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Gewalt gegen Oppositionelle Russisches Gift

Politische Gewaltverbrechen werden in Russland kaum noch aufgeklärt. Dabei müssen russische Regimegegner immer brutalere Gewalttaten fürchten.

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Vor Putins Augen: Pjotr Wersilow beim Platzsturm während des WM-Finales. Foto: AFP

Die Ärzte in der Berliner Charité rätseln, womit der russische Aktionskünstler Pjotr Wersilow vergiftet wurde. Wersilow war vergangenen Dienstag in ein Moskauer Krankenhaus eingeliefert worden, konnte zeitweise weder sehen und hören. Das Fotomodell Anna Schapiro, das am Samstag mit ihrem Ehemann in einer Pizzeria im englischen Salisbury zusammenbrach, erklärte dem Boulevardblatt „Sun“, Putins Handlanger hätten sie töten wollen, ihr Vater sei ein hoher russischer Offizier. Der Zustand ihres britischen Manns gilt weiter als kritisch.

Schon im März wurde in Salisbury ein Kampfstoff-Anschlag auf den russischen Ex-Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter verübt, zwei russische Geheimdienstler werden konkret verdächtigt. In einem TV-Interview am Donnerstag verwickelten sich die beiden in peinliche Widersprüche, Moskauer Medien schreiben von einer „Woche der nationalen Schande“. Russland erscheint inzwischen als Heimstatt brutaler bis tölpelhafter Killer.

Zwar heischen die Vorwürfe des Unterwäsche-Modells Schapiro gegen Putin arg nach Sensation. Aber russische Regimekritiker wurden zuletzt keineswegs nur mit Gift attackiert. „Noch ist nicht geklärt, welche Personen und Motive hinter jedem dieser Einzelfälle steht“, sagt der Moskauer Menschenrechtler Sergei Dawidis der FR. „Aber wenn der Staatsmacht wirklich etwas damit zu tun hat, so erleben wir eine Primitivisierung des Systems, das zunehmend versucht, seine Probleme mit grober Gewalt zu lösen.“

Die Moskauer Oppositionspresse bringt Wersilows Vergiftung in Zusammenhang mit dem Tod der kritischen russischen Kriegsreporter Orchan Dschemal, Alexander Rastorgujew und ihres Kamera-Mannes Kirill Radtschenko. Das Team war Ende Juli in die Zentralafrikanische Republik gereist, um einen Film über Kämpfer der russischen Söldnertruppe „Wagner“ zu drehen, die dort aktiv sind, und über von ihnen bewachte Goldminen. Es wurde zusammengeschossen.

In Russland gilt es als offenes Geheimnis, dass hinter „Wagner“ der Petersburger Unternehmer Jewgeni Prigoschin steht. Er hat laut dem Portal The Bell auch die Firmen gegründet, die in Zentralafrika Gold fördern. Nach offiziellen Angaben fielen die Reporter Raubmördern zum Opfer, Moskauer Kollegen aber vermuten, „Wagner“ und Prigoschin seien in den Fall verwickelt: Ein Journalist der rechtspatriotischen Agentur RIA-FAN, die nach Medienberichten auch von Prigoschin kontrolliert wird, hatte Dschemal und Rostorgujew einen ortskundigen Organisator vermittelt, der inzwischen spurlos verschwunden ist.

Der vergiftete Wersilow, nebenher Herausgeber des liberalen Portals Mediasona, war eng mit Rostorgujew befreundet. Laut „Nowaja Gazeta“ finanzierte er die Recherchen ausländischer Experten zur Aufklärung der Tat vor Ort. Ergebnisse liegen noch nicht vor.

Der Geschäftsmann und Restaurantbesitzer Prigoschin, als „Putins Koch“ bekannt, gilt als Mann des Kremls für unsaubere Heimlichkeiten. Er soll die „Fabrik der Trolle“ bezahlen, ein Petersburger Zentrum für getarnte Internet-Propaganda im Westen. Dass seine Wagner-Söldner erst im Donbass und dann in Syrien an vorderster Front kämpften, wird offiziell hartnäckig dementiert. Der Jekaterinenburger Journalist Maxim Borodin redete diesen Winter mit Familien mehrerer in Syrien gefallener Söldner, veröffentlichte Namen. Im April stürzte er unter ungeklärten Umständen aus dem vierten Stock, starb im Krankenhaus.

Politische Gewaltverbrechen werden in Russland kaum noch aufgeklärt. Und die toten Journalisten der vergangenen Monate hatten keineswegs nur Prigoschin kritisiert. Wersilow machte zuletzt Schlagzeilen, als er im Juli während des WM-Finales in Moskau gemeinsam mit Aktivistinnen der Protest-Gruppe „Pussy Riot“ aufs Spielfeld stürmte. Vor Putins Augen.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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