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Genforschung Wie weit dürfen Mensch-Tier-Versuche gehen?

Menschen, die Tiere austragen oder anders herum? Technisch ist das bald möglich. Experten streiten, warum die Forschung mit Mischwesen Grenzen braucht.

28.09.2011 17:57
Anne Brüning
Stier-Mensch-Fabelwesen Minotaurus –hier als moderne Version mit Fußball am Horn. Foto: jupiterimages

„Ich heiße Dave. Habt ihr Bäume auf die man klettern kann?“ Wenn ein kleiner Junge eine solche Frage stellt, ist das eigentlich nicht verdächtig. In diesem Fall aber schon. Denn Dave ist ein Humanzee – eine Mischung aus Mensch (englisch: human) und Schimpanse (chimpanzee). Er entstand in einem US-Forschungslabor. Ein Wissenschaftler, der sich mit den Ursachen von Autismus beschäftigt, fusionierte sein eigenes Erbgut mit der Eizelle einer Schimpansin.

Der Forscher ging davon aus, dass es zu einer Fehlgeburt kommen würde. Danach wollte er sich das Gehirn des Mischwesens genau ansehen. Wegen einer Viruskrankheit wurden die Affen jedoch evakuiert und der Forscher verließ das Labor. Erst Jahre später erfuhr er, dass das Wesen tatsächlich geboren wurde: Ein Schimpanse, der sprechen kann wie ein Mensch. Zum Glück ist dieser Fall Fiktion, nachzulesen in Michael Crichtons 2006 erschienenen Roman „Next“.

Bedenkliche Experimente

Ein Experiment, wie der Autor es sich ausgemalt hat, wäre in Deutschland gegen das Gesetz. In anderen Ländern gibt es aber bereits ähnlich bedenkliche Forschungsvorhaben, die auch hierzulande legal wären. In den USA etwa wurden Affen Hirnzellen von Menschen eingepflanzt – zur Erforschung von Therapien gegen die Parkinson-Krankheit.

Derartigen Projekten will der Deutsche Ethikrat nun einen Riegel vorschieben. Gut zwei Jahre hat er sich mit der Problematik von Mensch-Tier-Mischwesen befasst und Experten dazu angehört. Am Dienstag legte er in Berlin nun seine Stellungnahme „Mensch-Tier-Mischwesen in der Forschung“ vor.

„Wir sind einmütig der Auffassung, dass mit Menschenaffen nicht geforscht werden sollte“, sagte der Sprecher der Arbeitsgruppe, Wolf-Michael Catenhusen. Ein entsprechendes gesetzliches Verbot könne im Tierschutzgesetz verankert werden, dessen Überarbeitung zurzeit ohnehin ansteht, weil Deutschland eine EU-Richtlinie zum Tierschutz umsetzen muss.

Versuche, bei denen menschliche Hirnzellen in Tiere übertragen werden, möchte der Ethikrat bei Primaten generell stark kontrolliert wissen. „Das Gehirn ist von zentraler Bedeutung zur Unterscheidung zwischen Mensch und Tier“, argumentierte Catenhusen.

Er betonte zugleich, dass es in Deutschland in der Forschung mit Mischwesen noch keine Entwicklungen gebe, die ethisch bedenklich sind. Viele Experimente, bei denen menschliche Zellen, Gewebe oder Gene in Tiere eingeschleust werden, sind eher unspektakulär – und finden bereits zuhauf statt.

Seit Jahrzehnten arbeiten Wissenschaftler zum Beispiel mit Mäusen, denen sie menschliche Krankheitsgene eingefügt haben. Die Nager dienen als Modelle für Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Solche transgenen Tiere herzustellen, ist aus Sicht des Ethikrats ethisch statthaft. „Aber nur unter der Voraussetzung, dass das Forschungsziel hochrangig ist und dem Tierschutz genüge getan wird“, ergänzte Catenhusen. Wegen der Nähe zum Menschen seien Versuche mit Primaten besonders intensiv zu prüfen.

#textline

Das Embryonenschutzgesetz regelt die Mischwesen-Problematik aus Sicht des Ethikrats bereits recht gut. Es verbietet etwa, menschliche Embryonen auf ein Tier zu übertragen. Auch Mischwesen aus menschlichen und tierischen Ei- und Samenzellen zu züchten ist gegen das Gesetz.

„Diese Grenzziehung möchten wir noch erweitern“, sagte Catenhusen. So sollte das Gesetz darüber hinaus verbieten, tierische Embryonen auf den Menschen zu übertragen sowie tierisches Material in den Erbgang des Menschen einzubringen. Darüber hinaus möchten die Experten Verfahren unterbinden, bei denen sich menschliche Ei- oder Samenzellen im Tier bilden.

Eine Methode, die zu Mensch-Tier-Mischwesen führt, bewerten die Mitglieder des Ethikrats unterschiedlich: Zybride. Dabei handelt es sich um tierische Eizellen, bei denen der Zellkern entnommen und durch den eines Menschen ersetzt wird. 2008 wurde aus Großbritannien ein solches Projekt bekannt. Geplant war, Eizellhüllen von Kühen mit humanen Zellkernen zu verschmelzen und diese Embryonen im Labor einige Tage heranwachsen zu lassen, um Stammzellen zu entnehmen. Aus Stammzellen wollen Forscher Ersatzgewebe züchten um Hirnkrankheiten, Diabetes und Herzleiden zu behandeln.

Nicht einpflanzen

Zybrid-Experimente sind nach derzeitiger Gesetzeslage hierzulande statthaft, darüber ist sich der Ethikrat einig. Zwölf Mitglieder des Gremiums sind der Ansicht, dass das auch so bleiben kann, elf möchten die Herstellung von Zybriden ganz verbieten (siehe Interview). Für alle Experten jedoch steht fest, dass Zybride keinesfalls in eine menschliche oder tierische Gebärmutter eingepflanzt werden dürfen.

Brandaktuell ist das Problem allerdings nicht. Seit es mit den induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) eine ethisch unbedenkliche Methode gibt, Körperzellen des Menschen in Stammzellen zurückzuverwandeln, liegt die Zybridforschung weitgehend brach.

Die britischen Forscher etwa haben die Finanzierung ihrer Mensch-Kuh-Embryonen noch nicht zustande gebracht. In Deutschland gebe es gar keine Projekte dieser Art, berichtet der Klonexperte Heiner Niemann von der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft auf Anfrage. Er wäre jedoch froh, wenn die Zybridforschung legal bliebe: „Solange wir nicht wissen, ob es mit den iPS-Zellen klappt, sollten wir uns alle Wege offen halten.“

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