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Seyran Ates Die Unbeugsame

Seyran Ates hat in Berlin eine Moschee vor allem für Frauen gegründet. Es müsse endlich Schluss sein mit der patriarchalen Unterdrückung in der islamischen Welt, sagt sie - und zahlt einen hohen Preis.

Seyran Ates
Sie spüre die Angst nicht, sie sei getrieben von ihrer Wut, sagt Seyran Ates. Foto: Markus Wächter

Im Garten des Ullstein Verlags sitzen sechs Männer. Jung, durchtrainiert, breites Kreuz. Es sind Polizeibeamte des Berliner Landeskriminalamts. Sie nicken freundlich, aber ihre Mienen sind undurchdringlich.

Das ist er nun, der neue Alltag von Seyran Ates, Anwältin, Feministin und Buchautorin, 54 Jahre alt: Leibwächter, gepanzerte Limousinen, kein Privatleben. Im vergangenen Monat hat Ates in Moabit die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegründet. Seitdem hat sie Hunderte Drohungen erhalten.

Männer haben ihr auf der Straße „Du stirbst“ hinterhergerufen. Danach hat das Land Berlin den Personenschutz für Seyran Ates von drei auf sechs Begleiter erhöht. Ohne die Männer geht sie nun nirgendwo mehr hin. Sie sind immer da. Nach Einschätzung der Berliner Polizei ist jederzeit damit zu rechnen, dass Gewalttäter auf Seyran Ates losgehen.

Kein Kino, keine Bahnfahrten 

Einfach treffen kann man Seyran Ates deshalb nicht mehr. Man muss sich anmelden. Die Personalien werden im Landeskriminalamt überprüft. Die Erschwernisse für Besucher sind allerdings nichts im Vergleich zu den Veränderungen, die in Seyran Ates’ Leben stattgefunden haben. Wenn sie Hunger hat, geht eine Mitarbeiterin los und besorgt etwas zu essen für sie. Wenn sie zu einem Termin will, wählt sie eine Telefonnummer und wartet, bis die LKA-Beamten sie abholen. Schwimmbad, Kino, Bahnfahrten – so etwas gibt es nicht mehr für sie.

„Wie ein Vogel im Käfig“, sagt Seyran Ates. Die Hilflosigkeit in diesem Satz ist rührend. Aber hilflos ist so ziemlich das letzte Wort, das auf sie zu passen scheint.

Draußen scheint die Sonne. Seyran Ates sitzt drinnen an einem Tisch. Hier, in diesem kleinen Raum im vierten Obergeschoss des Verlags, ist zurzeit ihr Arbeitsplatz. Der Verlag hat ihr Buch veröffentlicht, es heißt „Selam, Frau Imamin. Wie ich in Berlin eine liberale Moschee gründete“.

Ihr Terminkalender ist voll, seit Wochen schon. Noch immer wollen Journalisten mit ihr sprechen. Sie kommen von weit her: Schweden, Österreich, Niederlande, Kanada. Es gibt schließlich nur wenige liberale Moscheen auf der Welt.

Auch Politiker wollen Ates treffen. Der grüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir hat sich von ihr die Moschee zeigen lassen, um seinen Beistand zu signalisieren. Die Bundesregierung hat sich solidarisiert und auch der Regierende Bürgermeister von Berlin. Denn täglich kommen Drohungen und Hassbekundungen, immer noch.

Auch konservative muslimische Verbände haben mittlerweile die Morddrohungen verurteilt. Eine etwas zwiespältige Geste. Einige von ihnen hatten vorher gesagt, dass das gar nicht geht, was Seyran Ates in ihrer Moschee macht. Und hatten Gläubige aufgefordert, auf keinen Fall dort hinzugehen.

Seyran Ates ist nicht groß, 1,60 Meter vielleicht. Aber sie hat eine ungewöhnliche Präsenz. An diesem Tag trägt sie ein olivgrünes Hemd. Es bringt das Blitzen in ihren Augen schön zur Geltung. Und es blitzt dort ständig, wenn sie spricht. „Wenn diese Lügen und Unwahrheiten nicht wären, wäre alles viel einfacher. Aber gegen so ein Lügenkonstrukt angehen zu müssen aus meiner ersten Heimat der Türkei, das kränkt und beleidigt mich“, sagt sie.

