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Frauen im 21. Jahrhundert Ins Patriarchat gebombt

Das 21. Jahrhundert gehört nicht den Frauen. Letztlich steht einem „Megatrend Frau“ das gleiche System wie eh und je im Weg: das Patriarchat.

Am 11. September 2001 waren in New York viele Polizistinnen und Feuerwehrfrauen im Einsatz. Als Helden gefeiert wurden ihre männlichen Kollegen. Foto: REUTERS

Kaum hatte das neue Jahrhundert begonnen, verkündete das Zukunftsinstitut den „Megatrend Frau“, den „Female Shift“. Die Gründe erscheinen einleuchtend. Immer mehr Frauen weltweit haben Zugang zu Bildung, sind finanziell unabhängig, besetzen immer machtvollere Positionen. Vor 15 Jahren schien es noch, als sei Gleichberechtigung die einzige Antwort, die ein neues Jahrhundert auf die vielen feministischen Kämpfe des vorherigen haben könnte. Dann veränderte der 11. September 2001 die Welt.

Viel wird über sie geschrieben, die Frauen in diesen Zeiten des Terrors. Doch sind sie entweder schutzloses Opfer der Terroristen, wie die jesidischen Frauen, oder werden als attraktive Amazone stilisiert, wie die kurdischen Widerstandskämpferinnen im Norden Iraks. Für die vielen Wahrheiten dazwischen gibt es wenig Platz.

Kriegszeiten sind keine guten Zeiten für Frauen. Als Opfer von Vergewaltigungen sind sie schon lange integraler Bestandteil kriegerischer Auseinandersetzungen. Auf beiden Seiten.

So brutal und menschenverachtend die Vergewaltigungen durch IS-Kämpfer auch sind, so wahr ist auch, dass viele irakische Frauen von amerikanischen Soldaten während deren Kriegseinsatzes im Irak vergewaltigt wurden. Eine mediale oder gar politische Aufarbeitung fehlt allerdings. Auch kaum bekannt ist die Studie der US-amerikanischen Professorin Helen Benedict, die zeigt, dass von 200 000 Soldatinnen, die von 2001 bis 2008 im Mittleren Osten waren, etwa 75 Prozent von ihren Kollegen sexuell belästigt, 30 Prozent vergewaltigt wurden. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen weisen seit Jahren darauf hin, dass Frauen in Kriegs- und Krisenregionen in Flüchtlingsunterkünften oft auch von UN-Soldaten vergewaltigt werden.

Es ist nicht Terrorismus allein, der zur Unterdrückung der Frauen führt und ihre Gleichberechtigung sabotiert – es ist Krieg im Allgemeinen, der immer wieder als Rechtfertigung einer machtvoll-männlichen Erzählung gebraucht wird.

Susan Faludi zeigt in ihrem Buch „The Terror Dream“, wie die Anschläge vom 11. September auch als Anschläge auf den Feminismus gelesen werden können – und meint die darauffolgende mediale Berichterstattung und politische Rhetorik innerhalb der USA.

So zelebrierten diese ausgiebig das Bild des männlichen Helden in Form der Feuerwehrmänner von Ground Zero – die „Feuerwehrfrauen“, die ebenfalls unter Einsatz ihres Lebens vor Ort waren, waren schlicht nicht sichtbar. Auch Überschriften wie „Wenn Krieg droht, ist es okay, Jungs Jungs sein zu lassen“ folgten nach Faludi Teil einer Logik, die Frauen suggeriert: Wenn Krieg ist, legt ihr eure Forderungen nach Gleichberechtigung lieber beiseite.

Dabei gibt es eine lange Tradition von Friedensfrauen weltweit, 1915 fand der erste Internationale Frauenfriedenskongress in Den Haag statt. Wichtigster Tenor: Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg. Krieg gegenüber Frauen herrscht auch, wenn die Waffen schon niedergelegt sind. Vor genau 20 Jahren trafen sich mehr als 50 000 Teilnehmerinnen zur vierten Weltfrauenkonferenz in Peking und verabschiedeten eine Resolution, die bis heute auf ihre Einlösung wartet. Eine wichtige Folge dieser Konferenz ist die im Jahr 2000 verabschiedete UN-Resolution 1325, deren Kernpunkte vor allem die Beteiligung von Frauen an Konfliktlösungs- und Friedensgesprächen betreffen, den Schutz von Mädchen und Frauen vor sexueller Gewalt und die Beteiligung von Frauen in Friedenstruppen oder als lokale Polizeikräfte.

Institutionen wie die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit, die 1000 Peace Women over the Globe oder auch das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung beklagen immer wieder, dass qualifizierte Frauen- und Friedensaktivistinnen oft von regionalen und internationalen Waffenstillstands- oder Friedensverhandlungen ausgeschlossen werden. In ihrem Statement zum gerade veröffentlichten Amnesty Report 2014/2015 sagt Selmin Çaliskan, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International: „Bisher gibt es in Deutschland keine einheitliche Strategie, wie Frauen einerseits in bewaffneten Konflikten besser vor Vergewaltigungen geschützt und andererseits als wirkungsvolle Friedensakteurinnen in die Verhütung und Bearbeitung von Konflikten einbezogen werden können.“

Wichtige Akteurinnen

Kein Frieden ist ohne Veränderungen in der Gesamtbevölkerung zu haben und gerade dort sind Frauen wichtige Akteurinnen. Oft scheitern Frauen vor Ort aber auch an den „fortschrittlichen“ Friedensbringern. So berichtete eine irakische Politikerin der „New York Times“, dass sie sich nach dem Sturz Saddam Husseins die Unterstützung der USA erhofft hatte, eine Frauenquote von 40 Prozent im Parlament festzusetzen, wie sie die UN-Resolution 1325 vorsieht. Ihre Erwartungen wurden enttäuscht. Letztlich ist das nicht verwunderlich, werden doch in den USA nur 19 Prozent der Regierungssitze von Frauen eingenommen.

Der heute in Deutschland viel gescholtene Begriff Gender Mainstreaming ist 1995 aus der UN-Weltfrauenkonferenz in Peking hervorgegangen und steht eben für deren Kernforderung: Dass Frauen in Entscheidungsprozesse, etwa Friedensprozesse, gleichberechtigt einbezogen werden.

In einer Zeit, die von so vielen kriegerischen und gewalttätigen Auseinandersetzungen bestimmt wird und die vielen als Beweis für die Rückschrittlichkeit des Islams gilt, richten sich oftmals dieselben politischen Kräfte auch gegen Gender Mainstreaming. Bestes Beispiel dafür ist die AfD. Aber nicht nur die. Erst am Montag meinte Frank Plasberg in „Hart aber fair“, wir hätten dringendere Probleme, wie etwa den Terror, als uns im „Gleichheitswahn“ zu verlieren.

Wer sich Bemühungen um Gender Mainstreaming im eigenen Land entgegenstellt, kann kaum überzeugend Gleichberechtigung von anderen fordern. Wie glaubhaft sind also die westlichen Mächte, die dem Mittleren Osten Frieden und Gleichberechtigung bringen wollen? Vergewaltigungen auf der anderen Seite werden angeprangert, auf der eigenen verschwiegen. Die Verliererinnen sind die Frauen, deren Anliegen in Kriegszeiten als weniger wichtig abgetan werden.

Letztlich steht einem „Megatrend Frau“ im 21. Jahrhundert weltweit nicht der Terrorismus im Weg, sondern das gleiche System wie eh und je: das Patriarchat.

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