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Paartherapeutin im Interview „Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen“

Paartherapeutin Christine Backhaus spricht über Platzhirsche und Vorzeigemädchen, über neue Streitkultur und gestrige Rollenmuster. Und sie erklärt, warum es beim Beziehungszoff selten um die Sache geht.

Händchenhaltendes Paar
Bei Problemen in der Beziehung führt der Weg manches Paar zum Paartherapeuten Foto: imago

Immer zu spät zum Date, liegen gelassene Socken oder doch die große Frage, wer Teilzeit arbeitet – was sind die häufigsten Konfliktthemen, mit denen Paaren zu Ihnen kommen?
Das ist ganz unterschiedlich und hängt von der Lebensphase ab. Unerfüllter Kinderwunsch ist zum Beispiel ein Riesenthema. Zu uns kommen auch viele Leistungsträger und Vielarbeiter. Sie kommen oft schwer damit klar, privat an Grenzen zu stoßen. Dass die Natur Nein sagt. Damit einher geht ein hohes Maß an Kontrollverlust. Das ist wirklich eine der dramatischsten Erfahrungen für viele Paare – neben Affären. Und Rollenverteilung ist auch oft ein Punkt. 

Geht der Stress dann los, wenn Kinder kommen?
Oft ist das der Fall. Am Anfang sind sich gerade die jüngeren Paare in aller Regel einig, dass das alles auf Augenhöhe abläuft und sie beide alles unter einen Hut bringen. Und spätestens beim ersten Kind zeigt sich, wenn vorher beide berufstätig waren, dass dann doch Kompromisse notwendig sind – und die machen immer noch meistens die Frauen. Dann kommt die Überbelastung, der Stress, die Enttäuschung. Man ist mit Versprechen und Erwartungen vor den Traualtar getreten – und dann sieht das in der Realität ganz anders aus. Da geht es auch um Einsamkeit in der neuen Rolle als Mutter, wenn man nicht so den Anschluss hat. Wenn man vorher in einem erfüllenden Job war, dann kommt auch ganz oft die große Krise. 

Die Umwälzung ist aber auch für die Väter nicht leicht.
Es ist ein Riesen-Tabuthema, dass Männer oft auch während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt fremdgehen. Das eingespielte Gefüge von geben und nehmen in der Partnerschaft funktioniert dann nicht mehr, weil die Frau ganz anders fokussiert ist. Da müssen viele Männer lernen, sich einzubringen in die Streicheleinheiten zwischen Mutter und Kind, damit sie eben nicht nur Zuschauer sind, sich nicht nur als Geldverdiener fühlen. Wenn sie diese Form der Liebessprache nicht gelernt haben, wird es schwierig. Das hat natürlich etwas mit Vorstellungen von Männlichkeit zu tun. Die Angst der Männer ist groß: Komme ich jetzt als Weichei rüber, wenn ich wie ein zweites kleines Kind Kuscheln einfordere? Das tut ein Kerl doch nicht!

Damit beide Seiten selbstbewusst ihre Bedürfnisse einfordern, braucht es auch eine Streitkultur auf Augenhöhe. Gibt es die?
Bei vielen nicht wirklich. Ich unterscheide zwischen zwei Gruppen. Die einen kommen wegen zahlreicher, heftiger Streits, oft unter die Gürtellinie gehend, wo dann auch Verletzungen entstehen, die nicht gut reparabel sind. Das andere Extrem ist die Sprachlosigkeit, wenn Konflikte mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt oder Dinge erduldet werden. Viele Paare haben nicht gelernt, dass eigene Bedürfnisse, die sich in bestimmten Lebensphasen einer Partnerschaft auch mal verändern oder deutlicher zu Tage treten, verhandelt werden können. Gerade bei beruflich erfolgreichen Frauen beobachte ich aber noch ein anderes Phänomen.

Und das wäre?
Ich nenne sie die liebevoll die „Vorzeigemädchen der Nation“. Das sind Frauen, die haben oft schon in der Schule Höchstleistungen vollbracht, tolle Abschlüsse, sind sehr erfolgreich im Job. Gleichzeitig verhalten sie sich privat wie brave, angepasste Mädchen, die es allen recht machen wollen. Diese Frauen wollen gefallen, sie schauen immer zuerst, was braucht der Partner. 

Und haben dabei nicht gelernt, ihre eigenen Wünsche zu artikulieren?
Genau. Daraus entsteht oft emotionale Abhängigkeit insofern, als diese Frauen sich vor allem über die Bedürfnisse von anderen definieren und da ihre ganze Energie reinlenken. Da ist die Enttäuschung vorprogrammiert. 

Die emotionale Abhängigkeit tritt an die Stelle der finanziellen, die seltener wird, weil beide Geld verdienen?
Richtig. Das ist ja ein Riesendruck, der auf den jungen Frauen lastet. Alles ist machbar, Kinder, Karriere, und dann noch Yoga und vegan leben, gut aussehen. Sich davon unabhängig zu machen ist eine Riesenleistung. 

Wie ist das bei älteren Paaren?
Die kommen oft, wenn die Kinder aus dem Haus sind, und sie auf einmal merken, dass ihr wichtigstes gemeinsames Thema wegfällt. Dazu kommen die hormonellen Veränderungen bei Männern und Frauen. Die Chance, sich jetzt noch einmal den eigenen Bedürfnissen zuzuwenden, macht vielen Angst. 

Wer ist die treibende Kraft, wenn Paare zu Ihnen kommen – eher die Frauen? 
Nein, gar nicht. Frauen kommen eher mit dem Thema Partnerwunsch- und Suche. Wegen Beziehungskonflikten kommen eher die Männer, allerdings oft fünf nach zwölf, wenn die Frauen die Trennung innerlich schon vollzogen haben.

