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Gipfel in Hamburg G20 - eine Schnapsidee

Auf St. Pauli und in der Schanze freut sich niemand auf den Gipfel der Mächtigen in der Nachbarschaft - im Gegenteil. Eine Kneipentour.

Die Schanze und die "Rote Flora" in Hamburg
Im Schanzenviertel sind die G 20 nicht willkommen: Modell im Schaufenster eines Buchladens. Foto: dpa

Kein Mexikaner, das fängt ja gut an. „Nee, nichts mehr da“, sagt der Wirt von der Tortuga-Bar. Er sieht aus wie Frank Zappa einmal aussah. „Alles weg.“ Später Abend, es gießt in Strömen, wenig los in der Kneipe. Also alle wieder raus. Heike hat noch Mexikaner dabei, eine Plastikflasche voll, selber gemixt. Sie schenkt aus. Höllisch scharf, ihr Zeug. Neun Köpfe kippen in die Nacken, weg damit. Ein Mix aus Tomatensaft, Tabasco, weiß der Kuckuck, grobem Pfeffer und Obstler. Oder Korn. Oder Wodka. Was man so trinkt auf St. Pauli, wenn man Donald Trump nicht ausstehen kann.

Heike ist aus St. Pauli. Klein und lustig, sie lacht viel, während sie ihr kleine, höchst alternative Stadtteilführung macht, die „Mexikaner-Tour gegen Donald Trump“. Einmal durch den Stadtteil, seine Geschichte, seine Anekdoten, das Irrenhaus, die Hafenarbeiter, Stopp vor alten Gemäuern, Stopp vor der weltberühmten Davidwache, dann kurz die Hafenstraße, das Kasino, das ehemalige Chinesenviertel und die neuen Häuser, die sich zwischen die alten quetschen. Sie erzählt: Verdrängung, Umsiedlung, Aufwertung, plötzlich Ferienwohnungen, wo nie welche waren, neudeutsch heißt das alles Gentrifizierung.

Zwischendrin macht die Gruppe Stopps in Kneipen, die auch Trump nicht leiden können, Mexikaner werden getrunken, in der Hoffnung, der US-Präsident verschone Hamburg mit seinem Besuch, trete zurück oder verbummle den Termin. Der Erlös der zweieinhalbstündigen Wanderung, zwölf Euro pro Nase, geht an Initiativen, die gegen den G20-Gipfel protestieren oder die Welt verbessern wollen. So genau weiß man das noch nicht, Heike will sich erkundigen.

Verrückte Welt, Saufen als Protestform. Ein Hamburger Wirt hat’s erfunden, nun machen über 160 Kneipen mit, weltweit, nicht nur in Hamburg. „Wir brauchen hier keinen G20-Gipfel und wir brauchen hier keinen Trump“, sagt Heike. „Wir kommen gut ohne das alles zurecht.“

Hamburg steht eine aufregende Woche bevor

Zustimmendes Nicken in der Runde, die nächste Kneipe wird angesteuert. Es geht über die Reeperbahn. Aus einer Nebenstraße quillt lärmend eine Spontandemo hervor: „Scheiß G20“, brüllt ein schwarzer Menschenblock. Überall Polizei, Straßensperrungen, Blaulicht. Ein Wasserwerfer folgt langsam den Protestierern, bald sind sie außer Sichtweite. Ein sturzbetrunkener Mann kniet jaulend und pinkelnd mitten auf der Reeperbahn.

Hamburg steht eine aufregende Woche bevor, das kann man laut sagen. G20, das Treffen der Mächtigen und weniger Mächtigen dieser Welt, ist über die Stadt gekommen: 42 Personen, die höchste Sicherheit brauchen, Trump, Putin, Erdogan. „Lauter reizende Herrschaften der Weltpolitik“, wie Bürgermeister Olaf Scholz den Besuch einmal nannte. Und ihre Delegationen aus Finanz- und Außenministern, deren Zuarbeitern, die Sicherheitsleute. Insgesamt 10 000 Menschen, dazu 5000 Journalisten. Bewacht wird das Treffen von 20 000 Polizisten. Es wird der größte Einsatz der Hamburger Geschichte: Auf 38 Quadratkilometern Stadt gilt ein Demonstrationsverbot, damit die Konvois der Staatschefs ungehindert durch Hamburg sausen können. Hartmut Dudde, der äußerst entschlossene Einsatzleiter, meinte kürzlich, man habe alles da, was die deutsche Polizei so habe. Wenn nötig, werde man alles auspacken.

