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Weltfrauentag Flucht nach hinten

Der Kulturkampf um die Geschlechterverhältnisse wird so heftig geführt wie schon lange nicht mehr. Rechtskonservative bieten als Lösung eine Rückbesinnung an vergangene Zeiten an. Sie befinden sich damit in schlechter Gesellschaft.

Elvira Bach:  Ich bin wie ich bin
Elvira Bach: Ich bin wie ich bin, 2014. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Es heißt, der Fortschritt sei eine Schnecke. Dabei ist er doch wohl eher ein Krebs. Bei dem geht’s mal vorwärts, mal seitwärts, nicht selten auch rückwärts. Mal dominieren die Beharrungskräfte, mal gibt es einen Sprung nach vorne, mal wird in Besitz genommenes Terrain wieder verloren.

Die Emanzipationsgeschichte der Frauen hat viele Krebsgänge hinter sich. Begleitet von lauen Lüften oder Sturmwarnungen, je nach gesellschaftlicher und politischer Wetterlage.

Derzeit ist zweifellos Sturm angesagt. Welche Frauenbilder werden dabei in Stellung gebracht, um antifeministische Impulse zu stärken? Welche sollen zerstört werden, weil sie die männerdominierte Ordnung zersetzen?

AfD, Pegida und Co. verquicken rechtspopulistisches und national-völkisches Gedankengut mit einer reaktionären Frauenrolle und männlichem Führungsanspruch.

Sie fordern das Leitbild der heterosexuellen Vater-Mutter-Kind-Familie und wollen die Geburtenrate „unter deutschstämmigen Frauen“ erhöhen: „Eine normale deutsche Familie hat drei Kinder,“ propagiert Frontfrau Frauke Petry.

Mit solchen Ideen steht die AfD nicht alleine da in Europa. In Polen und Ungarn, in Frankreich, Holland und Großbritannien haben Rechtskonservative die Geschlechterverhältnisse zum politischen Kampfplatz erklärt. Sie wollen das Abtreibungsrecht verschärfen und agitieren gegen die Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender. Und all diese rechten Gesinnungsgenossen aus verschiedenen Ländern sind untereinander gut vernetzt.

Befeuert wird die Stimmungslage durch den dirty old man, der ins Weiße Haus gewählt worden ist, in dessen Vorstellungswelt Bilder von sexuell verfügbaren Frauen und weiblicher Unterwerfung rumgeistern. Trump konnte beweisen, dass ein Mann, der seine dreckigen Fantasien auslebt und propagiert, ein Gewinner ist. Gefeiert von Männern und Frauen.

Auch er hat den Kulturkampf um die Geschlechterverhältnisse neu entfacht. So hart und heftig wird der geführt wie schon lange nicht mehr. Vielleicht nicht mehr, seit sich Frauen Ende der 60er Jahre zum wiederholten Male aufmachten, die Welt zu erobern.

Zwar kann keineswegs die Rede davon sein, dass sie ihre Ziele erreicht hätten. Doch ihre Emanzipations- und Gleichberechtigungsforderungen reichen aus, in großen Teilen der bürgerlichen Mitte die Angst vor Kontrollverlust zu schüren, vor einer Welt aus den Fugen. Als Angsthemmer bieten Rechtskonservative die Flucht nach hinten an: autoritäre Strukturen, gesellschaftliche Normierung, patriarchale Dominanz.

Einige Jahrzehnte lang war betont sexistisches Verhalten in westlichen Ländern verpönt. Die männerdominierte Gesellschaft verbarg sich hinter einer rhetorischen Modernisierung, die Diskriminierungen wurden subtiler, die öffentliche Abwertung von Frauen war nicht mehr salonfähig. Bereits das lässt sich ja als Fortschritt begreifen.

Nun ist der Firnis abgeplatzt, die Fronten sind neu aufgebrochen. Unversöhnlichkeiten erscheinen im grellem Licht. Widerstreitende Modelle und Denkmuster, wohin es mit Frauen, Männern, Frauenmännern und Männerfrauen in Zukunft gehen soll, liegen offen zutage. Auf der einen Seite machen Schlagworte wie „Entmännlichung der Gesellschaft“, „Staatsfeminismus“ und „Genderterror“ die Runde. Auf der anderen strömen Frauen wie in den USA zu Hunderttausenden auf die Straße, um für ihre Rechte zu demonstrieren.

Dabei hat sich das Feindbild ein Stück verschoben. Wo es früher gegen die Frauenbewegung und weibliche Selbstbestimmung ging, geht es heute gegen den „Genderwahn“. Wenn das bipolare Geschlechterbild aufgesprengt wird, graust es den Anhängern einer „natürlichen Ordnung“ offenbar ganz besonders. Denn es bedeutet: weiterer Kontrollverlust.

