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Rassismus und Frauenrechte Rechten Feminismus gibt es nicht

Frauenrechte sind derzeit in aller Munde. Auch eine rechte Politikerin wie Marine Le Pen ist plötzlich an Frauenrechten interessiert. Jetzt muss Feminismus zurückerobert werden.

Zwei rechtsradikale Politikerinnen des FN, die die Frauenrechte für ihre Zwecke vereinnahmen: Marine Le Pen und ihre Nicht Marion Le Pen. Foto: dpa

Es gibt eine Art Fetisch, alle möglichen Leute danach zu fragen, ob sie Feministin seien oder nicht. Taylor Swift ist eine, Meryl Streep dagegen nicht. Beyoncé performt vor einem „Feminist“-Schriftzug, und Hillary Clinton konstatierte kürzlich im Interview mit „Girls“-Macherin Lena Dunham auf die Frage, ob sie Feministin sei: „Yes, absolutely.“ Alle müssten das sein, die an gleiche Rechte für Frauen und Männer glauben.

In Deutschland ist der Kreis der bekannten bekennenden Feministinnen etwas übersichtlicher. Die Komikerin Carolin Kebekus gab es neulich etwa in der „FAZ“ zu. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sagte schon in einem Interview mit der „taz“ im Jahr 2009, dass sie mit dem Begriff „gut leben“ könne.

Es ist also mittlerweile auf eine Art vollkommen in Ordnung, sich als Feministin zu „outen“. Das sah vor ein paar Jahren noch etwas anders aus. Dass dieses Bekenntnis aber zu einer Floskel verkommen kann, wusste Schwesig schon 2009: „Konservativ und Feministin, das passt nicht zusammen.“ Und meinte damit Ursula von der Leyen.

Das Gegensatzpaar ist noch unklarer geworden. Mit der Bezeichnung Feministin schmücken sich nun auch Frauen wie „Dann mach doch die Bluse zu“-Birgit Kelle. Oder die US-Republikanerin Sarah Palin. Letztere benutzte 2010 das Wort nahezu in demselben Atemzug, in dem sie auch davon sprach, das Recht auf Abtreibung einzuschränken. Auch eine rechte Politikerin wie Marine Le Pen ist plötzlich an Frauenrechten interessiert – wenn es darum geht, diese vor „dem anderen Mann“ zu schützen.

Rassismus im Namen von Frauenrechten. Seit der Silvesternacht in Köln und vor allem der Berichterstattung darüber ist diese Form von „feminist washing“ überall zu hören. „Focus“ und „Süddeutsche Zeitung“ titelten mit Bildern, auf denen ein weißer Frauenkörper von schwarzen Händen angefasst wird.

„Deutsche Frau! Halte dein Blut rein. Du trägst in dir das Erbe künftiger Geschlechter.“ Das steht auf einem Plakat aus der NS-Zeit. Darauf eine weiße Frau mit Kind, eine dunkle Hand kommt ihr nah: „Fremde dürfen nicht nach dir greifen.“ An einem Dienstagabend Anfang März wird dieses Bild auf einer Diskussionsveranstaltung im Gunda-Werner-Institut in Berlin gezeigt. Es ist eine von vielen Veranstaltungen, die um den Internationalen Frauenkampftag am 8. März herum stattfinden. Es sind so viele wie lange nicht, jeweils sehr gut besucht. So wird etwa einen Tag später im Berliner SO36 in Kreuzberg unter dem Titel „Klasse Frau“ zum Stand des Feminismus in einem komplett gefüllten Saal gesprochen.

So unterschiedlich die Veranstaltungen auch sind – hier das divers gestaltete Podium zu den Themen sexualisierte Gewalt und Fremdbildkonstruktionen, dort die klassisch weiße Linke zur Revolution allgemein – so sehr ähnlich sind doch am Ende die Fragen aus dem Publikum: Was muss getan werden? Was können wir tun?

Es ist viel passiert, seit Frauen in Deutschland um gleiche Rechte kämpfen. Sie dürfen wählen und arbeiten, so viel sie wollen, und brauchen dafür nicht länger das Einverständnis der Ehepartner. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 strafbar. Mittlerweile gibt es sogar eine Quote von 30 Prozent für alle Aufsichtsratsposten in börsennotierten Unternehmen.

Probleme gibt es allerdings auch noch reichlich: Der Gender Pay Gap beträgt aktuell 21 Prozent in Deutschland. Der besonders schlecht bezahlte Bereich der Care-Arbeit wird zum Großteil durch Frauen getragen. Der Schwangerschaftsabbruch ist bisher noch immer offiziell illegal, und eine echte Anpassung des Sexualstrafrechts an die Istanbul-Konvention („Nein heißt nein.“) ist auch der jetzt vorliegende Gesetzentwurf nicht. Vielmehr eine Enttäuschung für jede dritte Frau, die laut Agentur der Europäischen Union für Grundrechte körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren hat. 60 Prozent aller Frauen in Deutschland haben mindestens eine Form der sexuellen Belästigung erlebt.

Nicht alle müssen Feminismus mögen

Die Soziologin Sarah Speck stellt im Berliner SO36 die These auf, dass sich in Deutschland die Geschlechterordnung seit der Frauenbewegung der 70er und 80er Jahre formal nur deshalb verschieben konnte, weil sie gleichzeitig informell manifestiert wurde: indem etwa typische „Frauenarbeiten“ wie Putzen oder Kinderbetreuung bei entsprechenden Möglichkeiten an andere Frauen gegen Bezahlung abgegeben werden und systemische Fehler individualisiert wurden. Das klassische Prinzip der Arbeitsteilung habe sich einfach verschoben.

