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Streiterinnen Kampf auf der Sprachbühne

Für den Duden ist sie „ein wesentliches Instrument beim Wandel hin zu mehr Gendergerechtigkeit.“ Ist Sprache tatsächlich so mächtig – oder kämpfen wir hier auf einem Nebenschauplatz? Diese Fragen hat FR-Chefredakteurin Bascha Mika auf der Frankfurter Buchmesse mit Hannah Lühmann und Anne Wizorek diskutiert.

Gespräch
FR-Chefredakteurin Bascha Mika im Gespräch mit Hannah Lühmann und Anne Wizorek (v.l.). Foto: Boeckheler

„Die Sprache ist stets die Begleiterin von Herrschaft.“ Dieses Zitat stammt von einem Renaissance-Gelehrten aus dem 15. Jahrhundert. Frau Lühmann, Frau Wizorek, richtig oder falsch?
Hannah Lühmann: Richtig
Anne Wizorek: Richtig

„Sprache bestimmt das Bewusstsein. Wir wollen das Bewusstsein ändern also müssen wir die Sprache ändern.“ Stimmt oder stimmt nicht?
Wizorek: Stimmt
Lühmann: Nein, so nicht.

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis, das Ihnen die Notwendigkeit oder den Unsinn einer gendergerechten Sprache deutlich gemacht hat?
Wizorek: Bei einem Ehrenamt setzte mir die Projektleiterin Texte mit Gender Gap vor. Ich fand das damals noch zu krass, aber ich nahm mein Abwehrgefühl zum Anlass, um darüber nachzudenken, wie eine Sprache aussehen könnte, die nicht diskriminiert und nicht ausschließt.
Lühmann: Auch ich glaube nicht, dass eine sogenannte gendergerechte Sprache per se Unsinn ist. Aber das Problem ist ein bisschen voraussetzungsreicher als wir manchmal annehmen. Deshalb hat es bei mir eigentlich kein Schlüsselerlebnis gegeben, sondern ein kritisches, emphatisches, genervtes Nachdenken, was mich schon seit vielen Jahren begleitet.

Sie sind offenbar nicht die einzige, die von der Sprachdebatte genervt ist. Das letzte Mal wurde bei der Rechtschreibreform so erbittert gestritten.
Lühmann: Weil es um eine existenzielle Kategorie unseres Daseins geht, wenn von Geschlecht die Rede ist. Dann fühlen sich Menschen schnell in ihrer Identität angegriffen oder verunsichert. Außerdem muss man dann darüber nachdenken, was gendergerecht sprechen überhaupt bedeutet. Es kommen dann schnell Wörter ins Spiel wie „Umerziehung“. Ich verstehe, dass Leute das Gefühl haben, hier wird in eine Sphäre eingegriffen…

Die sehr privat ist? Aber sprechen ist ja nicht privat.
Lühmann: Nein, aber die Sprache ist auch kein Parlament. Und hier geht es um eine Vorstellung von Gerechtigkeit in der Sprache, die wirklich nicht alle teilen.
Wizorek: Was in der Auseinandersetzung sehr oft verzerrt wird: Es geht um eine Debatte. Um Anregungen, wie wir die jetzigen sprachlichen Normen hinterfragen und gerechter sprechen können. Geschlechtergerechter Sprache wird ein ideologisches Vorgehen vorgeworfen, dabei wird komplett ignoriert, dass es auch eine Ideologie ist, nur in Männersprache zu sprechen und dies nicht mal zu hinterfragen.

Es geht zwar um eine Debatte, aber manchmal sind die verbalen Attacken von körperlichen Angriffen gar nicht so weit weg.
Wizorek: Ich verstehe eine erste Abwehrhaltung wie gesagt sogar. Es ist nicht einfach, aus einer Komfortzone rausgeworfen zu werden. Da muss ich mich mit etwas beschäftigen, das ich vorher als gegeben hingenommen habe und muss vielleicht feststellen, dass ich bisher in einer Art und Weise gesprochen und geschrieben habe, die für andere Menschen mindestens respektlos und diskriminierend ist. Das ist unangenehm. Die Frage ist aber, wie gehen wir damit um? Lerne ich daraus, versuche ich es besser zu machen – oder versteife ich mich auf die bloße Abwehrhaltung und gehe vielleicht sogar zur Gewalt über?

