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„Wir alle sind Schwestern!“ Kakophonie ist schön!

Sehnsuchtsvoll erklingt die Klage bei Frauenversammlungen: Die Schwesternschaft der Frauen ist vor die Hunde gekommen. Dabei es ist völlig in Ordnung, dass sich der Kampfbegriff überlebt hat - wir sind nun mal nicht alle Schwestern. Eine Polemik.

International Woman s Day Berlin
Kampfbegriffe überleben sich. Wir sind nun mal nicht alle Schwestern. Foto: Imago

Die eine ist blond, die andere ist laut und die Dritte kann ich sowieso nicht leiden. Frauen sind Solitäre, jede ein eigener weiblicher Kosmos. Warum also sollten wir Schwestern sein? Schließlich verbindet uns erst mal nichts – außer ein paar biologischen Merkmalen.

Dennoch höre ich bei Frauenversammlungen immer wieder das Lamento: Die Schwesternschaft ist vor die Hunde gekommen. Frauen begreifen sich zu wenig als Schicksalsgemeinschaft, um vereint gegen die männerdominierte Welt anzustinken. 

Es steckt so viel Sehnsucht in dieser Klage. So ein starkes Verlangen nach Verbundenheit. Schließlich ist es kalt da draußen in der Männerwelt, warum sollten wir es uns da nicht unter Freundinnen kuschelig machen? Um dann gemeinsam anzutreten: Eine für alle, alle für eine!

Ich verstehe dieses Bedürfnis, gut sogar. Zumal, wenn wir unsere Geschichte betrachten. Als sich Frauen in den 1960er Jahren erneut aufmachten, die Welt zu erobern, kamen sie aus der Isolation. Jeder hatte man eingebläut, dass es verrückt sei, mit ihrem Schicksal als gesellschaftliches Defizitmodell zu hadern. Mit der Bestimmung als Reproduktionsmaschine und Stützstrumpf für den Mann. Mit der Rolle als Sexobjekt ohne befriedigende eigene Sexualität.

Kampfbegriffe sind zeitgeschichtlich wichtig und richtig

Plötzlich schallte es auf den Straßen: „Wir alle sind Schwestern!“. Schwestern, die das gleiche Los teilen und Seit an Seit in den Kampf gegen das Patriarchat ziehen. Gemeinschaft entstand, wo vorher Vereinzelung war. Das macht stark und ein bisschen unverwundbar. Jede Freiheitsbewegung braucht das. Schwesternschaft war ein strategischer Kampfbegriff, zeitgeschichtlich richtig und wichtig.

Doch hey – auch Kampfbegriffe überleben sich. Wir sind nun mal nicht alle Schwestern. Dieser Anspruch ist eine Zumutung, vereinnahmend, übergriffig und paternalistisch. Warum soll ich mich jeder Tusse, Schrulle, Zicke zugehörig fühlen? Nur weil sie eine Klitoris hat?

So schwer ist es nicht, Differenz auszuhalten. Kakophonie ist schön! Wir sind nicht unbedingt Freundinnen und lieben werden wir uns alle schon gar nicht – aber verdammt, das brauchen wir auch nicht. Wir können dennoch solidarisch sein, strategische Bündnisse schließen, gemeinsam Ziele erreichen. So machen es die Jungs schließlich auch: Erst dreschen sie aufeinander ein, dann raufen sie sich aus taktischen Gründen zusammen, um sich nach der Zielgeraden wieder die Köpfe einzuschlagen. Der Stil muss nicht sein, aber die Idee ist nicht schlecht. Und erfolgreich. Sich von zu viel Gemeinschaftsanspruch zu lösen, macht frei.

Deshalb Ladies, entspannt euch! Kommt an mein Schwesterherz – und dann geht auch wieder. Das halte ich aus.

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