So ergaben Gespräche für Specks Studie „Wenn der Mann kein Ernährer mehr ist – Geschlechterkonflikte in Krisenzeiten“, dass junge heterosexuelle Paare sich als völlig gleichberechtigt sehen. Bei Nachfragen kam oft heraus, dass letztlich doch vor allem die Frau koche. Das habe damit zu tun, dass ihr das einfach „mehr liege“. Eine scheinbar individuelle Eigenschaft. Das Gesamtbild ist dieses: In Deutschland bringen Frauen etwa 164 Minuten mit Hausarbeit zu, Männer nur halb so viel – in einer Ehe noch viel weniger.

Zu diesen Missständen kommt hinzu, dass das bisher Erreichte nicht für immer gesichert ist. In den USA üben Abtreibungsgegner_innen in gewissen Landstrichen so viel Druck aus, dass sich einfach kein Krankenhaus findet, das Schwangerschaftsabbrüche anbietet. Ein klarer Einschnitt in das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung von Frauen, einer zentralen feministischen Forderung. Wie kann also Abtreibungsgegnerin Sarah Palin „Feministin“ sein? Auch Marine Le Pens Front National bezeichnete Abtreibungen als „anti-französischen Genozid“. Le Pen eine Feministin?

In ihrem viel beachteten TED-Talk vor zwei Jahren las die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie die Definition von „Feminist_in“ aus dem Wörterbuch vor: eine Person, die an die soziale, politische und ökonomische Gleichberechtigung der Geschlechter glaubt. Eine Definition, die auch Hillary Clinton in ihrem Gespräch mit Lena Dunham gibt. Aber wie bereits gezeigt, reicht diese Definition nicht aus, um wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen. Es geht nicht nur um eine formelle Gleichberechtigung. Es geht auch um eine gelebte.

Genau deshalb lässt Adichie diese Definition nicht so stehen – was leider nicht so oft rezipiert wurde wie die Wörterbuch-Wiedergabe. „Feminist_innen sind Frauen oder Männer, die sagen: Ja, es gibt ein Problem mit den Geschlechterrollen heute, und wir müssen es beheben. Wir müssen es besser machen.“ Ihr geht es nicht um das Geschlecht, sondern um die damit verbundenen Rollen – für beide Geschlechter in ihren diversen Lebensrealitäten. Die Anerkennung und Respektierung verschiedener Lebensrealitäten ist allerdings etwas, das alle lernen müssen. Das bedeutet oft: zuhören.

Wenn eine relevante Anzahl an Frauen in Deutschland sagt, sie tragen das Kopftuch aus eigenem Wunsch heraus – warum dies sofort anzweifeln? Personen, die sich in der Binarität von „männlich“ und „weiblich“ nicht wiederfinden und um eine einschließende Sprache bitten – warum ihnen vorwerfen, sie würden jetzt zu weit gehen? Warum auf dem N-Wort beharren, wenn es um die Bezeichnung von Schwarzen geht? Verliere ich persönlich denn etwas, wenn ich Rücksicht nehme?

Özcan Karadeniz vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften erklärt auf dem Podium des Gunda-Werner-Instituts, er sei es leid, der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu erklären, wie sie ihre rassistischen Stereotypen loswerden können. Das Problem ist allerdings: Die deutsche Mehrheitsgesellschaft wird sich nicht von allein aufklären. Im Gegenteil. Selbst eine aufgeklärte Ramona Pisal, Vorständin des Deutschen Juristinnenbundes, fühlt sich auf dem Podium des Gunda-Werner-Instituts allein dadurch angegriffen, dass sie von Karadeniz als Teil der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird. Die eigenen Privilegien anzuerkennen, ist nicht spaßig, sondern in der Regel ein sehr schmerzhafter Prozess.

Auch das hat mit Feminismus zu tun. Die Revolution, von der einige träumen, wird ohne die Anerkennung der Vielfalt in Deutschland nicht zu haben sein. Feminismus wird zahnlos, und ein echter Wandel rückt in weite Ferne, wenn er sich einerseits nur auf das Gebiet „Frauen und Karriere“ beschränkt und andererseits das Mitdenken von anderen Ausschlüssen durch Rassismus oder Klassismus beharrlich ausblendet oder torpediert.

Zum 12. März lädt ein breites Bündnis in Köln zur Demonstration. Ihr Claim: „Unser Feminismus ist antirassistisch – Reclaim feminism.“ Feminismus zurückerobern, darum muss es jetzt gehen. In Deutschland, in Frankreich, in den USA. Es muss darum gehen, dem Wort wieder seinen ungemütlichen Kern zurückzugeben. Und ungemütlich wird es, wenn Feminismus nicht länger nur etwas für privilegierte „Topgirls“ ist.

Einer Le Pen muss in Zukunft das F-Wort im Halse stecken bleiben, weil es verbunden ist mit dem Ausruf der US-amerikanischen Bloggerin Flavia Dzodan: „My feminism will be intersectional or it will be bullshit.“ Mein Feminismus soll intersektional, also gruppenübergreifend, sein, oder er ist nichts wert. Es muss nicht den einen Feminismus geben, der für alle gilt und zu dem sich alle bekennen können. In der Pluralität liegt auch Stärke. Und grundsätzlich müssen nicht alle Feminismus mögen. Dann läuft er auch nicht Gefahr, zu einer leeren Hülle zu verkommen, die nach Belieben mit konservativen und rechten Inhalten befüllt werden kann.

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