Das Thema wird dadurch befeuert, dass AfD und Co. beim Thema Geschlechtergerechtigkeit stets von Genderwahn reden. Ist eine kritische Position zum Gendern möglich, ohne ins rechte Ressentiment abzugleiten?
Lühmann: Das geht ganz wunderbar, und zwar ohne sich politisch in irgendwelche rechten Ecken zu begeben. Es gibt sehr viele Menschen in allen möglichen Ländern, die keineswegs sagen würden, dass wir unbedingt eine gendergerechte Sprache brauchen, damit Gerechtigkeit hergestellt wird. Es ist genau diese Ideologisierung der Debatte, über die ich versuche, kritisch nachzudenken. 
Wizorek: Eigentlich ist es nicht überraschend, dass sich die Rechten darauf stürzen, denn sexistische Geschlechterrollen sind zentral für ihre Ideologie. Dabei sind sie die eigentliche Sprachpolizei und zwar im totalitären Sinne, wenn sie zum Beispiel Transpersonen, die sich für eine vielfältigere Sprache einsetzen, verhöhnen und bis zur Morddrohung gehen.

Stichwort Sprachpolizei. Ein Vorwurf, der sich gegen die angebliche Überkorrektheit und soziale Kontrolle beim Sprechen richtet.
Lühmann: Ich kann das Argument nachvollziehen, denn die Gesellschaft ist divers und das bedeutet, dass in ihr auch Meinungen vorkommen müssen, die vielleicht nicht unsere sind. Wir reden hier ja über Demokratie, wir reden über Teilhabe. Denn die Vorstellung des Geschlechtes in der Sprache hat ja mit Teilhabe zu tun.

Aber die Nicht-Teilhabe aller anderen Geschlechter außer dem männlichen ist doch gerade der Angriffspunkt.
Lühmann: Ich mag es trotzdem nicht, in dem Zusammenhang von Reaktionären zu reden, denn die Einstellung gegenüber dem Gendern in der Sprache hat nicht unbedingt damit zu tun, wo ich mich auf dem politischen Spektrum verorte. Es gibt Leute die sagen, ich bin links und für mehr Gerechtigkeit und trotzdem gegen Gendern. Ich denke, dass wir im Kampf um Sprachthemen den Blick auf soziale Gerechtigkeit eher verstellen.

Was meinen Sie damit?
Lühmann: Politik ist das eine. Hier können Menschen ihrem Willen mit den Mitteln der parlamentarischen Ideologie Ausdruck verleihen und um eine Lösung ringen. Hier können unterschiedliche Vorstellungen von Gerechtigkeit verhandelt werden. Mithilfe einer präskriptiven Grammatik in das Bewusstsein der Menschen eingreifen zu wollen, hat für mich nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Pädagogik.

Offene Gesellschaft versus political correctness – sind das die Streitpole?
Wizorek: Da haben wir wieder eine Polarisierung, um die es nicht gehen sollte. Sondern darum, einen Zwischenweg zu finden. Und wieso sollte sich eine offene Gesellschaft nicht auch sprachlich in ihrer Vielfalt zeigen dürfen? Wer weiß, das Gendersternchen wird vielleicht schon in zehn Jahren nicht mehr der letzte Schrei sein, sondern es haben sich wieder andere Formen einer gerechteren Sprache entwickelt, die vielleicht besser funktionieren. Wichtig ist doch, zu erkennen: Sprache verändert sich, Sprache hat sich schon immer verändert. Sonst würden wir alle heute noch Mittelhochdeutsch sprechen …

…könnte ganz hübsch sein.
Wizorek: Vielleicht! Auf jeden Fall ist die Veränderung der Sprache etwas, was wir in der Hand haben, was wir beeinflussen. Stattdessen wird es immer so dargestellt, als wäre Sprache „gottgegeben“ und wir müssten das halt hinnehmen. Genau das entlarvt die ganze Diskussion um geschlechtergerechte Sprache. Es ist ja bewiesen, dass wenn wir männliche Bezeichnungen hören, wir auch nur an Männer denken. Wenn wir aber in der Sprache die Geschlechter sichtbar machen, werden sie auch selbstverständlicher in ihrer politischen Teilhabe wahrgenommen.

