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Marlène Schiappa Voll aus dem Leben

Marlène Schiappa wirbelt derzeit Frankreichs Politik auf.

Marlene Schiappa
Marlène Schiappa, 35, ist Staatssekretärin für die Gleichberechtigung in Frankreich - also so etwas wie die oberste Feministin. Foto: afp

Es gibt kaum eine Debatte zu sexueller Gewalt und Feminismus, auf die Marlène Schiappa in den vergangenen Monaten nicht reagiert hat: Als vier Femen-Aktivistinnen 2017 für das Zeigen ihrer nackten Oberkörper zu Geldstrafen verurteilt wurden, unterstützte Schiappa, seit einem Jahr „Staatssekretärin für die Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen“, die Organisation mit einem offenen Brief. Als die Republik im Januar erfuhr, dass eine einen Monat zuvor tot aufgefundene Joggerin von ihrem Mann ermordet worden war, kritisierte sie, der Anwalt des Geständigen betreibe „Opferbashing“. Der Jurist hatte die Tat unter anderem mit der „erdrückenden Persönlichkeit“ der Toten erklärt.

So viel Einmischung gefällt nicht jedem: Parteikollegen erinnerten die Staatssekretärin daran, die Regierung habe sich nicht zu konkreten juristischen Verfahren zu äußern. Schiappa sei „taub gegenüber Kritik“ und sprinte nach vorne, ohne sich umzuschauen, heißt es in der französischen Presse über sie. Ihr Mann nenne sie „Bulldozer“. Ihr politischer Mentor, der Bürgermeister der Stadt Le Mans, bescheinigt ihr „viel Temperament“. Wird sie damit konfrontiert, reagiert sie mit einem verbalen Achselzucken. „Ja, ja, hmm“, sagt sie. Es klingt nach: Genau, das bin ich.

Ob man als Feministin solch einen Charakter brauche? „Ich habe noch nie gesehen, dass historische Fortschritte für Frauenrechte von jemandem erreicht wurden, der sich die ganze Zeit sagt: Oh Gott, vielleicht mache ich das nicht richtig, vielleicht haben die anderen recht, vielleicht verlange ich zu viel.“ Bei ihrem politischen Projekt fühlt sich Schiappa vom Präsidenten persönlich unterstützt, den sie bisher gegen jede Kritik feministischer Gruppen verteidigte.

Ihr bisher wichtigstes Vorhaben ist das „Gesetz gegen sexuelle und sexistische Gewalt“, das sie derzeit im Parlament verteidigt. Damit soll erstmals ein Schutzalter für Sex mit Minderjährigen eingeführt werden. Außerdem sieht es vor, sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum zu verbieten. Bisher werde diese Art von Belästigung als unausweichlich angesehen, so Schiappa. Dabei habe die Frage, inwiefern Frauen sich frei bewegen können, Einfluss auf andere Lebensbereiche. „Frauen können im Berufsleben keine Gleichberechtigung erreichen, wenn sie auf der Arbeit oder auf dem Weg dorthin sexuell belästigt werden.“

Schiappa widmet sich als Staatssekretärin ganz praktischen Problemen. Dabei kam sie bereits früh mit feministischen Theoretikerinnen in Berührung. Ihre Eltern lernten sich in einer kommunistischen Partei kennen, der Vater ist ein bekannter linker Historiker, die Mutter Lehrerin.  Bewusst zur Feministin sei sie jedoch erst geworden als sie am eigenen Leib erfahren habe, wie unterschiedlich Männer und Frauen in der Öffentlichkeit behandelt würden. Während sich ihre männlichen Mitschüler ungehindert bewegen konnten, glichen ihre Wege oft einem Spießrutenlauf, erinnert sie sich: „Wenn ich irgendwohin wollte, musste ich Kerlen ausweichen, die versucht haben, mir zu folgen, mich anzusprechen, mich zu beleidigen.“ Marlène Schiappa ist Mutter von zwei Mädchen, sechs und elf Jahre alt. Für ihre älteste Tochter sei Belästigung durch Männer auf der Straße bereits ein Thema. Höchste Zeit, dass sich eine Regierung endlich darum kümmere, sagt sie und zitiert, wie so oft, eine Statistik, die Nachfragen vorweggreift: Acht von zehn Französinnen hätten Angst, wenn sie abends alleine unterwegs seien.

Mit Anfang 20 sei sie einem weiteren ganz konkreten Problem begegnet, das sie zur überzeugten Feministin gemacht habe: der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nach ihrem Studium in den Fächern Geografie, Kommunikation und Medien arbeitete Schiappa mit 24 Jahren in einer Werbeagentur und stellte fest: „Es schien so, als wäre Kinder zu haben für Frauen ein Problem und für Männer kein Thema.“

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