Was raten Sie Ihren Kunden denn dann?
Trennen ist die einfache Variante. Dazu brauchen uns die Paare in der Regel nicht. Ich rate oft demjenigen, der gehen will, einzufordern, dass sich der Partner zunächst einmal allein auf einen tiefgehenden Reflexionsprozess einlässt. Oft geht es um bestimmte Wesensmerkmale, die einerseits in der Kindheit oft sehr hilfreich waren, es in einer Beziehung mit dem Anspruch der Gleichberechtigung aber eben nicht mehr sind. 

Das müssen Sie erklären.
Ich meine die Platzhirsche dieser Welt, die im Job sehr erfolgreich sind, sehr fokussiert, sehr durchsetzungsstark, rhetorisch sehr gewandt – und eben auch in der Partnerschaft dominant. Wenn die Frau – oft sind es immer noch die Frauen – das aber nicht (mehr) so mitmachen will, reagieren diese Männer oft mit kleinen, fiesen Abwertungen. Sie versuchen, den anderen nicht groß werden zu lassen. Weil die Angst groß ist, privat die Kontrolle zu verlieren. Vielen ist das natürlich nicht bewusst, sie machen es eben nicht absichtlich. Und so gilt es, diese Angst im Gespräch zu thematisieren, ernst zu nehmen und aufzuklären.

Wie groß ist denn überhaupt die Bereitschaft, an sich zu arbeiten? 
Dazu braucht es einen gewissen Leidensdruck. Im Sinne von: Wenn ich mich nicht ändere, ist der Partner weg oder wird es spätestens in der nächsten Partnerschaft sehr wahrscheinlich ähnlich schwierig werden. Die Betroffenen sollen lernen zu erkennen: Wann spiele ich die Karte, die meinem Partner, meiner Partnerin nicht mehr gefällt, und wann beiße ich mir vielleicht lieber mal auf die Zunge, weil ich sonst meine Beziehung ruiniere. Einmal nicht das letzte Wort haben, den anderen entscheiden lassen – oft sind es ganz einfache Dinge, mit denen man sich das Leben einfacher machen kann. Es geht ja oft gar nicht um die Sache, sondern unbewusst um Macht.

Die Themen, mit denen Paare zu Ihnen kommen, sind je nach Alter unterschiedlich. Ändert sich auch die Streitkultur von Generation zu Generation?
Verändert hat sich vielleicht die Art, wie Konflikte ausgetragen werden. Natürlich sind die Rahmenbedingungen andere seit den 70ern, als die Frau noch die Erlaubnis des Mannes brauchte, um arbeiten zu gehen. Und diese Art des Runterschluckens, sich Anpassens, des alles dem Mann Unterordnens, das gibt es bei jüngeren Frauen seltener. Statt offen zu streiten, hat sich die Generation unserer Mütter da noch andere Wege gesucht, zum Beispiel über die Manipulation der Kinder. Die Auseinandersetzung war indirekter. 

Und heute?
Heute lassen sich die jungen Frauen nicht mehr alles gefallen, sind lockerer und mutiger, was das Streiten angeht. Die jüngere Generation ist mit Datingportalen und so etwas aufgewachsen, da herrscht das Bewusstsein vor: Ich finde schon jemand anderen. Auch weil die finanzielle Abhängigkeit nicht mehr so da ist. Die Lage ändert sich allerdings, wenn Kinder im Spiel sind. Grundsätzlich geht es beim Streiten auch um das Thema Selbstwirksamkeit und Selbstwertschätzung.

Wie meinen Sie das? 
Vor allem Frauen, aber auch vielen Männer, die zu uns kommen, fehlt es an der Überzeugung, selbst etwas Großes meistern zu können, etwas zu schaffen, ein erfülltes Leben zu haben – zur Not auch ohne den Partner. Ich muss mich aber selbst wertschätzen, wenn ich Respekt von meinem Partner einfordern will. Darum geht es ja im Streit, wenn der andere ausnutzt, dass er mich gut kennt, mein Vertrauen missbraucht, indem er bestimmte Knöpfchen drückt. 

Letztlich geht es also auch beim Streit über liegen gelassene Socken oder die vielbeschworene Zahnpastatube um Respekt.
Na klar! 

Wir haben viel über Rollenkonflikte von heterosexuellen Paaren gesprochen. Finden sich bei Homosexuellen ähnliche Muster?
Ja, das würde ich sagen. Auch wenn es vielleicht seltener festgefahrene Männlich- oder Weiblichkeitsklischees gibt, finden doch ähnliche Machtspielchen um Dominanz oder Unterdrückung statt. Auch die Konfliktthemen sind dieselben. Anders ist eher der Umgang mit dem Thema Sexualität, der aus meiner Erfahrung doch lockerer, ungezwungener ist.

Ist das Thema Sex insgesamt für Paare wichtiger oder unwichtiger geworden?
Schwer zu sagen. Viele kommen natürlich mit diesem Thema zu uns, aber es stecken oft andere Dinge dahinter. Wenn ein Partner oder eine Partnerin mir entgleitet, kann ich es oft daran festmachen, dass es beispielsweise weniger Sex gibt. Die Ursache für die Entfremdung ist aber eine andere. Oft geht es auch um Macht, da wird Sex als Druckmittel eingesetzt. Gleichzeitig entsteht durch die allgegenwärtigen sexuellen Reize außerhalb der Beziehung ein massiver Druck, sich ständig gegen die – oft auch eingebildete – Konkurrenz beweisen zu müssen. 

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