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"Hart aber fair", ARD Plasbergs lustiger Genderstadl

Darf Sophia Thomalla als “doofe Frau?, wie sie sich selbst bezeichnet, ihre Meinung kundtun? Sie darf! Ist es sinnvoll, dass sie es in einer politischen Talkshow zum Thema Gender tut? Eher nicht!

08.09.2015 07:38
Claudia Lehnen
Frank Plasberg moderiert die Sendung "hart aber fair". Foto: WDR

Es ist anzunehmen, dass der eifersüchtige Othello und seine Frau Desdemona sachlicher über ihre angenommene Untreue redeten als die geladenen Talkgäste über die Frage, ob Gleichberechtigung und Gender-Studies sinnvolle Angelegenheiten sind oder nicht. Alles begann mit der “Selbstzensur?-Debatte, WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn war extra gekommen, um sich der Kritik zu stellen. Schließlich hatte der WDR nach heftiger Schelte aus Frauenkreisen die Gender-Sendung vom März dieses Jahres in der Mediathek zeitweilig gelöscht und dafür noch mehr Schelte einstecken müssen.

“Persönliche Befindlichkeiten? gäben dieser Runde den extremen Sprengstoff, argumentierte Schönenborn und war damit nach einer halben Stunde Debatte zur Frage, ob der WDR beim Löschen der ersten Sendung einen Fehler begangen hat, flugs mittendrin im Geschlechterkampf. Der übrigens in nahezu identischer Besetzung wie bei letzter Gelegenheit ausgetragen werden sollte. Frauen sind eben empfindlich. “Beleidigt? hieß es, “weinerlich.? Und Publizistin Birgit Kelle (“GenderGaga?) fragt sich, ob die “ständig neuen gekränkten Minderheiten wirklich so relevant? seien. Als wären Frauen, die sich Gleichberechtigung, gleiche Chancen, gleiche Bezahlung und ein Leben abseits des Klischees wünschen, eine seltene, giftige Tierart, die man schützen muss, obwohl es sich ohne sie viel bequemer lebte.

Moderator Frank Plasberg findet Gender-Studies übrigens noch in etwa ebenso lächerlich wie bei seiner letzten Sendung im März. “Muss man wirklich studiert haben, um zu diesem Thema etwas sagen zu können?? fragt er Neubesetzung Sybille Mattfeldt-Kloth vom Landesfrauenrat Niedersachsen, die sich die ein oder andere Wissenschaftlerin zur letzten Sendung gewünscht hätte. Das hört sich stark nach Schröderschem “Frauen und Gedöns?-Chauvinismus an und ist wahrscheinlich genauso gemeint. Über Frauen und Männer labern kann jeder, der schon mal mit Frauen oder Männern gelabert hat. Wie schwer kann das schon sein? Das ist so, als würde man sagen, jeder sei Philosoph, der schon mal einen Kalenderspruch gelesen hat. Twitter fragt: “Ich warte darauf, dass ich zu einer Talkshow zum Thema Euro eingeladen werde. Ich hab schließlich auch welche im Geldbeutel.?

Anne Wizorek (Bloggerin und Autorin, laut stellvertretendem FDP-Bundesvorsitzenden Wolfgang Kubicki “Sie meinen, weil Sie ein Buch geschrieben haben, sind Sie kompetent?) und Mattfeldt-Kloth bemühen sich, die Debatte von den Ampelmännchen hin zu ungleicher Bezahlung von Frauen und Männern zu leiten. Wenn wir ehrlich sind, interessiert uns das auch mehr. Sogar “Ich bin eine selbstbewusste Frau, ich komme ohne Quote aus?-Thomalla ist grundsätzlich dafür, dass Frauen nicht weniger verdienen als Männer. Aber Kubicki und Kelle sind der Meinung: Pay Gap gibt's gar nicht. “Stimmt nicht!? Alles nur erfunden. Haben sich wahrscheinlich weibliche Ampelmännchen auf der Unisex-Toilette ausgedacht. Und wer sagt eigentlich, dass “Frauen überhaupt diese gutbezahlten Posten anstreben?, fragt Kelle. Natürlich. Frauen wollen wahrscheinlich gar kein Geld verdienen. Selber schuld. Jedenfalls wollen sie nicht in irgendwelchen Aufsichtsräten sitzen, sondern im Zweifel lieber zu Hause das Klo putzen.

Das passt dann irgendwie erschreckend gut zum Einspieler von 1964, in dem männliche Chefs argumentieren, warum es keine Frauen auf ihrer Ebene geben kann. “Damen haben keine ausreichende Härte?, “Frauen entscheiden zu sehr nach Gefühlslage? und: “Bedenken Sie, dass Frauen sehr stark kritisiert würden von ihren männlichen Kollegen.?

Vielleicht die besten, weil sachlichsten Redebeiträge kommen wohl von Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender B’90/Grüne. Der laut Kubickis Aussage vom März “ja schon gendermäßig aussieht?. Es gehe weniger um Gender-Mainstreaming wie Helme für Frauenköpfe und Knieprothesen für Frauenknie. Sondern um Gender-Studies, also das Hinterfragen, ob Stereotype über klassisch männliche oder weibliche Eigenschaften biologisch oder kulturell antrainiert sind. “In der Vergangenheit haben Biologen behauptet, dass Männer intelligenter als Frauen sind. Dass sie nicht in der Lage sind, politisch zu führen. Das halten wir inzwischen alle für überkommen.? Vielleicht hat das Hinterfragen, selbst wenn es sich Gender-Studies nennt, ja doch seinen Sinn.

Leider anders als diese Sendung, die ein zweites Mal den Fehler macht, die Debatte der Lächerlichkeit preiszugeben. Statt zu diskutieren, wie wirkliche Ungerechtigkeiten abgeschafft werden könnten. Wie wir Sexismus in den Griff kriegen. Wie wir individuell unterschiedlich bleiben können und trotz aller Freiheiten gleichberechtigt. Wie wir uns gegenseitig helfen können, männliche wie weibliche Anteile bei uns und unseren Kindern stark zu machen, ohne dabei Angst zu haben, das eine könne schlechter sein als das andere. Ganz sachlich und ohne persönliche Befindlichkeit. Ohne Männerhass. Ohne Chauvinismus.

Chance vertan. Die Ampelmännchen werden diesmal zwar kaum bemüht. Dafür gibt es am Ende eine Straßenumfrage unter Paaren (beide voll berufstätig). Und es geht um die wirklich nicht zielführende Das-bisschen-Haushalt-Frage: Wer macht da mehr? Immenses Ungleichgewicht. Warum er das Klo nicht putze: “Das hat sich noch nie ergeben.? Was er im Haushalt nicht mache: “Ich sage lieber mal, was ich mache. Das geht schneller. Den Müll rausbringen.? Pause. Ende. Er lacht. Alle lachen.

Und so einer sitzt dann im Aufsichtsrat. Plasbergs lustiger Genderstadl. Bis in alle Ewigkeit, denn diesmal wird das Ganze nicht mal mehr gelöscht werden.

 

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