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Nadine Angerer „Egoismus ist nicht heldenhaft“

Ex-Nationaltorhüterin Nadine Angerer spricht im Interview über falsche Vorbilder.

Nadine Angerer
Nadine Angerer, 39, war Weltmeisterin und Weltfußballerin des Jahres. Foto: rtr

Frau Angerer, wann haben Sie sich zuletzt als Heldin gefühlt?
Puh, das ist mal ein harter Einstieg. Eine schwierige Frage.

Wieso das?
Heldin, das hat immer so etwas Martialisches. Ich tue mich schwer mit dem Begriff.

Dabei wird er gerade bei Spitzensportlerinnen geradezu inflationär gebraucht.
Kann sein. Ich glaube, bei mir hat dieses Gefühl gar nichts mit meiner Sportkarriere zu tun. Zwei Sachen fallen mir dazu ein. Das eine ist mein Job. Ich trainiere ja Torhüterinnen – wenn ich sehe, wie die sich weiterentwickeln, dann fühle ich mich vielleicht nicht als Heldin, aber dann fühle ich mich bestätigt und das macht mir Spaß. Wenn meine Arbeit fruchtet und ich das Resultat im Spiel sehe. Das ist ein gutes Gefühl. Das andere sind Momente in der Mannschaft, wenn es Konflikte gab und ich vermitteln konnte. So etwas finde ich heldenhaft.

Und ich hätte gedacht, Ihnen fallen eher Momente ein wie der im WM-Finale 2007, als Sie den Elfmeter der brasilianischen Weltfußballerin Marta hielten und Ihrer Mannschaft den Sieg sicherten.
Überhaupt nicht. In solchen Momenten fühle ich mich kein bisschen als Heldin. Habe ich nie. Es wird immer gesagt: Ronaldo ist der Held von Portugal, Messi der von Argentinien. Quatsch. Für mich ist ein Held der, der das Team in den Vordergrund stellt, der eine Empathie für die Mannschaft hat – egal ob er Stammspieler ist oder auf der Bank sitzt. Der in der Lage ist, seinen Egoismus für den Erfolg des Teams hintenanzustellen, die Schwächeren mit ins Boot zu holen – das ist für mich heldenhaft.

Ihre Definition hat wenig zu tun mit dem klassischen Superhelden, der quasi im Alleingang die Welt rettet.
Genau. Aber eine Superwoman, die allein vorneweg fliegt und sich einen Dreck um die anderen schert, ist für mich eben keine Heldin. Ein Spieler, der herausragt durch sein Können, ist für mich kein Held, sondern einfach nur ein sehr, sehr guter Fußballer.

Dass Sie viele Jahre eine sehr, sehr gute Fußballerin waren, macht Sie für viele junge Menschen wenn nicht zur Heldin so doch zum Vorbild. Eine schwierige Rolle?
Ach nein, gar nicht. Es ist doch ein schönes Gefühl, wenn junge Mädchen zur dir aufschauen, Fragen stellen, so werden wollen wie du. Ich finde es total wichtig, Vorbilder zu haben. Mir ist es wichtig, diesen entzückenden Kindern zu vermitteln, dass Leistungssport Spaß macht, dass er eine soziale Komponente hat.

Wie meinen Sie das?
Es geht um harte Arbeit, um Druck, um Leistung. Aber auch darum, ein guter Mensch zu sein, sich um einander zu kümmern. Das ist mir wichtig. Wenn ich das vermitteln kann, fühle ich mich schon fast als Heldin. (lacht)

Das sind Werte, die bei vielen Heldinnen junger Mädchen heute weniger im Vordergrund stehen. Egal ob bei Musical-Stars, Models oder Beauty-Youtuberinnen stehen doch oft Äußerlichkeiten im Vordergrund. Verstehen Sie sich da als eine Art notwendiges Gegenmodell?
Klar ist es wichtig, den Mädchen zu zeigen, dass es nicht nur darauf ankommt, wie sie aussehen oder wie sie sich darstellen. Dass sie als Frauen in allen möglichen Bereichen erfolgreich sein können. Das müssen auch die Eltern vermitteln. Ich finde es aber nicht verwerflich, wenn eine 17-Jährige meint, sie müsse super ausschauen und sich entsprechende Idole sucht. Sie braucht dann nur jemanden, der ihr sagt: Mach’ dich ruhig schick, stehe meinetwegen stundenlang vorm Spiegel, aber das ist nicht alles im Leben. Es braucht eine gesunde Balance, ein Gegengewicht. Die Jugendlichen sollen sich ruhig inspirieren lassen – besser, als gar keine Orientierung zu haben.

Hatten Sie selbst denn Vorbilder?
Immer, die haben auch gewechselt. Das ist auch gut so, man ist ja selbst auch in verschiedenen Lebensphasen. Ich brauchte immer jemanden, der mir andere Ansichten vermittelt, mich weitergebracht hat. Mal im Sport, eine andere Torhüterin zum Beispiel, und mal in anderen Bereichen. Genau das versuche ich jetzt auch mit Jüngeren: Ich will Ihnen nicht meine Sichtweise aufzwingen, aber eine neue Idee, einen anderen Gedanken einbringen.

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