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Rechte Familienpolitik Deutsche Frauen, deutsche Kinder

Wie die AfD und ihr Umfeld für ein reaktionäres Familienbild werben - und dafür den eigenen Nachwuchs benutzen.

Elvira Bach: 24 Hours
Elvira Bach: 24 Hours, 2007. Foto: VG Bild Kunst, Bonn

Frauke Petry ist schwanger. Ist das eine Nachricht? Nein, eigentlich nicht. Andererseits: Ist es doch. Erstens, weil private Zustände leider längst zum zentralen Bestandteil politischer Inszenierungen geworden sind – dankbar aufgenommen und verstärkt durch manche Medien. Und zweitens, speziell bei der AfD, weil das Kinderkriegen und das Kinderhaben im Zentrum ihrer frauen- und familienpolitischen Ideologie steht.

Auf diesem Feld lässt sich das Projekt der neuen Rechten – der AfD ebenso wie der zahlreichen Organisationen in ihrem Umfeld – in zwei Worten zusammenfassen: Kinder, Kinder. Alles, was dem möglichst zahlreichen Entstehen deutschen Nachwuchses dient, ist erwünscht. Vor allem die Rückkehr in den Schoß der klassischen Familie aus Vater, Mutter und Kind.

Sie dient zum einen der Reproduktion des deutschen Volkes, das ja möglichst ohne Zuwanderung wachsen soll. Und zum anderen dient sie als Keimzelle einer Gesellschaft, die ihr Heil in der Abschottung vor den Konflikten und Kulturkämpfen „da draußen“ suchen soll. Was die Nation im Großen, das ist die Familie im Kleinen: ein vermeintlicher Schutzraum gegen das Fremde und die Fremden und all die bunt-bedrohlichen Lebensweisen, die die Ruhe stören könnten.

Natürlich lassen sich diese reaktionären Grundsätze in Programmen und Manifesten massenhaft finden. „Die Alternative für Deutschland bekennt sich zur traditionellen Familie als Leitbild“, heißt es im Grundsatzprogramm der Partei. Und damit klar ist, was „Familie“ bedeutet, fügt die AfD hinzu: „In der Familie sorgen Mutter und Vater in dauerhafter gemeinsamer Verantwortung für ihre Kinder.“

So soll die Geburtenrate „mittel- bis langfristig wieder ein tragfähiges Niveau erreichen“ – als Gegenmittel zu dem aus AfD-Sicht beklagenswerten Zustand, „dass die Geburtenrate unter Migranten mit mehr als 1,8 Kindern deutlich höher liegt als unter deutschstämmigen Frauen“; also als Alternative zum „sich Ausbreiten der konfliktträchtigen Multi-Minoritätengesellschaften“.

Viel wichtiger als das Parteiprogramm ist allerdings der Umstand, dass sich private Erfahrungen bei diesem Thema besonders gut einsetzen lassen, um die politische Ideologie unter die Leute zu bringen. Wenn es darum geht, den deutschen Volkskörper wachsen und gedeihen zu lassen, wird der Kinderreichtum der politischen Akteure zum nützlichen „Argument“.

Fragt man Petrys Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen nach der Homo-Ehe und dem Adoptionsrecht, sagt er: „Nun bin ich Vater von fünf Kindern und ich habe wirklich ein gelebtes Verständnis davon, dass eine Vaterrolle und eine Mutterrolle ganz unterschiedlich sind. Und wenn ich das jetzt aus der Sicht des Kindeswohls betrachte, dann glaube ich, dass ein Kind, das adoptiert wird, besser in eine klassische Mann-Frau-Rolle reinkommt, als in eine Frau-Frau- oder Mann-Mann-Rolle. Denn so hat es einen Vater und eine Mutter und das ist besser als zwei Väter oder zwei Mütter.“

Warum? Egal, Argumente für die Geringschätzung der Elternschaft von Homosexuellen gibt es nicht. „Gelebtes Verständnis“ muss reichen. Und wer bei Interviews mit AfD-Funktionären genau hinhört, wird das immer wieder erleben: „Ich habe vier Kinder, ich weiß, wovon ich spreche.“

Anderes Beispiel, diesmal nicht direkt aus der AfD: Das Bündnis „Demo für alle“, das mit Hingabe gegen die angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern in der Schule streitet, bot bei einer seiner Demos sogar eine zehnfache Mutter auf: Ingrid Kuhs. Sie zu finden, war sicher nicht schwer, denn „Demo für alle“ hat ausreichend Kontakt zur AfD, und Kuhs’ Mann war damals Landtagskandidat der Partei in Baden-Württemberg.

