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Spanien Aufbruch statt Stillstand

Spanien begeht den Internationalen Frauentag mit einem feministischen Generalstreik. Der Diskussion um Gleichberechtigung kann sich kaum jemand entziehen.

Spanien
Haben hohle Phrasen satt – und empfehlen die Revolution: Junge Frauen während einer Kundgebung in Barcelona. Foto: afp

Selbst Mariano Rajoy, Spaniens konservativer Ministerpräsident, trug an diesem Donnerstag eine lila Schleife am Revers. Per Twitter wünschte er am Morgen einen „glücklichen Frauentag“ und versprach: „Die Regierung arbeitet für die reale Gleichheit“ mit dem Ziel der „vollen Teilhabe der Frauen an der Gesellschaft zu den gleichen Bedingungen wie die Männer“. 

Rajoy als Vorkämpfer des Feminismus? Wohl kaum. Aber an diesem 8. März konnte auch er sich dieser Bewegung nicht entziehen, die ganz Spanien ergriffen hat, so intensiv und sichtbar wie wohl in keinem zweiten Land: der Bewegung für ein gleichberechtigtes Miteinander der Geschlechter.

Rajoy war an diesem Tag nur eine Nebenfigur. Die Hauptdarstellerinnen waren Hunderttausende Frauen, die sich den Tag über in den größeren Städten des Landes zu Demonstrationen versammelten und sich für den Abend zu großen Protestmärschen verabredet hatten. Die zentrale Idee für diesen 8. März, den Internationalen Frauentag, war ein feministischer Streik, den ein Bündnis von Frauenorganisationen im Januar ausgerufen hatte, unter dem Motto: „Wenn wir stillstehen, steht die Welt still.“ 

Einige kleinere Gewerkschaften unterstützten die Idee des 24-stündigen Generalstreiks uneingeschränkt und von Anfang an, während die beiden Großgewerkschaften Comisiones Obreras und UGT zu zwei Mal zweistündigen Arbeitsniederlegungen aufriefen. Am Mittag gaben sie die Zahl von 5,3 Millionen Beschäftigten aus, die ihrem Aufruf gefolgt seien.

In Wirklichkeit stand das Land nicht still, sondern war in ständiger Bewegung. Wenn der Eindruck nicht täuschte, gingen die meisten Frauen doch zur Arbeit, Geschäfte und Cafés waren geöffnet, Verkäuferinnen und Kellnerinnen gingen ihren Berufen nach wie jeden Tag. Die Netzzeitung eldiario.es zitierte weibliche Beschäftigte eines Madrider Supermarktes, die am Morgen an ihrem Arbeitsplatz erschienen waren: „Wir können nicht in den Streik treten, aber wir unterstützen ihn.“ 

Der Erfolg dieses Tages bemaß sich nicht an heruntergelassenen Rollläden, sondern an der Stimmung, die ganz Spanien ergriffen hatte: Es gab kein anderes Thema, über das die Menschen redeten, als die Forderungen der Feministinnen. So wie es sich eine von der Tageszeitung „El País“ zitierte Lehrerin wünschte: „Dass die Diskussion über die Gleichberechtigung heute jede Freundesgruppe, jede Familie erreicht. Und dass sie morgen fortgeführt wird.“

Die Lage der spanischen Frauen unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der ihrer europäischen Geschlechtsgenossinnen. Seit dem Ende der Franco-Diktatur, während der Frauen ganz offiziell diskriminiert wurden, ist die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter vollzogen.

Aber die Rollenbilder sind hartnäckiger als die fortschrittlichen Gesetze. Frauen kümmern sich mehr als Männer um die Familie und den Haushalt, sie verdienen – auch auf vergleichbaren Posten – weniger als ihre männlichen Kollegen, sie sind deutlich weniger in Führungspositionen vertreten. Und sie sind sehr viel mehr als Männer Opfer häuslicher Gewalt: ein Thema, das in Spanien seit Jahrzehnten mit hoher öffentlicher Sensibilität verfolgt wird, weit mehr als im Rest Europas, obwohl die Fallzahlen im Vergleich nicht außergewöhnlich hoch sind. Aber dennoch viel zu hoch. An einem Mittelmeerstrand bei Castellón erinnerten am Donnerstag 739 Holzkreuze an die während der vergangenen zehn Jahre von ihren Partnern oder Expartnern ermordeten Frauen.

Spanien hat das feministische Aufbegehren nicht nötiger als etwa Deutschland, aber das Bewusstsein für alltägliche Ungleichheit ist hier stärker ausgeprägt. Vielleicht liegt es daran, dass in Spanien nach der schweren Wirtschaftskrise der vergangenen zehn Jahre das Bewusstsein für jede Art sozialer Benachteiligung besonders lebendig ist. 

Vielen spanischen Kommentatoren fiel zu diesem 8. März der Vergleich zum 15. Mai 2011 ein, als die internationale Occupy-Bewegung mit Platzbesetzungen in Madrid ihren Anfang nahm. Möglicherweise wird auch dieser feministische Streiktag in Spanien zum Vorbild für ähnliche Aktionen im Rest der Welt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Spanien

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