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Täterfrauen Frauen im Zeitalter des Terrors

„Täterfrauen gab es immer“, sagt Publizistin Carolin Emcke im Interview über gewalttätige Frauen im Linksterrorismus und Rechtsfaschismus von RAF-Meinhof bis NSU-Zschäpe - und über verletzliche Männer.

In der Forschung sind Frauen als Täterinnen kein Tabu, sagt Emcke – und verweist auf Studien über weibliche Neonazis. Foto: picture alliance / dpa

Frau Emcke, Mädchen ziehen in den Dschihad, Kurdinnen kämpfen bei den Peschmerga und Beate Zschäpe hat für die NSU-Mörder garantiert nicht nur Suppe gekocht. Was bleibt vom Bild der friedfertigen Frau?
Nun, zunächst einmal sind das sehr unterschiedliche Beispiele von Frauen, die aus ganz unterschiedlichen Motiven, in anderen Kontexten, mal als radikale Islamistinnen, mal als Kombattantinnen einer sich verteidigenden Armee, mal als rassistische Rechtsextremistin agieren. Die lassen sich nicht so leicht vergleichen. Aber wenn Sie nach dem traditionellen Rollenbild fragen, das all diese Beispiele unterwandert, so muss man sagen: Frauen als Täterinnen, als aktive, handelnde Subjekte oder auch als Terroristinnen sind doch in der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte nichts Neues. Sowohl in der ersten als auch in der zweiten Generation der RAF spielten sehr viele Frauen an prominenter Stelle eine Rolle.

Aber gerade die RAF-Terroristinnen haben damals extreme Irritationen hervorgerufen. Die Frage, was gerade Frauen zu Gewalttäterinnen macht, wurde in der Öffentlichkeit heftig diskutiert.
„Gerade Frauen“ klingt so, als sei bei Männern Gewalttätigkeit eine anthropologische Konstante. Das ist so fahrlässig als Zuschreibung wie die, die Frauen per se als handlungsunfähig und passiv denkt.

... und sie damit en gros zu Opfern macht. Sie sind – eingerechnet Kriege und Kriminalität – zwar nicht häufiger als Männer Opfer von Gewalt, aber fast immer Opfer männlicher Gewalt.
Na ja. Frauen sind schon viel häufiger unschuldige Opfer von Gewalt. Gerade zurzeit erleben wir doch mehrere radikale Bewegungen, mehrere Kriege, in denen Gewalt und sexuelle Gewalt gegen Frauen ausdrücklich erwünscht und geboten ist. Sowohl Boko Haram als auch IS haben nicht zufällig, sondern systematisch Mädchen und Frauen angegriffen. Aber auch jenseits dieser Regionen: Schauen Sie sich die letzten Zahlen der UN an, wie viele Frauen häusliche Gewalt erleben, wie viele Frauen sexuell belästigt werden, wie viele Mädchen im Kindesalter zwangsverheiratet werden ... Leider gehört die Erfahrung der eigenen Verletzbarkeit immer noch zum Lebensgefühl vieler Mädchen und Frauen. Das hat allerdings nichts mit essenzialistischen Vorstellungen von Geschlecht zu tun, sondern mit Macht.

Und in diesem asymmetrischen Machtverhältnis sollen Frauen gefälligst in der Opferrolle bleiben. Vielleicht taucht deshalb bei Gewalttäterinnen immer wieder die Frage auf: Wie können sie gerade als Frauen so brutal, grausam und erbarmungslos sein?
Ich frage mich das nicht. Weder bei Terroristinnen wie Beate Zschäpe noch bei den Soldatinnen Lynndie England oder Sabrina Harman, die an den Folterungen in Abu Ghraib beteiligt waren. Mich erschüttert, wie überhaupt jemand die Grenze zu exzessiver Gewalt zu überschreiten vermag. Interessant scheint mir allein der Kontext, der zu dieser Situation geführt hat.

Trotzdem werden Frauen als Täterinnen nicht so gern in den Blick genommen.
Das Thema ist aber nicht tabuisiert. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Arbeiten über junge Frauen in der Skinhead- oder in der rechten Szene.