Dieser Satz richtet sich gegen den türkischen Präsidenten Erdogan, seine Anhänger und die türkische Religionsbehörde, die behaupten, Ates’ Moschee sei mit Erdogans Erzfeind Fethullah Gülen verbandelt, den sie für den Putschversuch vom vergangenen Jahr verantwortlich machen. Ates’ Projekt solle die Religion untergraben und zerstören. Mit diesen beiden Vorwürfen hat die türkische Staatsführung Fanatikern Gründe geliefert, übergriffig zu werden.

Seyran Ates wirkt nicht eingeschüchtert. Sie formuliert gleich noch eine zweite Kampfansage – eine, die sich an konservative, kopftuchtragende Muslimas in Berlin und anderen großen deutschen Städten richtet, die ihr Projekt als unislamisch hinstellen. Denn Seyran Ates hat in den vergangenen Wochen nicht nur Hass und Hetze erlebt. Es war auch Kritik von gläubigen Frauen dabei. Diese Attacke habe sie aber nicht überrascht, sagt Seyran Ates. „Jetzt fallen endlich die Masken. Das war mir wichtig, dass man das mal sieht. Diese ganze Kopftuchdebatte ist mangelnde Demokratiefähigkeit, mangelnde Integrationswilligkeit, mangelnde Akzeptanz der Gleichberechtigung der Geschlechter.“

Der türkische Präsident und die konservativen Frauen – eigentlich wüsste man jetzt lieber, wie es ihr geht. Wie fühlt sie sich? Hat sie gar keine Angst? „Natürlich habe ich Angst“, sagt Seyran Ates.

Sie muss Angst haben – um das eigene Leben und das der Angehörigen, das der Mutter in der Türkei, das der zwölfjährigen Tochter. Sie hat das alles schon mehrfach erlebt. Wenn es zu schlimm wurde, hat sie sich zurückgezogen aus der Öffentlichkeit. Dann kam sie zurück mit einer neuen Forderung nach echter Gleichberechtigung. Vorstöße und Rückzüge gehören zu ihrem Leben. Woher nimmt sie die Kraft?

Mit 17 ergreift Seyran Ates die Flucht

Seyran Ates wurde 1963 in Istanbul geboren. Ihre Mutter ist Türkin, ihr Vater, der im Jahr 2014 starb, war Kurde. Ates ist in einer Großfamilie aufgewachsen. Ihre Eltern zogen nach Deutschland, zunächst ohne ihre Tochter. Als sie sechs war, zog sie hinterher. Sie hat ihre Kindheit in Büchern beschrieben. Die Enge der Wohnung. Die altmodische Frauenrolle. Der Zwang, die Eltern und den Bruder bedienen zu müssen. Die Verbote, das Haus allein verlassen zu dürfen. Schläge bei Ungehorsam. Mit 17 ergriff sie die Flucht, lebte versteckt bei Freunden.

1984 studierte sie Jura an der Freien Universität und finanzierte sich ihr Leben mit Beratungsgesprächen für Frauen aus der Türkei, die Gewalt in ihren Familien erlebten, durch Eltern und Ehemänner. Eines Tages drang ein Mann in das Büro ein, erschoss eine Klientin und verletzte Seyran Ates lebensgefährlich. Der Täter wurde freigesprochen. Ates brauchte sechs Jahre, um sich zu erholen.

Seyran Ates hat sich immer engagiert, gegen das Kopftuch, gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Sie wurde dafür ausgezeichnet, mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden des Landes Berlin zum Beispiel.

