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Sexualisierte Gesellschaft Klima der Vergewaltigungskultur

Rape Culture meint nicht nur tatsächliche Vergewaltigungen, sondern ein gesellschaftliches Klima, das durchdrungen ist von sexualisierter Macht. Was bedeutet das für die künstlerische Freiheit?

Tarquinius und Lucretia
Tarquinius und Lucretia von Tiziano Vecellio, spätes 16. Jahrhundert. Foto: Imago

Wenn wir für unsere sexualisierte Gesellschaft, und daran zweifelt niemand, dass sie es ist, den Begriff rape culture, Vergewaltigungskultur gebrauchen, klingt das in manchen Ohren übertrieben. Trotzdem ist es richtig. Aber es heißt absolut nicht, dass jeder Mann ein Vergewaltiger ist, und rape culture bezieht sich nicht nur auf tatsächliche Vergewaltigungen. Das Wort meint ein gesellschaftliches Klima, das durchdrungen ist von sexualisierter Macht. Dazu gehört, dass in dieser Gesellschaft viele Vorstellungen und Bilder kursieren von Vergewaltigung als einer zwar nicht erlaubten, aber trotzdem lustvollen Ausübung von Macht, umso lustvoller, je verbotener sie ist.

Bilder, in denen Frauen als Sachen dargestellt werden, die man darauf abschätzt, ob sie „fuckable“ sind oder nicht. Bilder von Frauen, deren Selbstbestimmtheit nur in ihrer sexyness liegt und die sich als eine Sache, die „fuckable“ ist, darbieten. Sie kennen die Sätze von Donald Trump im Wahlkampf, dass es ihm möglich sei, jeder Frau in den Schritt zu fassen und sie gegen ihren Willen zu küssen. Ich habe Fotos gesehen von Frauen, die sich seinen Namen auf den Bauch gemalt haben, neben einem Herzen, und dann mit hochgeschobenem Pullover in seinen Wahlveranstaltungen saßen. Es ist keineswegs so, dass nur Männer dem Sexismus verfallen sind. Auch viele Frauen reisen heute auf diesem Ticket. Auch sie tragen dazu bei, dass unsere Gesellschaft heute als rape culture definiert wird in Wort, Schrift und Bild.

Rape Culture ist auch Teil der Spaßgesellschaft

Der Verlust von Macht und Privilegien führt bei vielen Männern zu ungehemmten Aggressionen, niemand gibt gern ein Privileg ab. Männer wehren sich mit sexistischen Sprüchen und Dreck der übelsten Art gegen den Verlust an Bedeutung, dem sie jetzt ausgesetzt sind und das geht nur, wenn sie Frauen klein machen und demütigen. In Bereichen der pornographisierten Gewaltkultur (z. B. im Rap) wird die Ermordung und Zerstückelung von Frauen gefeiert. In einer solchen Veranstaltung in der Berliner Columbiahalle sagten die männlichen Zuschauer, unter ihnen viele Gymnasiasten, das sei zwar krass, aber sie fänden gut, wie hier gegen die Gleichberechtigung gehetzt werde.

Die rape culture ist auch Teil der Spaßgesellschaft. Und unter Spaß werden hier verstanden Hass, Hetze, Häme und Gewaltverherrlichung. Wir müssen nicht zu solchen Veranstaltungen gehen, aber dem Diktat der sexualisierten Spaßgesellschaft können wir nicht entrinnen. Und unter diesem Diktat sind wir alle sowohl Täter als auch Opfer. Das Problem ist aber, dass Frauen, wenn sie entweder ständig mit der Möglichkeit von massiven körperlichen Attacken rechnen müssen oder doch ständig auf zotige und obszöne Bilder, vulgäre Bemerkungen, psychische Demütigungen und Herabwürdigungen stoßen, dass sie dann im ständigen Verteidigungsmodus leben, in Abwehr und im Kampf. Denn diese Bilder machen ihnen ihre Sexualität zu einer Last und sind eine massive Attacke auf ihre Selbstbestimmheit.

Unter diesen Umständen ist es extrem schwer, ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, das nicht gestört oder defizitär ist. Das Resultat ist, dass Frauen sich entweder entmutigt verkriechen oder zu Kriegerinnen werden, wie die französische Schriftstellerin Virginie Despentes es von sich sagt. Das ist aber im besten Fall das „survival of the fittest“, wie Darwin den ungeregelten Naturzustand genannt hat, gegen den die zivilisierte Gesellschaft eigentlich das Bollwerk sein sollte. Und es schränkt die kulturellen Möglichkeiten von Frauen massiv ein.

Wir stehen also vor dem Problem, dass unsere Kultur auf der einen Seite Frauen die volle juristische Selbstbestimmtheit gibt, um sie ihnen in den kulturellen Bildern wieder streitig zu machen. Sexismus in unserer Gesellschaft hat viele Erscheinungsformen, körperliche, psychische, kulturelle, er führt zu biografischen Schieflagen bei Frauen und behindert die Entfaltung von Fähigkeiten. Frauen haben das Gefühl, von der Gesellschaft betrogen zu werden. Sie haben mit der Emanzipation auf den Schutz der gesonderten Räume verzichtet, aber ihr Anspruch auf Gleichberechtigung ist noch keineswegs eingelöst.

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