Wie bei jedem Kampf der Kulturen geht es auch hier um einen Kampf der Bilder. Wer den Lauf der Geschichte beeinflussen will, braucht Erzählungen, und Erzählungen brauchen Bilder, um wirksam zu werden. Kulturelle Bilder zu entwerfen, sie durchzusetzen und zu kontrollieren – und so gesellschaftliche Realität zu prägen – ist eine Frage der Macht. Denn hinter den Bildern verbergen sich Denkgebäude voll von Zuschreibungen und Vorurteilen, die sich in Rollenmustern verdichten. Was bei den Weiblichkeitsbildern, die unsere Kulturgeschichte im Laufe der Zeit zuhauf produzierte, auf besonders perfide Weise erfolgreich war. Dafür finden sich in allen Epochen und allen Bereichen eine unendlich Zahl von Belegen. Viele Weiblichkeitsmotive führen dabei seit Jahrtausenden ein Leben als Widergänger: Sie sind praktisch nicht totzukriegen. Und die Stereotype, die sich daraus formten, sind fest in unserem kollektiven Gedächtnis verankert.

Wenn der heutige Rechtspopulismus versucht, den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität über traditionelle Bilder zu normieren und durch die Überhöhung der Familie zu kontrollieren, befindet er sich dabei in uralter, schlechter Gesellschaft. Körper und Sexualität der Frau sind seit Jahrtausenden die Arena, in der sich männliches Herrschaftsdenken zu beweisen versucht.

Das lässt sich an einem politisch scheinbar unverdächtigen Beispiel wie dem Bild der vertrocknenden Frau nachzeichnen. Angelehnt an die altgriechische Temperamentenlehre galten Männer im Mittelalter als heißes und trockenes Geschlecht, Frauen als kaltes und feuchtes. Doch nach aristotelischer Vorstellung verloren Frauen im Laufe der Jahre stetig an Feuchtigkeit und damit an Lebenssaft. Und so wie ein Baum verdorrt, wenn seine Säfte nicht mehr steigen, verdorrt auch die Frau, wenn sie nicht mehr gebären kann.

Diese Vorstellung übernahm die mittelalterliche Medizin. Die Menopause lieferte ihr den klaren Beweis: Warum hören Frauen auf zu bluten? Weil sie von innen austrocknen. Wenn sie nicht mehr fruchtbar sind, schrumpeln sie zum welken Weib.

So weit die Vorstellung in Antike und Mittelalter. Doch das Bild der vertrocknenden Frau war damit nicht abgehakt. Noch in den 1950er Jahren ließ der Schriftsteller Thomas Mann eine seiner Protagonistinnen sagen: „Wenn es uns nicht mehr geht nach der Weiber Weise, dann sind wir eben kein Weib mehr, sondern nur noch die vertrocknete Hülle von einem solchen.“ Damit nicht genug. Bei Frauenbildern gilt selbst heute: Das finstere Mittelalter ist nah. Noch 2010, im Spielfilm zur Fernsehserie „Sex and the City“, sagt eine der Heldinnen über einen Ratgeber für die Wechseljahre: „Warum sagen die nicht deutlich, was das hier wirklich ist? Etwas für Frauen, die zu vertrocknen anfangen.“

Das Bild der vertrocknenden, weil unfruchtbaren Frau hat es also problemlos von der Antike über Mittelalter und Neuzeit bis ins hippe New York unserer Tage geschafft. Und ist die AfD mit ihrem denunziatorischen Bild der selbstbestimmten Frau, die Familie und Kinder nicht als alleinige Existenzerfüllung braucht, so weit entfernt davon? Was ist die kinderlose, also buchstäblich unfruchtbare Frau wenn nicht ein dürres, unnützes Glied am deutschen Volkskörper?

Der Assoziationsraum solcher Bilder ist in unserer heutigen Gesellschaft noch immer anschlussfähig – was einen Teil des Erfolgs der AfD ausmacht.

Diese Bilder werden in einem unendlichen Strom reproduziert, sie umzingeln uns und nehmen Einfluss auf unsere soziale Praxis. Letztlich geht es dabei immer um Macht. Aber auch um die Möglichkeit, alte Macht mit Hilfe neuer, anderer Bilder zu durchbrechen und diese neu zu verteilen. Warum wohl versuchen Anti-Feministen und Anti-Genderisten so verzweifelt, die untoten Bilder zu reanimieren? Weil sie erkannt haben: Die Frauenbewegung will nicht nur die weiblichen Verhältnisse ändern – wollte sie wohl nie. Die interkulturellen Feminismen erheben den Anspruch, auf die Krisen der globalisierungsgeschüttelten Gesellschaften mit universellen Zukunftsentwürfen zu antworten. Es geht nicht um die Bilder einer halben, es geht um die ganze Welt. Das ist ohne Zweifel zum Fürchten.

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