Und es gab weitere Bedrohungen. 2006 attackierte sie der Mann einer Klientin. Sie hörte auf, als Anwältin zu arbeiten, kam wieder zurück, arbeitete weiter. 2009 veröffentlichte sie ihr Buch „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Wieder gab es Morddrohungen und einen weiteren Rückzug. Erst 2012 hat sie wieder eine Anwaltskanzlei eröffnet. Damals gab sie ihre türkische Staatsbürgerschaft auf.

Seyran Ates holt weit aus, um auf die Fragen nach der Angst und ihrem Antrieb zu antworten. Frauen seien gegen das Frauenwahlrecht gewesen, sagt sie. Frauen hätten Mädchen früher Füße und Brüste abgeschnürt. Frauen hielten noch immer ihre Töchter fest, wenn diese an den Genitalien verstümmelt werden. Frauen heirateten als Zweit- oder Drittfrauen IS-Kämpfer. „Das ist Teil des Patriarchats. Frauen machen da mit“, sagt Seyran Ates. Weil es bequem sei, weil sie so ihre eigene Rolle nicht in Frage stellen müssten. Und deutsche Feministinnen? Für die hat sie auch nicht viel übrig, weil sie Kopftuch und Burka verteidigten.

Es sind vier Wochen vergangen, seit Seyran Ates gemeinsam mit sechs Mitstreitern in Berlin eine liberale Moschee eröffnet hat. Männer und Frauen beten dort gemeinsam und nebeneinander. Männer und Frauen können dieser gemischten Gruppe auch vorbeten. Es gibt Imame, aber auch Imaminnen. Menschen dürfen zeigen, dass sie homosexuell sind. Niemand muss ein Kopftuch tragen. Es wird aber keine Frau weggeschickt, die ein Tuch trägt. Das ist alles.

Das Echo darauf ist so gewaltig, dass man sich wirklich fragt, in welchem Zeitalter wir leben. Die türkische Religionsbehörde Diyanet und die ägyptische Fatwa-Behörde befanden, es sei nicht islamisch, was in dieser Moschee praktiziert werde.

Gemessen an den Reaktionen muss Seyran Ates sehr gefährlich sein. Warum nur? „Ich komme von innen, nicht von außen“, sagt sie. Bisher sei der konservative Mainstream im Islam immer nur von außen infrage gestellt worden. „2009 habe ich erkannt, dass wir von innen die Dinge infrage stellen müssen. Nur dann wird es ehrlich“, sagt sie. Sie bezeichnet sich als gläubige Muslimin. Gerade macht sie eine Ausbildung zur Imamin.

Tatsächlich gibt es auch andere liberale Muslime in Berlin und in Deutschland. Der Liberal-Islamische Bund wurde 2010 gegründet. Die meisten dort sind jedoch nicht so laut wie Ates, nicht so kämpferisch und kompromisslos. Andere stehen ebenfalls unter Polizeischutz.

Für Seyran Ates liegt alles offen zutage: Die Blockierer einer Liberalisierung seien nicht der IS, nicht Boko Haram und auch nicht die Taliban. Es seien diejenigen, die jetzt drohen und das Projekt kritisieren. Es sei der türkische Staat, sagt sie, der sie mit Lügen und falschen Fotos als perverse Gülen-Anhängerin abstempele, für den Putsch verantwortlich mache und damit einen Mob anstachele. „Es laufen jetzt Tausende draußen rum, die mich zusammenschlagen würden, wenn sie mich in die Finger kriegen. Die sind aufgeputscht, sie schreiben mir ihre Vergewaltigungsfantasien, ihre Tötungsfantasien“, sagt sie. Und es sei auch das Amt für Fatwa-Angelegenheiten in Ägypten. „Wenn die Autorität sagt, es geht nicht, dann geht es für alle Hörigen nicht. Sie hinterfragen nicht, sie denken nicht“, sagt Seyran Ates.

Wenn man all das bedenkt, stellt sich die Frage nach der Angst noch einmal neu. „Natürlich habe ich Angst, zum Beispiel davor, alleine zu sein. Es gibt Orte, wo ich alleine sein kann, aber da weiß ich, dass draußen jemand ist, der auf mich aufpasst“, sagt sie.

