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Ghetto-Rente Rentenansprüche für Hinterbliebene

Holocaust-Überlebende in Israel warten dringend auf die rückwirkende Rentenzahlung. Das Bundessozialgericht hat 2009 entschieden, dass sämtliche Ghetto-Tätigkeiten Merkmale eines Arbeitsverhältnisses aufweisen und sich so Rentenansprüche für die Hinterbliebenen ergeben.

Bewohner von Chust Ende der 30er Jahre. Die Nazi-Besatzer sperrten die Juden in ein Ghetto. Foto: Imago

Giselle Cycowicz nimmt es mit dem Pessach-Fest sehr genau, da ist sie ganz penibel. Mit ihren 87 Jahren fällt es ihr zwar nicht leicht, die Küche ihrer Jerusalemer Wohnung von jedem Brotkrümel zu befreien, so wie es religiöse Vorschrift ist an Pessach, wenn Juden den biblischen Auszug aus der ägyptischen Sklaverei feiern. „Meine Knie machen nicht mehr recht mit“, seufzt sie. „Aber alles, was Hefe oder Treibmittel enthält, muss raus.“ So ist Giselle Cycowicz es noch aus ihrem Elternhaus in Chust gewohnt, einem kleinen Städtchen unweit der Karpaten.

Es war an Pessach vor siebzig Jahren, als ihre damalige Welt zusammenbrach. Die Nazi-Truppen waren kurz zuvor in Ungarn einmarschiert. Sie und einheimische faschistische Banden rückten auch Chust näher. „Mein Vater“, erinnert sich Giselle Cycowicz, „ließ sich vor dem Sederabend seinen Bart und den Kopf scheren. Aus Angst“, fügt sie hinzu, „die Nazis würden ihm die Haare einzeln ausreißen.“

Am Ende der Pessachwoche wurden die Juden in Chust, mehr als ein Drittel der 20 000 Einwohner, aus ihren Häusern verjagt, auf dem Gelände der Synagoge zusammengetrieben und schließlich in ein provisorisches Ghetto in der Stadt gepfercht. „Fünf Familien mussten sich dort ein, zwei Zimmer teilen“, sagt Cycowicz. „Am Schlimmsten waren die Enge, der Gestank. Der Mangel an sanitären Anlagen. Das Ghetto war die Vorbereitung auf Auschwitz.“ Sie, damals 17 Jahre alt, half mit anderen Freiwilligen, den Dreck wegzuschaffen. „Wir waren die ganze Zeit im Einsatz, gegen die Gefahr von Epidemien anzukämpfen.“

Das hat Giselle Cycowicz vor einigen Jahren auch der deutschen Bundesversicherungsanstalt geschrieben, als die ihren Antrag auf Ghetto-Rente ablehnen wollte. Begründung: Sie sei keiner bezahlten Arbeit im Ghetto nachgegangen. Ihr Einspruch hatte Erfolg. Das Bundessozialgericht hatte gerade, man schrieb 2009, in einem Grundsatzurteil festgestellt, dass sämtliche Ghetto-Tätigkeiten Merkmale eines Arbeitsverhältnisses aufwiesen, woraus sich für die Betroffenen und ihre Hinterbliebenen Rentenansprüche ergäben. Giselle Cycowicz erhielt rückwirkend 2000 Euro. „Das richterliche Machtwort sorgte dafür“, sagt Nils Johannsen, Berliner Fachanwalt für Sozialrecht, „dass das 2002 erlassene Gesetz überhaupt den Großteil jener Holocaust-Überlebenden erreichte, für die es bestimmt war.“ Aber ein Problem mit dem Rentenbeginn blieb. Denn wer mit dem ersten Antrag gescheitert war und erneut einen stellte, bekam die Ghetto-Rente nicht mehr wie ursprünglich im Gesetz festgehalten rückwirkend ab Juli 1997. Nun wurde das Geld erst ab 2005 oder noch später bewilligt, entsprechend der im Sozialrecht üblichen Vierjahresfrist. Doch jetzt soll mit dieser Einschränkung Schluss sein, hat das schwarz-rote Kabinett entschieden. „Wegen des besonderen Verfolgungsschicksals der hochbetagten Berechtigten“, heißt es im Entwurf aus dem Hause Andrea Nahles unter Verweis auf die lange Zeit, die der Gesetzgeber für die Reform gebraucht hat, sollen Ghetto-Rente in nahezu allen Fällen ab 1997 ausgezahlt werden.

Jedes finanzielle Extra zählt

Giselle Cycowicz kann auf einen Nachschlag hoffen. Angesichts ihrer wachsenden Ausgaben für Medikamente und Haushaltshilfe „ist jedes finanzielle Extra eine große Erleichterung“, sagt sie. „Das gilt für andere Überlebende noch mehr als für mich.“ Cycowicz ist Psychologin. Sie hat noch im Alter von 44 Jahren in USA studiert, finanziert von ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann. „Meine ältere Schwester“, sagt sie, „hatte das Glück nicht.“ Auch Helen war wie Giselle erst im Ghetto, später in Auschwitz und im Arbeitslager. Aber weil sie in den NS-Jahren nur das Überleben gelernt hatte und nach dem Krieg eine Ausbildung unbezahlbar war, blieb ihr nur die Arbeit in der Fabrik. So ging es vielen, die der Shoah entkamen. Einige von ihnen betreut Giselle Cycowicz noch heute als Psychologin in der Hilfsorganisation Amcha. „Oft können sie weder alleine leben noch sich eine Altenpflege leisten“, meint die 87-Jährige.

Von den 200 000 Holocaust-Überlebenden in Israel sind etwa 22 000 ehemalige Ghetto-Arbeiter. Viele stammen aus der ehemaligen Sowjetunion, die vor dem Fall des Eisernen Vorhangs keine Chance hatten, Entschädigungszahlungen zu erhalten. Unter ihnen ist die Altersarmut besonders verbreitet.

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