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Sexueller Missbrauch Die #Metoo-Lawine rollt durch ganz Schweden

Hunderttausende Frauen wehren sich gegen sexualisierte Macht und Gewalt am Arbeitsplatz. Je unsicherer die Beschäftigungsverhältnisse, desto weniger gelten Regeln gegen Diskriminierung.

#metoo
Weltweit demonstrieren viele Frauen gegen sexualisierte Gewalt, auch am Arbeitsplatz. Foto: rtr

Für mich ist klar, dass es ein Schweden vor #metoo und ein anderes danach gibt“, sagt Gewerkschaftschefin Anna Troberg in Stockholm. Die Frauen hier haben das ganze Land und sich selbst nicht nur durch die Orkanstärke ihres Aufstandes überrascht, sondern auch mit der Kampfzone: Es geht um den Job. Aufrufe gegen sexualisierte Macht und Gewalt bei der Arbeit sind von mehr als Hunderttausend Schwedinnen unterschrieben worden, gefüllt mit Tausenden Alltagsberichten über das Gebaren von (immer anonymisierten) Chefs und Kollegen. Praktisch ein komplettes Branchenregister liefert die Liste der Aufrufe. Den Anfang machten, wie anderswo auch, Schauspielerinnen, gefolgt von Kellnerinnen und Bauarbeiterinnen, Lehrerinnen, Krankenschwesterinnen, Ärztinnen etc., bis hin zu Mitarbeiterinnen von Kirchen und Gewerkschaften.

Bei DIK, der Gewerkschaft für Beschäftigte in Kultur- und Kommunikationsbetrieben, steht Troberg an der Spitze. Selbst hat sie den Aufruf #imkorridordermacht (übersetzt) zusammen mit 1638 anderen Politikerinnen unterschrieben und erzählt aus ihrer Zeit als hauptamtliche Vorsitzende der schwedischen Piratenpartei: „Bei Auftritten wurde unentwegt das Aussehen meiner Brüste und Beine kommentiert. Ich war total wütend. Oder ich musste mit einem Kollegen das Hotelzimmer teilen, angeblich weil wir Piraten kein Geld hatten. Er hüpfte dann nackt herum und hat seltsamerweise nie das Hotelzimmer mit einem Mann geteilt.“

Das sei alles noch harmlos im Vergleich zu Erlebnissen anderer, aber eben auch quer durch alle Branchen dasselbe Elend auf einem ganz bestimmten Fundament: „Es geht um Chefs, die ihre Macht gegenüber Untergeordneten missbrauchen. Leider muss ich sagen, dass die jüngeren genauso ein Problem sind wie ältere.“

Und das ausgerechnet in Schweden, einem für seinen Spitzenrang bei der Gleichberechtigung von Frauen und für soziale Sicherheit in der ganzen Welt bekannten Land? Gerade dass man hier schon weiter sei als anderswo, habe die #metoo-Explosion mit möglich gemacht, meint die Gewerkschaftschefin und sagt zur Kampfzone: „Am Arbeitsplatz erwarten alle klare Strukturen. Es gibt es dort mehr Regeln und klare Verantwortlichkeiten für ihre Einhaltung. Für alle ist nun klar, dass sie eben nicht eingehalten werden und dass die Arbeitgeber in der Verantwortung stehen.“

Auch deren Verbände und die Politik quer durch alle Bankreihen im Stockholmer Reichstag stimmten ohne Zögern ein in den Unterstützerchor für #metoo. Die rot-grüne Regierung hier nennt sich selbst ausdrücklich feministisch, und im September stehen Wahlen an. Als die Gleichberechtigungsministerin und ihre Kollegin aus dem Arbeitsressort zum „Me too“-Spitzengespräch riefen, hagelte es förmlich verbale Einsicht, Handlungsbereitschaft und guten Willen. „Jetzt müssen wir für dauerhaft konsequente Anwendung unserer Gesetze und Tarifverträge bei dieser Sache sorgen“, verkündete Arbeitsministerin Ylva Johansson. Mit der Ministerin einig sind sich die „Me too“-Frauen, dass an passenden Regeln gegen Diskriminierung auch durch sexuelle Belästigung und Nötigung von Frauen am Arbeitsplatz kein Mangel ist.

Nur dass sie offenbar nicht gelten und umso weniger, je unsicherer die Beschäftigungsverhältnisse sind. „Wir sehen viel mehr Missbrauch von Frauen in Branchen mit vielen befristeten Einstellungen, Projektverträgen und jeder Menge Freelancern“, sagt Gewerkschaftschefin Troberg. Dieser Sektor ist auch in Schweden mit immer liberaleren Regeln in den letzten Jahren enorm gewachsen. „Ich würde gern einen #metoo-Aufruf und Erfahrungsberichte von Frauen lesen, die in den Hotels putzen“, sagt die Publizistin Marie Louise Samuelsson. Ihr Kollege Björn Elmbrant kommt beim Nachdenken über wünschenswerte Konsequenzen zu dem Schluss: „Von allen konkreten Vorschlägen der interessanteste ist das Verbot befristeter Einstellungen.“

Das sind eben „die Mühen der Ebene“ nach dem Tsunami in sozialen und anderen Medien. Auch Anna Troberg meint, es sei entscheidend, wie die Mobilisierung seit gut zwei Monaten „auf lange Sicht genutzt und verwaltet wird.“ Aber sie ist sich trotzdem sicher, dass die sagenhaft vielen, meist kampflustigen und einfach lustigen heimischen Hashtags zu #metoo bleibenden Erfolg bringen: „Wir werden das als historisch im Gedächtnis behalten. Genauso wie die Erkämpfung des Achtstundentages und das Frauenwahlrecht.“ Mit #ruheinderklasse überschrieben die Lehrerinnen ihren Aufruf. Die Sportreiterinnen wählten #wirtretennachhintenaus.

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