Sie wirkt nicht verzweifelt deswegen. Sie sitzt auf ihrem Stuhl, bietet Wasser an, dazu Gummibärchen und spricht. Die Heftigkeit der Angriffe belegt in ihren Augen, dass sie recht hat, dass die islamische Welt ganz dringend eine Revolution braucht. „Diese extreme Sexualisierung ist unerträglich“, sagt sie. Die gesamte islamische Welt unterdrücke Frauen, indem sie sie sexualisiere, als Gegenstände und Eigentum betrachte. Autoritäten verkündeten das, aber Millionen hätten die Nase voll davon.

Seyran Ates sieht sich als Sprachrohr dieser Millionen. Deshalb hat sie die Moschee gegründet, für Frauen. Solange es Länder gebe, in denen Frauen gezwungen würden, sich zu verschleiern, könne man doch nicht behaupten, das Kopftuch sei Freiheit, sagt sie.

Die Leidenschaft ist stärker als die Angst. Seyran Ates sagt: „Das kommt aus der Wut heraus.“ Es tue ihr nicht gut zu schweigen. „Ich fresse dann den Frust in mich rein.“

Frauenbewegung, Antirassistische Initiative, Antifa, Hausbesetzerszene, Wohngemeinschaften – Seyran Ates hat sich immer Cliquen gesucht. Sie sei ein Großfamilienmensch, sagt sie, ein Mensch aus einer Sippe. Der Moscheeverein ist so eine Sippe. „Jetzt sind wir ein Wir“, sagt sie.

Das Risiko ist hoch. Sechs Jahre körperliche Erholungspause nach dem ersten Attentat, sechs Jahre keine Anwaltstätigkeit zwischendurch. „Ich kann nicht anders. Es regt mich so auf, ich werde dann wütend, ich spüre die Angst nicht, ich bin getrieben von meiner Wut. Dann schreibe ich ein Buch oder mache etwas anderes“, sagt sie. Dass sie geschützt werden muss, hält sie für einen bedenklichen Zustand für ein Land. „Es sind zu viele Radikale hier“, sagt Seyran Ates.

Die Moschee ist ihre Antwort auf Islamismus und Unterdrückung. Seyran Ates sieht sich verbunden mit Malala, dem Mädchen aus Pakistan, dem in den Kopf geschossen wurde, nur weil es zur Schule gehen wollte. Mit Nelson Mandela, der 27 Jahre in Südafrika im Gefängnis saß. Mit den Journalisten Deniz Yücel, der zurzeit in der Türkei im Gefängnis sitzt, und Can Dündar, der sein Land verlassen hat. Sie hätten gewusst, dass es gefährlich ist, die Meinung zu sagen, und einen Preis dafür bezahlt. So gesehen sei sie mit ihrem Kä-figleben noch ganz gut dran. „Ich kann das machen.“

Zum Ende des Gesprächs klappt Seyran Ates ihren Laptop auf. Jetzt will sie mal ein paar positive Nachrichten vorlesen. Denn die gibt es ja auch. Mails aus Australien, Kanada, Indonesien, der Türkei und natürlich auch aus Deutschland.

Die Menschen schreiben, sie hätten lange darauf gewartet, dass jemand den Mut findet, eine solche Moschee zu gründen. Sie zahlen auch dafür. Seyran Ates zeigt die Überweisungen, die eingegangen sind. Seitenweise sind dort Spenden für die Moschee aufgelistet. 20 Euro, 150 Euro, 15 Euro.

Die meisten Spender haben ihre Wünsche in der Zeile für den Verwendungszweck eingetragen: „Lasst euch nicht unterkriegen“, steht da. Oder: „Ich möchte mit dem Geld ein Zeichen für Toleranz setzen.“ Oder: „Großartig. Das macht Hoffnung auf einen Islam, der zu Deutschland gehört.“

Seyran Ates klappt den Rechner zufrieden wieder zu. „Ich bin nicht allein. Wir sind viele“, sagt sie. Sie sieht das als Auftrag.

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