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#metoo-Debatte „Wir sind alle sexistisch“

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal spricht im Interview über festgefahrene Denkmuster, Gendertraining im Kindergarten und warum Männer sich in der aktuellen Debatte kaum zu Wort melden.

Tizian
Der Mann, der sich nimmt, was er will: Das gilt leider auch noch im 21. Jahrhundert. Foto: dpa

Die Bücher, die sie publiziert hat, heißen „Vulva“ und „Vergewaltigung“. Mithu M. Sanyal, 46 Jahre alt, ist Kulturwissenschaftlerin und beschäftigt sich in ihrer Karriere als Autorin seit mehr als 20 Jahren mit den Themen Sexismus und Feminismus. Den Kommentar, den Sawsan Chebli, Staatssekretärin in Berlin, vor einigen Tagen von einem Kollegen hörte: „Ich habe keine so junge Frau erwartet. Und dann sind Sie auch noch so schön“, bezeichnet Sanyal als Beispiel von Alltagssexismus und sieht ihn als Anstoß zur Debatte. 

Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Umgang mit so einer Situation?
Solche Situationen passieren ja ständig. Das Problem an der Aussage des Herren war nicht das Wort „schön“, sondern die Kompetenzabsprache. Das ist kein böser Mensch. Was er gemacht hat, war gesellschaftliche und weit verbreitete Bilder zu wiederholen. Es geht jetzt nicht um Schuldzuweisungen. Mir wäre eine gesellschaftliche Selbstverpflichtung wichtig. Wir wollen nicht so miteinander reden, miteinander umgehen. Ein Gespräch darüber, wie wir mit Geschlecht umgehen wollen. 

Wo ist denn die Grenze zwischen Kommentar und Sexismus?
Wir sind alle sexistisch. Für mich ist Sexismus nicht nur, wenn Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern schon, wenn wir von Menschen erwarten, dass sie sich qua ihrer Geschlechternorm verhalten. Ich bin mir absolut sicher, dass wir alle das jeden Tag machen, einfach weil wir damit aufgewachsen sind. Das fängt schon vor der Geburt an. Tritte eines Babys im Mutterleib werden anders gedeutet, wenn die Eltern wissen, dass es ein Mädchen ist. Man spricht anders mit Mädchen als mit Jungs, gibt ihnen andere Spielzeuge. Das ist die Basis, auf der Sexismus beruht. Dann einzelne Sätze herauszupicken und die zu kritisieren, ist nicht sinnvoll. Es geht um Strukturen im Denken, die problematisch sind, und die haben wir alle. Die können wir verändern, darüber können wir reden.

Was müsste die Politik tun, um dagegen anzukommen? 
Wenn mich morgen die Bundesregierung fragen würde, was sie gegen Alltagssexismus unternehmen soll, würde ich mir ein obligatorisches Gendertraining für die Kindergärten und die Behörden wünschen. Nicht für die Kids, sondern für die Erzieher. Weil die Pädagogen ein bestimmtes Rollenverhalten bestärken oder gegen andere vorgehen. Und das muss eben eigentlich nicht sein. 

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