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Russland Dascha und ihre Enkelinnen

Der 8. März ist ein Lieblingsfeiertag der Russen, doch an den übrigen 364 Tagen dominieren patriarchalische Parolen.

Blumen für die (oder den) Liebste(n).
Blumen für die (oder den) Liebste(n): Zwei Männer, unterwegs in der Moskauer Metro. Foto: rtr

Dascha ist fast so alt wie der 8. März als sowjetischer Feiertag, erstmals begangen 1921. Dascha ist eine russische Paradefeministin, eine kraftstrotzende und temperamentvolle Kommunistin. Ihr Töchterchen Njurka steckt sie vor lauter Arbeit ins Kinderheim, wo Njurka hungern muss. Als ihr Mann, der Rotarmist Gleb, aus dem Bürgerkrieg heimkommt, verweigert Dascha ihm zunächst einmal das Bett. Und lässt durchblicken, dass sie etwas mit einem Parteigenossen hat.

Dascha ist die Heldin des 1925 erschienenen Sowjetromans „Zement“, in dem der Schriftsteller Fjodor Gladkow ein Bild der Heldinnen des Kommunismus entwarf. Sein Frauenbild ist im heutigen Russland allerdings absolut nicht mehr aktuell.

Der 8. März ist einer der Lieblingsfeiertage der Russen – so etwas wie Muttertag, nur dass sich die Töchter ebenfalls feiern lassen dürfen. Mit Blumen, Pralinen, Sekt. Ein gesetzlicher Feiertag. Aber von der ursprünglichen Idee des Internationalen Tages für Frauenrechte ist nicht mehr viel spüren. Bezeichnend die Umfrage der Zeitschrift „Ogonjok“ unter Moskauerinnen zum Fest: „Welche Utensilien haben sie in ihrer Handtasche dabei?“, wollte das Magazin wissen.

An den übrigen 364 Tagen dominieren sowieso patriarchalische Parolen. Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow propagiert Kopftücher als unverzichtbares Kleidungsstück weiblicher Gläubiger. Die Russisch-Orthodoxe Kirche verbietet geschminkte Lippen, gefärbte Haare, Unisex-Klamotten und jegliche Kleidung, die Begierde erwecken könnte. Christliche Amtsträger zitieren dieser Tage wieder gern den sogenannten Domostroi, die patriarchalische Hausordnung des spätmittelalterlichen Russlands. Sie legte genau fest, wann und wie ein Mann Frau, Kinder und Gesinde zu züchtigen hatte.

Erst im Januar erließ die Staatsduma ein Gesetz, das häusliche Gewalt bei der ersten Anzeige nicht mehr als Straftat, sondern nur noch als Ordnungswidrigkeit wertet. „Das festigt die Überzeugung vieler Männer, sie seien die Herren im Haus“, sagt die Frauenanwältin Maria Jarmusch. „Und ihre Frauen hätten entweder zu hören oder sie müssten fühlen.“ Laut der offiziellen Statistik werden in Russland jährlich 36 000 Frauen von ihren engsten Verwandten misshandelt. Die Frauenrechtlerin Aljona Popowa sagte dem Portal „Otkrytaja Rossija“, nur 10 Prozent der Opfer würden überhaupt zur Polizei gehen.

Doppelbelastung für Frauen

Gleichberechtigung ist nicht gerade in Mode. Frauen verdienen in Russland durchschnittlich 27,4 Prozent weniger als Männer. Zwar stellen sie 72 Prozent der Angestellten im öffentlichen Dienst, besetzen aber nur ein Viertel der Chefposten dort. Gerade 15,6 Prozent der Abgeordneten in der Staatsduma sind weiblich, und nur drei von 32 Kabinettsmitgliedern. Das ist nach einer Umfrage der „Stiftung Öffentliche Meinung“ (FOM) auch richtig so. Der Teil der Russen, die meinen, Frauen sollten Politik machen, sank gegenüber 2014 von 60 auf 45 Prozent.

Gut zwei Drittel der Russinnen sind berufstätig. Doch schon die Frauenemanzipation, die sich die junge Sowjetmacht auf die Fahnen schrieb, führte sehr schnell zur Doppelbelastung: Die Frauen arbeiteten in Fabriken, gleichzeitig aber blieben sie für Haushalt und Kindererziehung verantwortlich. Daran hat sich wenig geändert. „In meiner Branche gibt es keine Diskriminierung“, versichert Olga Merkulowa, 37, Juristin in einer Moskauer Personalabteilung. „Aber jeden Abend mache ich die Hausaufgaben mit meinem Sohn.“

Längst reden auch männliche Großstadtrusssen augenzwinkernd von ihren Frauen als dem wahren „starken Geschlecht“. Viele überlassen ihnen die Haushaltskasse und alle möglichen strategischen Entscheidungen. Es ist eine zweischneidige Emanzipation. Auch wenn ein moderner Ehemann beim Abwasch hilft, müssen die russischen Frauen als Mieter oder Wohneigentümer, als Eltern oder künftige Rentner immer neue Probleme lösen. Die Debatten der Feministen im Westen sind für Russinnen weiterhin sehr fern.

Allerdings pfeifen die meisten Russinnen auf die Kosmetikverbote oder Kleidergebote ihrer Geistlichkeit. Und was sexuelle Selbstbestimmung angeht, haben sie durchaus die Freiheiten der Dascha aus dem Roman „Zement“ verteidigt. Nur sieben Prozent der Russinnen halten Treue für eine in Beziehungen wichtige Eigenschaft.

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