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#MeToo „Die gerichtlichen Verfahren sind heikel"

Familienministerin Katarina Barley und Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons, sprechen im Interview über Gewalt an Frauen und die MeToo-Debatte.

#metoo
Flagge zeigen. mit dem hastag #meetoo gegen sexuelle Übergriffe. Foto: rtr

Seit fünf Jahren gibt es das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“. Allein im vergangenen Jahr haben sich mehr als 37 000 Ratsuchende an die Beratungsstelle gewandt. Wer ruft da an?
Söchting: In 60 Prozent der Fälle geht es um häusliche Gewalt. Aber auch Frauen, die von sexualisierter Gewalt, Mobbing, Stalking, Zwangsverheiratung, Menschenhandel oder Prostitution betroffen sind, melden sich bei uns. Auch Freundinnen, Nachbarn oder Kollegen suchen Rat bei den Beraterinnen, die alle ausgebildete Fachkräfte sind.

Auch aus akuten Notsituationen heraus?
Söchting: Ja, das gibt es auch. Da hören die Beraterinnen im Hintergrund Geschrei oder ein Kinderweinen. Bei etwa der Hälfte der Anrufe liegt der jüngste Vorfall höchstens eine Woche zurück. Häufig ist ein konkretes Gewalterlebnis der Auslöser. Es gibt aber auch Frauen, bei denen das Gewalterlebnis länger zurückliegt und die erst jetzt darüber sprechen können. Kern des Hilfetelefons sind Vertraulichkeit und Anonymität. Wer auch immer sich bei uns meldet, es wird keine Entscheidung über den Kopf der Betroffenen gefällt. Die Polizei wird erst gerufen, wenn die Frau ihr Einverständnis dazu gibt.

Barley: Inzwischen gibt es beim Hilfetelefon auch die Möglichkeit, mit den Beraterinnen per Chat Kontakt aufzunehmen. Das ist eine Form, die immer häufiger genutzt wird.

Was ist mit Migrantinnen, die kein Deutsch sprechen?
Söchting: Wir können rund um die Uhr eine weibliche Dolmetscherin zu den Gesprächen hinzuschalten. Wir sind mit 15 Fremdsprachen gestartet und haben jetzt die Möglichkeit, Gespräche auf 17 Fremdsprachen zu führen. Da ist nun auch Kurdisch und Albanisch dabei.

Eine Notfallnummer ist wichtig. Aber die Praxis in Deutschland sieht auch so aus, dass jedes Jahr Tausende Frauen von Frauenhäusern abgewiesen werden, weil die aus allen Nähten platzen . Wie kann das sein?
Barley: Das Hilfetelefon ist als Erstberatung gedacht. Die Beraterinnen können keine vertiefte Beratung gewährleisten. Aber sie haben die Möglichkeit, zu informieren, wo sich die Frauen Hilfe holen können. Das Telefon ist also eine Verbindung zu den Angeboten vor Ort. In Deutschland gleichen die Hilfsangebote für Frauen aber einem Flickenteppich. Denn es ist regional sehr unterschiedlich, wie diese ausgestaltet sind. Das müssen wir dringend verbessern. Dazu brauchen wir zunächst mal eine Erhebung, wo genau es zum Engpass kommt. Das sind oft Stadtteile, in denen viele verschiedene Problemlagen vorherrschen.

Hinzu kommt, dass der Bund dafür eigentlich nicht zuständig ist und die betroffenen Kommunen wenig Geld haben. Das ist ein Lawineneffekt. Wir müssen als Bund aber mehr Verantwortung übernehmen. Wir können das nicht einfach an die Städte und Kommunen abgeben. Im Koalitionsvertrag haben wir uns dazu verpflichtet, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Es gibt zum Beispiel ganze Gruppierungen, die zwar auf Hilfe angewiesen sind, aber durchs Raster fallen: Mütter mit Söhnen, die 16 oder 17 Jahre alt sind, weil die nicht in Frauenhäuser können, wo traumatisierte Frauen sind. Oder Frauen mit Behinderungen, für die wir kaum Strukturen haben. Und wir müssen uns dringend überlegen, was nach dem Frauenhaus mit den Betroffenen passiert.

Bei geflüchteten Frauen kommt hinzu, dass sie durch Wohnsitzauflagen nicht mal die Kommune wechseln dürfen, selbst wenn dort ein Platz in einem anderen Frauenhaus frei wäre.
Barley: Das Problem haben wir nicht nur da. Sondern auch bei Frauen, die sich in Sorgerechtsstreitigkeiten befinden und deswegen an einen Ort gebunden sind. Es gab einen Fall, da wurde eine Frau abgewiesen, kam dann in einem anderen Frauenhaus unter und wurde danach wegen Kindesentzug angezeigt. Das zeigt, dass es an generellen Regelungen fehlt. Wir brauchen neue Standards, weil das überall unterschiedlich gehandhabt wird.

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