„Ich hatte das große Vorrecht, dass ich als Mutter zu Hause bleiben und mich der Erziehung unserer Kinder widmen konnte“, sagte die zehnfache Mutter, als werde dieses „Vorrecht“ irgendjemandem vorenthalten (außer vielleicht denjenigen, die es sich finanziell schlicht nicht leisten können, auf ein Zweiteinkommen zu verzichten). Und weiter: „Für unsere Enkel wünschen wir uns, … dass sie nicht schon in der 3. Klasse sexuelle Praktiken üben müssen, von denen ich vor wenigen Jahren nicht wusste, dass sie existieren.“ Das ist natürlich bemitleidenswert.

Allerdings muss hinzugefügt werden, dass die Idee, Drittklässler an deutschen Schulen müssten „sexuelle Praktiken üben“, der Fantasie „besorgter Eltern“ entstammt und nicht der Realität. Aber an der politischen Wirksamkeit solcher Behauptungen in bestimmten Kreisen ändert das nichts.

Nun ist es allerdings nicht so, dass das Modell Ingrid Kuhs – alle Kinder aus einer Ehe – zum Pflichtprogramm deutscher Arterhaltung nach neurechtem Muster gehören würde. Wenn es ums Kinderkriegen geht, dürfen es ruhig auch mal mehrere Ehen hintereinander sein. Selbst die Verhältnisse an der AfD-Spitze müssten ideologisch und ehelich gefestigten Anhängern fast schon wie ein Vorstand gewordener Sündenpfuhl erscheinen.

Allein das Führungsduo Petry/Meuthen kommt derzeit zusammengerechnet auf 13 Kinder aus je zwei Ehen. Jedenfalls dann, wenn man zu Petrys eigenem Nachwuchs die ebenfalls vier Sprösslinge addiert, die Petrys neuester Ehemann und Parteifreund Marcus Pretzell aus einer früheren Beziehung mitgebracht hat. Und das muss noch nicht alles sein, denn Meuthen und seine zweite Frau haben sich gerade getrennt und Frauke Petry ist, wie gesagt, schwanger. Aber wie auch immer: Hauptsache Kinder, da macht der AfD-Führung keiner was vor außer Ingrid Kuhs. Vor allem Frauke Petry hat die Nutzung des eigenen Privatlebens für den politischen Kampf zur Meisterschaft gebracht. Und zwar mit Unterstützung des einen oder anderen Mediums, das ihr dafür willfährig die Stichwörter liefert. Etwa jüngst in der „Leipziger Volkszeitung“: „Warum tun Sie sich das alles überhaupt an?“ Petry: „Weil ich im Gegensatz zu Frau Merkel Kinder habe, die in Deutschland eine positive und sichere Zukunft brauchen.“ Voller Entzücken titelte „Welt online“: „Petry freut sich auf Wahlkampf mit Baby“.

Auf Deutsch: Wer keine Kinder hat, hat in Deutschland keine Politik zu machen. Mit den Worten des Berliner AfD-Abgeordneten Andreas Wild: „Bei verantwortungslosen Menschen, die Politik machen, ist das Kriterium der Kinderlosigkeit ein ausschlaggebendes.“ Bleibt nur eine Frage: Warum gibt es Menschen, nicht wenige Frauen auch, die sich von dieser reaktionären Ideologie angezogen fühlen?

Zunächst: Der AfD ist es gelungen, ihr Gedankengut in modernisierter Form zu präsentieren. Niemand wird bei ihr einen direkten Angriff finden, sei es auf berufstätige Frauen, sei es auf Homosexuelle oder andere Minderheiten. Die Partei bedient sich vielmehr eines einfachen Kniffs: Nicht die Menschen werden ausdrücklich zur Diskriminierung freigegeben, sondern der vermeintliche „Mainstream“ in Medien und Politik.

„Die Wirtschaft will Frauen als Arbeitskraft. Ein falsch verstandener Feminismus schätzt einseitig Frauen im Erwerbsleben, nicht aber Frauen, die ,nur‘ Mutter und Hausfrau sind“, heißt es im AfD-Programm. Schon sind die „Frauen im Erwerbsleben“, gegen die die AfD angeht, zu Opfern eines „falsch verstandenen Feminismus“ geworden. Auch gegen Lesben oder Schwule hat niemand etwas – vorausgesetzt, sie halten den Mund: „Unsere Kinder dürfen in der Schule nicht zum Spielball der sexuellen Neigungen einer lauten Minderheit werden.“ So wird der Versuch, die Benachteiligung bestimmter Gruppen zu beseitigen, in eine angebliche Vorherrschaft dieser Gruppen umgedeutet, von der die „normalen“ Bürger befreit werden müssten.

Hier scheint der Hauptgrund für die gefährliche Attraktivität dieser Ideologie zu liegen: Sie suggeriert, dass die Zumutungen der Moderne durch den Rückzug in eine Art geschlossene Gesellschaft der „Normalen“ zu überwinden wären. Dass sich Vielfalt nicht nur erleiden oder unterbinden lässt, sondern dass sie sich auch gestalten ließe, blendet rechte Ideologie systematisch aus. Und deshalb hat sie für Frauen nur diesen einen Vorschlag: Kinder, Kinder.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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