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Gesetzlich verboten

Repressalien gegen Russlands Homosexuelle

24.02.2012 20:14
Jana Schulze
Nicht öffentlich: Lesbische Aktivistin in St. Petersburg. Foto: reuters

Wenn Putin gewinnt, werde ich darüber nachdenken, mein Land zu verlassen. Warum soll man dort leben, wo sie einen nicht leben lassen?“ Als Polina Gusakowa dies sagt, weiß die lesbische Frau aus St. Petersburg noch nicht, dass vier Wochen später , am 8. Februar, ihr Stadtparlament „Propaganda für homosexuelle Lebensweisen“ verbieten wird. Verstöße kosten 1200 Euro.

Die Autoren des Gesetzes, allen voran Witali Milonow von der Putin-Partei „Einiges Russland“, schieben den Schutz Minderjähriger vor – denn „Homo-Werbung“ könne zu „verzerrter Vorstellung von der sozialen Gleichwertigkeit traditioneller und nichttraditioneller ehelicher Beziehungen“ führen. Wohlgemerkt: Als „Werbung“ oder „Propaganda“ gilt der schiere öffentliche Hinweis auf die Existenz von Homosexualität. So wurden zwei Männer in Rjasan, 180 Kilometer südöstlich von Moskau, verurteilt, weil sie Plakate mit „Homosexualität ist normal“ und „Ich bin stolz auf meine Homosexualität“ aufgehängt hatten. Im September 2011 erließ der Bezirk Archangelsk in Nordrussland das Gesetz. Moskaus Stadtregierung will nachziehen.

Polina Gusokowa versucht den Schock des Placets für das Gesetz in St. Petersburg zu verdeutlichen: Zum einen widerspreche es „allen Normen der gegenwärtigen zivilisierten Welt“, aber vor allem gelte St. Petersburg als die toleranteste Stadt Russlands. Polina Andrianowa, Vorsitzende des Vereins „Wychod“ („Coming out“), geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wir glauben, dass dieses Gesetz eine direkte Reaktion auf unsere Arbeit ist. Die Homosexuellenbewegung soll mundtot gemacht werden.“ Der 2008 gegründete „Wychod“ versucht über gleichgeschlechtliche Liebe aufzuklären, mit Lesungen und Diskussionsrunden – und bei den großen Anti-Putin-Demonstrationen im Dezember auf Einladung der Jabloko-Partei, die als einzige die Homosexuellen unterstützt.

Auch wenn in Moskau und St. Petersburg die schwul-lesbische Szene Clubs und Bars hat, es Kultur- und Filmfestivals gibt – Aufklärung braucht Russland weiterhin: Bis 1993 war gleichgeschlechtliche Liebe kriminalisiert. Seit 1999 gilt sie nicht mehr als Geisteskrankheit, aber Viele halten sie weiterhin für „abnormal“ oder „krank“. Viele junge Schwule würden sich unter dem gesellschaftlichen Druck auch umbringen, sagen Aktivisten. In den Schulen ist das Thema tabu und „im Fernsehen kann man oft homophobe Sprüche hören“, sagt das Moskauer „Wychod“-Mitglied Konstantin Sherstyuk.

Gesetzesautor Milonow erklärt sein Handeln so: „Ich bin Familienvater. Ich glaube an Gott und gehe auch zur Kirche. Ich will nicht, dass meiner Tochter in der Schule erzählt wird, dass es normal sei, dass ein Kind zwei Väter habe.“ Die Propagierung von „Themen der sexuellen Orientierung“ sei „destruktiv für die Psyche von Kindern“.

Als destruktiv empfindet aber Sherstyuk das Gesetz. „Dadurch wird die Homophobie in der Gesellschaft wieder höher geschraubt. Wir werden beschimpft und körperlich angegriffen.“ Gewinnt Putin die Wahl am 4. März, meint Sherstyuk, werde die Lage der Homosexuellen nicht schlimmer – „aber auch nicht besser“.

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