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Mode Man sieht’s

Modeschöpfer kommen vom Mars, Modeschöpferinnen von der Venus. Das Jahr der Frauen in der Frankfurter Rundschau.

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Auch die Kollektion für den kommenden Winter von Nobieh Talaei ist hübsch und komfortabel. Die Models müssen natürlich trotzdem böse gucken. Foto: Alicia Kassebohm

Coco Chanel war eine störrische Frau. „Dior?“, spottete sie einmal über ihren Kollegen, „er zieht die Frauen nicht an, sondern er tapeziert sie.“

Im Zitat der Pariser Couturière wird lesbar, was viele Jahrhunderte Modehistorie illustrieren: „Männer entwerfen anders, Frauen auch“, könnte ein abgewandelter Buchtitel lauten. Oder: „Modeschöpfer kommen vom Mars, Modeschöpferinnen von der Venus.“ Das zeigt, was dieser Tage in die Luxusläden kommt: Anthony Vaccarellos waghalsige Minikleidchen für Saint Laurent und Marc Jacobs’ clowneske Entwürfe auf der einen, Pheobe Philos geräumige Trenchcoats für Céline und Miuccia Pradas weite Trägerkleider auf der anderen Seite. Ausnahmen bestätigen freilich die Moderegel.

„Vielleicht kann man soweit gehen zu sagen, dass das weibliche Ideal männlicher Designer eher zum Auratischen und Ikonischen neigt“, sagt Ingeborg Harms. „Der Hauptunterschied, der im Produkt durchaus sichtbar wird, beruht darauf, dass Designerinnen potentiell Trägerinnen der eigenen Entwürfe sind.“ Harms kennt die Branche und ihre Protagonisten gut. Sie lernt als Professorin für Designtheorie an der Universität der Künste Berlin Designer und Designerinnen bereits in ihrer ersten Findungsphase kennen, schreibt selbst kluge Artikel über Kleider für „Die Zeit“ oder „Vogue“.

Modeschöpferinnen seien mit den Bedürfnissen einer Frau bestens vertraut, wüssten nur zu gut, dass es in der Mode auch und gerade um die Optimierung körperlicher Eigenheiten geht. Und das wird nicht nur in ihren realitätsnahen, demokratischen Entwürfen sichtbar.

Auch der Entwurfsprozess und die Entstehung einer Kollektion funktionieren bei Frauen oft anders als bei den männlichen Kollegen. „Es stimmt, dass männliche Designer eher zum Zeichenstift greifen“, sagt Ingeborg Harms. „Man denke nur an Yves Saint Laurent, der im Rausch Hunderte von Skizzen anzufertigen pflegte, die seine Atelierleiterinnen dann interpretierten.“ Karl Lagerfeld arbeitet ähnlich, zeichnet unzählige Entwürfe für Fendi und Chanel, unzählige Ideen einer Frau. Um zu sehen, wie es anders, wie es weiblich geht, muss man gar nicht nach Mailand oder Paris blicken.

„Ich habe kein fertiges Konzept auf dem Papier“, sagt Nobieh Talaei über ihr Label Nobi Talai. „sondern ein Bild, eine spezielle Silhouette oder eine bestimmte Ärmellösung im Kopf, und fange dann an zu modellieren.“ In ihrem Berliner Studio formt und drapiert die im iranischen Teheran geborene Designerin ihre Entwürfe direkt an der Puppe, direkt am weiblichen Körper sozusagen. Diese Dreidimensionalität, das Sehen und Erleben, wie sich der Stoff zum Körper verhält, sei für ihren Arbeitsprozess entscheidend. Genau wie ihr eigenes Geschlecht: „Während meiner Arbeit gehe ich sehr nach meinem Gefühl und schaue, was mir persönlich in der Mode fehlt“, sagt sie, „die Kollektionen entstehen ganz intuitiv“.

Kontinuierlich probierten Talaei selbst und ihre Mitarbeiterinnen die Teile an, merkten so, wo es zwickt, wo Raum und wo Halt fehlen. Was Nobieh Talaei dann auf der Pariser Modewoche präsentiert, sind fantastische Kollektionen – starke Mode für starke Frauen. „Nobi Talai ist kein Label der l’art pour l’art“, sagt sie, „keine Kunst bloß um der Kunst willen“. Die Designerin verwendet zum Beispiel kaum Reißverschlüsse, ihre Entwürfe werden meist gewickelt oder gebunden, was sie auch Frauen mit größeren Größen zugänglich macht. Talaei macht Kleider für echte Frauen und all ihre Facetten. So, wie es vor ihr schon unzählige andere Frauen gemacht haben.

Denn sie waren es meist, die der Mode ihren Status als Parameter der Emanzipation verliehen haben. Die Dresdner Hausfrau Christine Hardt etwa meldete 1899 das erste deutsche Patent für einen Büstenhalter als praktischen Ersatz zum Korsett an. Anfang des 20. Jahrhunderts präsentierten dann Madeleine Vionnet und Coco Chanel Mode ohne Mieder. Und in den 1960ern befreite Mary Quant mit dem Minirock das Damenbein.

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