahme des „Deutschlandlieds“ aus der Weimarer Republik für die im September 1949 gegründete Bundesrepublik geschrieben. Deshalb lassen sich seine Zeilen auch auf dieselbe Melodie von Joseph Haydn singen.

Allerdings bestätigten der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl wiederum in einem Briefwechsel die dritte Strophe des Liedes von Hoffmann von Fallerslebens als Nationalhymne für die vereinigte Bundesrepublik.
Um das Vaterland in eine Heimat umzudichten, statt „brüderlich“ allgemein „couragiert“ zu sein, muss die Gleichstellungsbeauftragte nicht nur die Mitarbeiter ihres Ministeriums und nicht nur die SPD auf ihre Seite ziehen. Eine Änderung der Nationalhymne, ob nun teilweise oder vollständig, können nur Bundespräsident und Bundeskanzler(in!) gemeinsam beschließen. Das geht aus einem Artikel der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags hervor, der im Jahr 2016 auf Antrag erstellt wurde.

Ein lang umstrittener Begriff

Doch bevor Kristin Rose-Möhring sich mit ihren Vokabeln in den großen Kampf begibt, sollte sie sich die Reaktionen auf die Erweiterung des Innenministeriums um den Begriff „Heimat“ anschauen. Auch er ist schon lange umstritten. Der jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jedenfalls sagte am Tag der Deutschen Einheit, die „Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein ,Wir gegen die‘.“

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