Erstaunlich ist doch aber, dass Täterinnen in der kollektiven Wahrnehmung häufig als abstoßend empfunden werden. Gleichzeitig geht aber von der Frau als Kämpferin – zum Beispiel im Film – eine eigenartige Faszination aus. Eine erotisch aufgeladene Anziehungskraft ...
Also nicht für mich.

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Die Frau als Kämpferin hat für Sie keinerlei Attraktion?
Nein. Mich fasziniert Gewalt einfach nicht. Sie widert mich an.

Die Gewalt macht mich ja überhaupt nicht an. Was mich fasziniert, ist die Wehrhaftigkeit dieser Frauen.
Das ist total lustig. Sie finden einen Frau, die bewaffnet ist ...

Es geht nicht um Waffen, sondern um Widerstand, um Subversion von Männlichkeitsbildern ...
Ja gut, die Subversion von Erwartungen gefällt mir auch. Aber ich kann mich an kaum eine Figur jenseits von Robin Hood erinnern, die mich in dieser Richtung als Held fasziniert hat. Außer Antigone natürlich. Das ist Widerstand gegen die gesetzte Ordnung, aber einer, der ohne Gewalt auskommt.

Sie stellen sich auch nicht die typische Frage, ob es dabei um weibliche Selbstermächtigung oder Unterwerfung unter männliche Bilder geht?
Nein, ich kann im Ausüben von Gewalt keine Selbstermächtigung erkennen. Gewalt löst bei mir ein tiefes moralisches, aber auch physisches Unbehagen aus. Außer Notwehr natürlich. Die kann ich verstehen. Aber sonst? Gewalt einfach als Selbstermächtigung auszugeben, da kann ja jeder daherkommen und sich selbst ermächtigen.

Die Angst vor Frauen, die die Grenze zur Gewalt überschritten haben, scheint besonders ausgeprägt. Christian Lochte, der langjährige Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, soll seiner Antiterroreinheit im Kampf gegen die RAF die Anweisung gegeben haben: Erschießt zuerst die Frauen!
Ich kenne den Satz nicht. Was sollte das heißen?

Streckenweise gab es ja mehr Frauen als Männer in der RAF. Lochte sagte dazu: „Für jeden, dem sein Leben lieb ist, ist es eine ausgesprochen gute Idee, sich die Frauen zuerst vorzunehmen.“ Offenbar hielt er Frauen für gefährlicher.
Erschießt zuerst ... Die Hierarchisierung, wer in welcher Reihenfolge erschossen werden soll, ist so oder so widerlich. Als hätte er gesagt: Erschießt zuerst die Blonden oder erschießt zuerst die Blauäugigen oder erschießt zuerst die Juden. Was immer die Logik gewesen sein mag ...

... sicher spielt auch die Vorstellung eine Rolle, dass einer Frau, die so radikal mit gesellschaftlichen Erwartungen gebrochen hat, alles an Brutalität zuzutrauen ist.
Darauf kann ich als Betroffene nicht gut antworten. Mein Patenonkel ist durch die RAF ermordet worden. Ich weiß nicht, ob da eine Frau oder ein Mann dabei war, aber das ist für die Angehörigen recht egal. Da ist ein Mensch ermordet worden, weil jemand meinte, das Recht zu haben, andere zu töten.

Wenn es um Gewalt von Frauen geht, werden gern biografische oder psychologische Erklärungsmuster herangezogen. Bei den RAF-Terroristinnen gibt es dazu drei Ansätze. Der erste sagt: Frauen sind emotionaler, deswegen rationalen Argumenten weniger zugänglich. Aus diesem Grunde können sie kein stabiles Gewissen entwickeln und sind dadurch grausamer und kaltblütiger.
... das können wir ja wohl gleich streichen ...

Der zweite Ansatz behauptet, die moderne Emanzipationsbewegung treibe Frauen dazu, es den Männern gleich zu tun – auch auf dem Feld der Gewalt. Sie fangen an, mit Männern zu konkurrieren und ziehen eine besondere Befriedigung daraus, sie sogar zu übertreffen.
Na ja, man muss nur an die Geschichte von Judith und Holofernes oder an die von Salome erinnern. Ich fürchte, gewaltbereite Frauen gab es auch schon zu nicht wirklich emanzipierten Zeiten.