Auf der anderen Seite: mehr als 30 angemeldete Demos. Tausende Demonstranten aus ganz Europa, darunter womöglich 8000 gewaltbereite, wie die Behörden inzwischen schätzen.
Die Polizei rechnet mit „massiver Militanz“. An den Landesgrenzen wird wieder kontrolliert. Viertel wie St. Pauli oder die Schanze sind zugepflastert mit Aufrufen gegen G20: „Welcome to hell“, klebt an Hunderten Mülleimern, Trafos, Hauseingängen, Kneipentüren, „G20 versenken“. Durch die Blume wird Gewalt angekündigt, man geht davon aus, dass kommt, was kommen muss. „Ist ja klar, dass wir nicht die katholische Pfadfinderjugend versammeln“, meint Aktivist Andreas Blechschmidt über die „Welcome to hell“-Demo.

Hamburg macht sich also auf etwas gefasst: Straßensperrungen, der Busverkehr wird heruntergefahren, Läden machen zu, Schulen stellen Eltern und Kindern frei, ob Unterricht sein soll. Wer kann, fährt die Tage weg. Einige Läden nageln die Schaufenster mit Brettern zu.
Fragt man ein bisschen herum, immer das gleiche Ergebnis. „So ein Gipfel neben dem Schanzenviertel? Absurd“, meint Anna-Lena Rohbeck. Sie betreibt dort einen Schallplattenladen. „Wer zahlt eigentlich für unsere Ausfälle?“, fragt Tina Olufs. Sie betreibt das Kochkontor in der Karolinenstraße und macht am Gipfelwochenende zu.

Hamburg war immer eine Stadt mit zwei Hälften, einer reichen, einer armen. Und dazwischen meistens SPD-Bürgermeister, die die Stadt und ihre Welten zusammenhalten mussten. Einmal die Wirtschaft, die wohlhabenden Reeder, die Banker, Händler und Wirtschaftskapitäne, Blankenese, schicke Villen, der Hafen, das Tor zur globalisierten Welt. Gute Geschäfte machen, in teuren Geschäften am Jungfernstieg einkaufen, dunkle Anzüge, Einstecktücher, Porsche. Und dann das andere Hamburg, Sankt Pauli, das Schanzenviertel. Früher Arbeiter und arm, heute alles Mögliche, vor allem linksalternativ bis -radikal. Kleine Läden, Cafés und Kneipen, Leben und leben lassen, postmaterialistisch die Einstellung, weg vom Diktat der Warenwelt, selber machen, sein statt haben – und nun dringt seit Jahren die Gentrifizierung ein und zerfrisst langsam die kleine Idylle: Was schick und angesagt ist, zieht das Geld an. Wohnungen werden verkauft, die Mieten steigen, der Kiez wird immer teurer und verdrängt seine Ureinwohner.

Und genau dort ist nun der G20-Gipfel. Dort, wo absolut kein Mensch zu finden ist, der das für eine gute Idee hält. „Es ist schlicht Wahnsinn, den Gipfel in einer Stadt mit einer solch starken alternativen Szene abzuhalten. Die Ablehnung hier ist massiv. Trump, Putin und Erdogan kommen, da darf man sich doch nicht wundern, wenn es Protest hagelt“, meint Steffen Jörg. Er ist 46, sitzt auf einer Bank vor dem „Kölibri“, dem Stadtteilzentrum am Hein-Köllisch-Platz. Steffen Jörg lebt seit drei Ewigkeiten auf St. Pauli, er lebt gerne dort, weil man so leben kann, wie man will, erzählt er. Er macht mit bei „Sankt Pauli selber machen“, einem typischen Verein für den Stadtteil: skeptisch bis ablehnend gegenüber Obrigkeit, Polizei und Politikern, im Wortsinn selbstbewusst, sich kümmern um Nachbarn, Nachhilfe, Leseförderung, Behördengänge, Einmischen, Politik vor Ort, Widerstand, wo nötig.

