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Verführung „In die Kiste, Beine hoch, Amerika!“

Für Sexshop-Betreiberin Kathi Leiber ist Verführung der steinige Weg zwischen „Tagesschau“ und Schlafzimmer. Ein Gespräch über erste Signale, festgefahrene Rollen und die Wertschätzung, die in einer Aufforderung zum Geschlechtsverkehr liegen kann.

Rollenspiel Foto: Photocase

Frau Leiber, starten wir mal mit etwas Grundsätzlichem. Wie lautet Ihre professionelle Definition von Verführung?
Nicht ganz leicht. Ist das ein Flirt oder geht es ums Aufreißen, Abschleppen? Nehmen wir mal an, Verführung ist das, was zum Sex führt. Dem Wort nach ist Verführung ja eine manipulative Angelegenheit. Ich verführe ja jemanden zu etwas, was er gerade nicht unbedingt wollte. Das heißt nicht, dass ich jemanden gegen seinen Willen hinter die Büsche zerre. Aber eben schon, dass ich jemanden gezielt dazu bringe, etwas zu tun, was er gerade nicht so im Sinn hatte. Sonst braucht es schließlich keine Verführung. Sonst trifft man aufeinander, reißt sich die Kleider vom Leib und weiß gar nicht, wer zuerst oben liegt. So. Insofern würde ich sagen: Verführung ist eher das, was daheim, im Alltag passiert. 

Wo beginnt überhaupt Verführung – tatsächlich mit einem Blick, einem Wort, einer nackten Schulter?
Das kann man sich wirklich fragen, gerade in unserer digitalen Welt. Beginnt das schon auf Tinder, wenn ich mich für ein Date entscheide? Oder mit den Chatnachrichten, die man sich schon vor dem Treffen schickt? Früher musste man ein Post-it auf den Kühlschrank kleben, heute kann man sich schon 50 Ferkeleien auf den Job schicken. Ich denke, es sind zwei Stufen: Das eine ist, dass man signalisiert: „Ich finde dich gut, ich kann mir Sex vorstellen, ich würde gern.“ Ob daraus etwas wird, sei mal dahingestellt. Und das zweite ist dann die Aktion. Das ist das, womit ich mehr zu tun habe.

In Ihrem Job dreht es sich also weniger um die Frage, wie verführe ich Sie oder Ihn zum ersten Mal, sondern um die, wie ich meinen Partner oder meine Partnerin noch nach 20 Jahren verführe. 
Definitiv. Allerdings hat der Bestseller „Fifty shades of grey“ etwas geändert. Da habe ich festgestellt, dass sich wegen so eines Buches oder eines Films, über den plötzlich alle reden, mehr Paare Gedanken darübermachen, ob so etwas für sie in Frage käme oder ob sie ihre Partner mal anders verführen sollten. Nicht nur Langzeitliierte. Ansonsten ist das schon eher ein Thema für Paare, die länger zusammen sind. Und da teilt es sich auf in diejenigen, die aus einem Defizit heraus kommen und sagen: „Mist, da läuft nichts mehr, wir brauchen einen neuen Anstoß.“ Die andere Hälfte kommt aus dem Luxus heraus, dass sich zwei gefunden haben, die körperlich wunderbar harmonieren und einfach ein bisschen kreativ sein, experimentieren wollen. 

Das klingt, als sei Verführung essenziell dafür, dass Beziehungen auf Dauer funktionieren.
So ist es. Zumindest die Art von Verführung, die ich meine: Das ist der steinige Weg zwischen „Tagesschau“ und Schlafzimmer. Der kann natürlich auch so aussehen, dass man sagt „Schatz, heute ist Mittwoch, letztes Mal war …, zack, ab!“ Das ist zwar weder besonders verführerisch, noch besonders subtil oder sexy. Aber der Anfang ist gemacht. 

Das Klischee besagt, Verführung geht vom Weibe aus. Ist da überhaupt etwas dran?
Jein. Ich habe oft den Eindruck, dass die Verführung seitens der Frauen eher der allererste Schritt ist. Da werden Signale gesendet – und machen muss dann der Mann. Egal ob ich mit Paaren spreche, mit Männern oder mit Frauen: Letztendlich ist es meist Männersache, das Heft in die Hand zu nehmen. Dass die Frau diejenige ist, die sagt: „Jetzt mal Butter bei die Fische!“ oder „Kommst du mit hoch auf nen Kaffee?“ oder „Ich könnt‘ mal wieder!“? Eher nicht.

Zu Ihnen kommen ja auch viele homosexuelle Paare – wie läuft das da, wenn die Rollenklischees nicht so dominant sind?
Da ist es nicht so klar. Das ist ein Problem und ein Luxus gleichermaßen. Denn wenn es nicht diese festgefahrenen Erwartungen gibt, kann man auch immer mal ganz unkompliziert in andere Rollen schlüpfen und einen anderen Part zu übernehmen. Das macht es natürlich auch schwierig, denn wenn keiner sagt, „ich hätte Lust“, passiert nichts. Einer muss die Initiative ergreifen. Bei längeren Beziehungen, lesbischen oder schwulen, ist es mit Sicherheit so, dass sich irgendwann herauskristallisiert, wer eher mal ne schweinische SMS schickt oder zur Tat schreitet. 

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