Darum geht der Streit doch letztlich: Wer in und durch Sprache Macht hat oder Macht bekommt.
Wizorek: Unter dem Stichwort Streit sind wir heute hier. Doch ich will mich nicht nur um etwas streiten, sondern auch für etwas. Das sollte uns allerdings nicht davon abhalten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Wichtig ist, dass es tatsächlich eine Diskussion ist und nicht nur irgendwelche ekelhaften Begriffe wie „Genderwahn“ umhergeworfen werden.
Lühmann: Es ist fatal, wenn ich jetzt sofort zustimme und den ganz schönen Streit sofort wieder zurück in die Kiste stopfe. Doch ich glaube auch, dass es die falsche Polarisierung ist – political correctness auf der einen Seite, die offene Gesellschaft auf der anderen. Außerdem muss es auch immer die verrückten Avantgarden geben: Da wird etwas gefordert, was den Menschen zu radikal erscheint, aber etwas davon sickert in die Gesellschaft ein. Es hat Einfluss und so verändern sich die Dinge – auch durch produktives Streiten.
Wizorek: Die Angriffe von der AfD sind auch deswegen so extrem, weil sie sich der Macht der Sprache sehr wohl bewusst sind, auch wenn sie das als „Luxusproblem“ lächerlich machen wollen. Die Rechten brutalisieren aber Sprache gezielt und machen sie zu einer Waffe, um ihre Propaganda durchzudrücken.
Lühmann: Der Umkehrschluss ist aber trotzdem nicht zwangsläufig, dass der Normalo jetzt gendergerecht sprechen muss. Es gibt Menschen, die auf der Sprachbühne einen Kampf austragen. Doch daraus folgt für mich nicht zwangsläufig, dass sich mithilfe von Sprache die Verhältnisse umformen lassen. Gerechtigkeit herzustellen ist etwas anderes, als neue Begriffe zu schaffen und den Leuten zu sagen: hey guckt mal und denkt doch mal nach.
Wizorek: Natürlich ist das komplexer. Aber es sind auch die extremen Angriffe und die Polarisierung, gerade in der medialen Debatte, die konstruktivere Gespräche oft ausbremsen.
Lühmann: Ja, weil Sprache ideologisierbar ist. Und es ist halt gut darüber nachzudenken, was auch die eigenen ideologischen Anteile sind.

Insgesamt sind Sie gar nicht so weit von einander entfernt, wenn auch an einem Punkt sehr konträr. Frau Wizorek, Sie sagen, wenn wir die Sprache verändern, dann verändern wir durch unser sprachliches Handeln auch die Wirklichkeit. Frau Lühmann, Sie sagen, nein, diese Auseinandersetzung verstellt den Blick darauf, dass wir woanders als bei der Sprache ansetzen müssen. Sprache ist wichtig, aber eben nur symbolisches Handeln ohne unmittelbaren Effekt auf Fragen der sozialen Gerechtigkeit.
Wizorek: Ich sage, dass geschlechtergerechte Sprache nur ein Baustein ist, der natürlich nicht alle Probleme unserer Gesellschaft lösen wird, aber nötig ist, um damit weiter zu kommen. Als Feministinnen kümmern wir uns außerdem immer gleichzeitig um mehrere Probleme. Diskriminierende Sprache zu thematisieren, hält ja niemanden davon ab, sich genauso gegen sexualisierte Gewalt zu engagieren oder für Lohngerechtigkeit zu streiten. Mich also auch nicht.
H.L.

Wenden wir uns noch einmal den Vorurteilen zu. Frau Wizorek, finden Sie, dass Hannah Lühmann den herrschenden Sexismus verinnerlicht hat, weil sie Gendern an vielen Stellen ablehnt?
Wizorek: Zum Teil schon, ja.

Frau Lühmann, finden Sie Anne Wizorek uncool und selbstgerecht, weil Sie auf Gendern besteht?
Lühmann: Ein kleines bisschen selbstgerecht und sehr cool.

Das Gespräch führte Bascha Mika

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