Auch er erzählt vom kaum aufhaltbaren Wandel: Es wird zu wenig bezahlbarer Wohnraum gebaut, Millionen Touristen pro Jahr ziehen über die Reeperbahn. Es ist oft laut, es ist stellenweise dreckig. Das Leben ist anstrengend genug – und nun auch noch dieser verdammte Gipfel der Zumutung. Er nervt nicht nur, weil seit Tagen Hubschrauber über der Stadt knattern, weil die Polizei Sperrungen übt, weil es schon richtig Krach gibt um ein Camp, wo Tausende Demonstranten zelten können. Leute wie Steffen Jörg halten den Gipfel aus tiefster Überzeugung für Unfug: „G20 ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil der Probleme dieser Welt. G20 ist ein informelles Treffen ohne Legitimation. Niemand hier glaubt, ein solcher Gipfel könnte Probleme lösen, das ist doch absurd.“

„Kölibri“ als Ruheraum für Demonstranten

Wenn der Gipfel begonnen hat, wenn es womöglich rundgeht im Viertel, weil sich schwarzer Block und Polizei Schlachten liefern, wird das „Kölibri“ , vor dem Jörg gerade sitzt, offen bleiben: als Ruheraum für Demonstranten, als Fluchtort für Passanten. Hat man sich so gedacht.
So wie Steffen Jörg denken offensichtlich ganz viele. Wozu G20 in Hamburg? Wenn überhaupt, dann auf einer Insel. Oder auf Kreuzschiffen. „Am liebsten tief unten in einem Bergwerk“, schimpft ein glatzköpfiger Zumselbart, der vorm „Kölibri“ steht und sich mit einem Postboten unterhält, der laut beklagt, was für ein Umstand das alles ist.

Bürgermeister Scholz, den Kanzlerin Merkel vor anderthalb Jahren fragte, ob Hamburg das nicht machen könne, hat damals schnell zugesagt. Eine demokratische Gesellschaft muss das hinbekommen, argumentiert der Sozialdemokrat. Helmut Schmidt, der Hamburger, hat das G-Format erfunden. Soll man solche Gipfel den Autokraten überlassen, die Demonstrationen verbieten, politische Gegner inhaftieren, den halben Gipfelort zur Not einfach räumen lassen? „Wir kriegen das schon hin“, sagt Scholz seit Tagen und macht dazu sein listiges Schmunzelgesicht. „Mit Gelassenheit.“

Die Leute in St. Pauli gehen fest davon aus, dass es krachen wird. Nicht so sehr, weil die eigene linksradikale Szene rund um die Rote Flora massiv einsteigen wird, man fürchtet Tausende Autonome von außerhalb und rechnet damit, dass die Polizei diesmal kräftig dazwischenhauen wird. „Wer einen Mann wie Hartmut Dudde zum Gesamteinsatzleiter der Polizei macht, setzt auf Eskalation“, meint Steffen Jörg. Dudde gilt als harter Hund. „So einer ist doch eine Ansage.“

Ende der Mexikaner-Tour durch St. Pauli. „Kleine Haie Große Fische“, ein Lokal zum Grundlagen schaffen oder Kater vergraulen, so die Eigenwerbung. Rappelvoll, die Luft lässt sich schneiden. Es gießt immer noch in Strömen. Im Angebot Fischbrötchen, Räucherfisch und natürlich Mexikaner, 1,50 Euro, diesmal auf Kornbasis. „Toll, dass ihr alle gegen Trump seid“, ruft die Kellnerin und schiebt Schnapsgläschen mit braunroter Substanz rüber. Dann, weil es dem Weltfrieden dient, tapfer und zum letzten Mal: Kopf in den Nacken und runter mit dem Zeug. Heike erzählt derweil von der Kneipe nebenan, schön war es immer dort, von der alten Oma, die dort Jahrzehnte hinterm Tresen stand und auch nicht mehr lebt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier G20 in Hamburg

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