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Japan Hübsch aussehen und Tee servieren

Gehilfinnen und Gebärmaschinen – mehr sind Japanerinnen für Konservative nicht wert.

Als die Schauspielerin Tomoko Yamaguchi im vergangenen Jahr verriet, freiwillig kinderlos geblieben zu sein, hat das in Japan eine riesige Diskussion losgetreten. „Ich wollte ein Leben ohne Geburt“, hatte die 52-Jährige dem Magazin „Frau“ gesagt. „Die Ehe mit meinem Mann macht mich auch ohne Kind glücklich.“ Sie habe keine Lust auf ein Leben gehabt, in dem sich alles um den Nachwuchs und seine Erziehung dreht.

Ein Skandal, fanden Japans Konservative. Die Rocksängerin Eri Shibata fragte, „wie kinderlose Frauen die Gesellschaft anderweitig entschädigen können“. Ob eine Frau schwanger wird oder nicht, ist in Japan keine Privatsache, sondern eine hochpolitische Angelegenheit, in die Staatsräson und traditionelle Normen hineinspielen. Das Hauptproblem des Landes seien „Leute, die keine Kinder bekommen“, verkündete Finanzminister Taro Aso, ein Vertrauter von Premier Shinzo Abe. Andere konservative Politiker scheuen sich nicht, Frauen öffentlich „Maschinen zum Kinderkriegen“ zu nennen. Der vorige Gouverneur von Tokio hat die Lebensspanne von Frauen jenseits der Menopause als „sinnlos“ bezeichnet. Eine Rückkehr tradierter Frauenbilder, wie sie manche westliche Gesellschaft derzeit erlebt, ist in Japan gar nicht nötig: Es war und ist hier alles beim Alten.

Die Auswirkung dieser Haltung zeigt sich deutlich in zahlreichen Statistiken. Der Bericht zur Geschlechterungleichheit des World Economic Forum ordnet Japan weltweit auf Platz 111 ein, hinter Swasiland, Äthiopien oder muslimisch geprägten Ländern wie Malaysia oder Brunei. Dabei sind die japanischen Frauen in Ausbildung und Gesundheit Weltspitze. Doch die enttäuschende Zahl der Frauen in Führungsposition reißt Japan herunter. Deutschland, wo sicher auch nicht alles perfekt ist, kommt in der Rangliste auf Platz 13.

Die Gouverneurin von Tokio, Yuriko Koike, selbst eine Konservative, sieht das Hauptproblem darin, dass Frauen den Arbeitsplatz verlassen, bevor sie Erfolge vorweisen können. „Es ist schwer, das hierzulande zu ändern, denn die konfuzianische Denkweise ist in Japan tief verwurzelt.“ Der Mann auf der Arbeit, die Frau zu Hause – das sei immer noch das Urbild der Familie. Das sei einer an sich modernen Techniknation unwürdig, aber leider die Realität.

Es ist daher noch enorm viel zu tun für Premier Abe, der schon bei seiner Amtsübernahme versprochen hat, die Rolle von Frauen im Arbeitsleben zu stärken. Vor drei Jahren hat er nach einem Treffen mit Hillary Clinton sogar „Womenomics“ als Leitbild ausgerufen – das Kunstwort verbindet die englischen Worte für „Frau“ und „Wirtschaft“. Denn Studien zufolge kann Japan seine Wirtschaftsleistung enorm steigern, wenn Frauen dort ihr Potenzial entfalten könnten.
Abe verweist regelmäßig auf Fortschritte seiner Regierung, darunter einen steigenden Anteil an der Beschäftigung. Doch in den Chefetagen von Unternehmen haben Frauen weiterhin vor allem eine Rolle: den Tee zu servieren und dabei hübsch auszusehen. In Japan sind nur neun Prozent der Angehörigen des höheren Managements Frauen. Auf den Philippinen sind es 40 Prozent.

Ganz, ganz oben an der Spitze der japanischen Gesellschaftspyramide ist das Muster bereits vorgezeichnet. Nur Männer dürfen Kaiser werden. Politiker wie Aso verteidigen diese uralte Regel auch heute noch hartnäckig. Die Frage ist akut. Denn der Kronprinz hat eine Tochter, aber keinen Sohn. Statt nun das Gesetz zu ändern und die weibliche Thronfolge zuzulassen, wird der Titel vermutlich an einen Neffen des Kronprinzen gehen.

Männer wollen nicht helfen

Die japanische Gesellschaft zeigt hier ihr beinhartes Beharrungsvermögen. Doch auch die Ablehnung jeglicher Form der Einwanderung spielt eine Rolle. Die Geburtenrate in Japan liegt bei 1,4 Kindern pro Frau. Die Nation sorgt sich schwer darum, in den kommenden Jahrhunderten womöglich auszusterben. Da möglichst wenig Nichtjapaner auf den heiligen Inseln leben sollen, müssen Kinder her – ethnisch japanische Kinder. „Kinderkriegen ist Staatsräson geworden“, kommentiert die Zeitung „Japan Times“. „Es herrscht sozialer Druck, die Bevölkerung zu erhöhen.“

Wer da nicht nach der Geburt zu Hause bleibt und für die kostbaren kleinen Japaner sorgt, gilt als egoistisch. Den Beruf mit der Erziehung zu vereinen – auf die Idee kommt in Japan offenbar kaum einer. Denn die Männer wollen nicht mithelfen. „Die Institutionen stehen einer Balance von Familie und Beruf entgegen“, sagt Koike. „Männliche Kollegen und Vorgesetzte sehen arbeitende Mütter mit Geringschätzung.“

Spitzenpolitikerin Koike, die mit Tokio eine Präfektur mit 13 Millionen Einwohnern führt, sieht das Hauptproblem in der Undurchlässigkeit der Politik. Nur eine von zehn Parlamentsabgeordneten ist weiblich. Das mag auch etwas Eigenwerbung sein. Die japanische Presse sagt ihr Ambitionen nach, eines Tages selbst Premierministerin werden zu wollen. In Japan wäre das ein Novum.

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