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Rechtsextremismus Mädchen wie Zschäpe gab es viele

Als die Mauer zwischen der Bundesrepublik und der DDR fiel, wurden aus Freundinnen Nazis – fast schon über Nacht.

Beate Zschäpe
Auch Beate Zschäpe hat sich im Jugendklub in einen der Jungs mit den Springerstiefeln verknallt Foto: Imago

„Ey, Gruftiealarm!“ Das Mädchen mit dem merkwürdigen Haarschnitt lehnte aufreizend lässig an einer Bockwurstbude auf dem Bahnsteig. Sie war Teil einer Gruppe, die sonst nur aus kahlköpfigen Jungen bestand. Ich war mit Freundinnen unterwegs zur Ostberliner „Insel der Jugend“. Einige trugen schwarz und dicken Kajal um die Augen. Unsere Eltern waren Lehrer, Putzfrauen, Ingenieure und Trinker. DDR eben. Wir näherten uns zögerlich. 

Es hatte mehr als nur ein neues Jahrzehnt begonnen. In den letzten Wochen und Monaten war alles passiert, was passieren konnte. Mauerfall, freie Wahlen – demnächst noch Westgeld. Als wären Schule und Pubertät nicht anstrengend genug, mussten wir noch viel mehr lernen. Etwa, dass Skinheads nicht automatisch Nazis sind, wie mich ein Nachbarjunge belehrte. Ich war davon ausgegangen, weil aus Leipzig Gerüchte von Baseballkeulen schwingenden Glatzkopfbanden kursierten. Freunde hatten mit Todesangst davon berichtet. Woher sollten wir nun, an diesem Sonnabend auf dem Bahnhof Oranienburg, der schon seit den späten 1980igern als Nazitreffpunkt berüchtigt war, erkennen, welcher Art von Skinheads wir hier gegenüberstanden? Die männlichen Glatzen schienen uns ignorieren zu wollen, aber das Mädchen ließ mich ebenso wenig aus den Augen, wie ich sie. Angriffslust.

„Starr die nicht so an“, raunzte mich Manu, die größte und älteste von uns, an. Ich begriff, zog den Kopf ein und fragte: „Was ist mit ihren Haaren?“ Ich hatte das noch nie gesehen: Oben Platte, unten Fransen. „Das heißt Federschnitt“, erklärte Manu. Ob die Bande uns Ärger machen würde, hinge von dem Skingirl ab. „Die machen, was sie sagt.“ „Warum?“ „Weil sie die Extremste ist.“

Wenige Wochen später wischte sich Manu den Kajal aus dem Gesicht und ließ sich ebenfalls eine Vogelfrisur schneiden. Wenn ich sie nun um die Ecke biegen sah, rannte ich wie ein Hase. Sie war die erste „Extremste“ in unserer kleinen Stadt, nordöstlich von Berlin.

 

Damals verliebte sich André, der Sohn eines LPG-Vorsitzenden, in mich. Er wurde in Henningsdorf zum Stahlwerker ausgebildet, schrieb mir lange Briefe und konnte toll küssen. Doch es funkte nicht. Nachdem ich Schluss gemacht hatte, schor er sich die Haare und schloss sich der wachsenden Gruppe der Hitler-Verehrer an, die marodierend Straßen und Plätze unsicher machten. Auch der leise Junge mit den weichen Lippen verwandelte sich quasi über Nacht in einen skrupellosen Schläger. Hatte ich das etwa angerichtet? 

 

Die örtliche Diskothek war für uns tabu, nachdem Manu mit ihren neuen Freunden die Türpolitik bestimmte. Inoffiziell. Die Glatzen dominierten auch den einzigen Jugendklub. Das unter der damaligen Bundesjugendministerin Angela Merkel ausgerufene Prinzip der akzeptierenden Jugendarbeit manifestierte das Kräfteverhältnis: Die dominierende Jugendkultur war rechts. André und seine Kameraden wurden zu den Popstars der Schulhöfe und Werkhallen. Reihenweise verknallten sich die Mädels in Scheitelträger und Glatzköpfe, bewunderten ihre Muskeln, ihre Härte. Die sich häufenden Übergriffe auf nicht-weiße Vertragsarbeiter und Asylbewerber taten dem keinen Abbruch. Der völkische Wahn von Vorrechten „echter Deutscher“ gegenüber „Ausländern“ wirkte wie ein neuer Glaubenssatz. Kaum jemand widersprach. Und wenn, dann knallte es. Gewalttaten wurden beklatscht, als gelte das Leben der Anderen nichts.

Ich suchte Trost und Nähe, verliebte mich in einen lockenköpfigen Jungen und musste bald erfahren, dass auch er dazu gehörte. Er rühmte sich sogar, dabei gewesen zu sein, als das Asylbewerberheim brannte. Nachdem auch meine beste Freundin von einer Verabredung unter der Reichskriegsflagge schwärmte, brach meine Welt zusammen. Statt nachzubohren, suchte ich mir eine neue beste Freundin. Wir trafen uns in einer Dorfdisko, im Ekel vor den neuen Sexsymbolen, im dringenden Wunsch, auszubrechen. Im Stoßgebet: „Könnten wir nicht einfach lesbisch sein?“ Nein, konnten wir nicht. Zwei Jahrzehnte später sollte ich einer Frau aus Angermünde begegnen, die offen zugab: „Wenn ick nich lesbisch wäre, wär’ ick da ooch mitjerannt...“

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