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Der dritte Erklärungsansatz geht von sexueller Hörigkeit aus: Sie tun es den Männern zuliebe.
Ach herrje. Bei diesen Vorstellungen spielt doch mehr eine leicht obszöne Faszination der Öffentlichkeit mit. Welche Rolle Lust und Begehren und sexuelle Abhängigkeiten gespielt haben, wissen vermutlich nur die Beteiligten.

Werden Frauen und Männern denn die gleichen politischen Motive zugestanden, wenn sie sich für den Terror entscheiden?
Nehmen wir mal Beate Zschäpe. Das Gespenstische bei ihr ist, dass das Gericht nur über Zeugen rekonstruieren kann, was für eine Rolle sie in dem Trio gespielt hat. Wir kennen sie im Prozess ja nur nicht-sprechend. Aber traut ihr die Gesellschaft die Taten zu? Doch, das glaube ich schon.

Toter Winkel der Öffentlichkeit

Sicher war sie nicht nur das Heimchen am Herd.
Trotzdem wird es im Prozess letztlich um die Frage gehen, ob Beate Zschäpe nur als Unterstützerin gesehen wird, die mit den eigentlichen Morden gar nichts zu tun hatte. Da kommt ein traditionelles Frauenbild der Verteidigung natürlich zupass. Wenn es gelingt, sie als diejenige zu inszenieren, die nur diese beiden Jungs versorgt hat, mal mit dem einen und mal mit dem anderen zusammen war und ansonsten die Katze gekrault hat – dann wirkt es gleich unwahrscheinlich, dass sie auch wehrlose Menschen ermordet hat.

Weil Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit noch immer an bestimmte Rollenzuschreibungen von Opfer oder Täter geknüpft werden und es deshalb schwerer fällt, Frauen als Terroristinnen wahrzunehmen.
Ja. Gewiss koppeln sich an Bilder von Frauen oder auch Kindern Vorstellungen von Unschuld, Gewaltlosigkeit. Das ist sicherlich auch der Grund, warum Extremisten oftmals Frauen oder Kinder zu Selbstmordattentaten drängen oder zwingen – weil sie für die Gegner traditionell nicht so leicht als Gefahr auszumachen sind. Es entspricht ja zunächst einmal auch der Sozialisation und der Erfahrung, dass Frauen und Kinder eher schutzbedürftig und verletzbar sind.

Hier treffen weibliche Realität und traditionelles Rollenmuster in einer Form aufeinander, die der Wahrnehmung der komplexen männlich-weiblichen Wechselbeziehungen nicht unbedingt zugute kommt.
Das führt auch dazu, dass Männer als Opfer von Gewalt tabuisiert sind. Ich bin in Kenia gewesen, um über Kinderrechte zu schreiben. Dort gibt es Betreuungsheime für Mädchen, die misshandelt und missbraucht wurden – häufig von den eigenen Familienangehörigen. Für die kleinen Jungen, denen dasselbe widerfahren ist, gab es dagegen keine Unterkunft. Sexuelle Gewalt gegen Jungen oder Männer liegt oft im toten Winkel der Öffentlichkeit.

Das spiegelbildliche Verhältnis: So schwer es oft fällt, Frauen als Täterinnen zu denken, so schwer scheint es auch, Jungs oder Männer als Opfer von sexueller Gewalt zu sehen.
Ich glaube, es wäre gut, über eine Vielfalt von Verwundbarkeiten zu sprechen. Verletzlich ist, wer keine Macht hat, sich zu wehren. In dieser Lage sind manchmal Männer und sehr oft Frauen, Homosexuelle, Transgender. Es ist sinnvoller, über Macht auf der einen und Schutzlosigkeit und Verletzbarkeit auf der anderen Seite nachzudenken, denn dann bekommen wir auch all die in den Blick, die jeden Tag irgendwo auf der Welt angespuckt, gedemütigt, sexuell belästigt, gelyncht oder getötet werden, weil sie angeblich nicht der Norm entsprechen oder weil es die Machtverhältnisse eben erlauben.

Interview: Bascha Mika

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