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Israel Wählen allein reicht ihr nicht

Estee Shushan will auch mitreden. Und schart immer mehr ultraorthodoxe Frauen um sich, mit denen sie die Männerbastion religiöser Parteien in Israel knacken will.

Estee Shushan
„Uns ist bewusst, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.“ Aber Estee Shushan lässt sich nicht entmutigen. Foto: Inge Günther

Von übler Nachrede und wüsten Beschimpfungen lassen sie sich nicht beirren. Diese israelischen Frauen, die ultraorthodox sind und zugleich feministisch. Die aktive politische Teilhabe fordern, statt bei Wahlen brav ihr Kreuz hinter der Partei auf dem Stimmzettel zu machen, wie von dem Gemeinderabbiner empfohlen. Die sich nicht länger mit Küche, Kinderkriegen und Knochenjobs nebenher zufriedengeben, sondern die selber kandidieren wollen.

Dass dies ihr gutes Recht ist, hat ihnen im Sommer das Oberste Gericht in Jerusalem attestiert. Die Klausel in der Satzung religiöser jüdischer Parteien, wonach ausschließlich Männer als Mitglieder zugelassen sind, sei mit dem Gleichheitsgrundsatz unvereinbar, befanden die Richter. Die Männerwelt der Haredim, der schläfengelockten „Gottesfürchtigen“, reagierte mit einem Sturm der Entrüstung. Einer ihrer Wortführer, Rabbi Mordechai Neugroschel, verstieg sich gar dazu, die Frauenrechtlerinnen als verrückt hinzustellen. Sie litten an „einer Art Schizophrenie“ und bedürften psychiatrischer Behandlung.

„Uns ist bewusst, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben“, seufzt Estee Shushan. Vor sechs Jahren hat sie gemeinsam mit Estee Rieder-Indursky die gemeinnützige Organisation „Nivcharot“ gegründet, was so viel bedeutet wie weibliche Gewählte. Die beiden Vorkämpferinnen der Haredi-Frauen für Mitbestimmung und Gleichberechtigung sind selber streng religiös, aber couragiert genug, der in ihrer Gemeinschaft üblichen männlichen Bevormundung die Stirn zu bieten. „Wir sind die letzten Suffragetten der modernen Welt“, sagt Estee Shushan, 41 Jahre alt, Filmemacherin und Mutter von vier Kindern.

Sie ist gerade von einer Vortragstour durch die USA heimgekehrt, wo sie jüdischen Gemeinden von Nivcharot berichtet hat und wie das alles anfing mit ihrer Kampagne „No Voice, No Vote“. Auf Hebräisch lautet der Boykottaufruf „lo nivcharot, lo bocharot“, abgekürzt „LoNi-LoBos“. Soll heißen, solange ultraorthodoxe Parteien keine Frauen aufnehmen, bekommen sie auch nicht ihre Stimmen.

„Noch sind wir eine Minderheit, aber sie können uns nicht mehr ignorieren“, konstatiert Shushan selbstbewusst. Ihr attraktives Outfit, in dem sie die Besucher zu Hause in Petach Tikva, gelegen im Ballungsgebiet von Tel Aviv, empfängt, unterstreicht das. Ihr schwarzes Kleid bedeckt zwar die Knie wie unter den Strenggläubigen üblich. Aber ihr knallroter Lippenstift, farblich abgestimmt auf die Halskette, ist ein Hingucker wie auch die langmähnige Perücke, unter der sie den frommen Anstandsregeln entsprechend ihr Haupthaar verbirgt.

So sehr die patriarchalische Haredi-Gesellschaft, die gut elf Prozent der israelischen Bevölkerung ausmacht, wie aus einer anderen Zeit wirkt, ihre Frauen sind längst nicht mehr nur das Heimchen am Herd. Sie sind es, die in Fabriken, Hightech-Firmen und Schulen arbeiten gehen, um ihre meist kinderreiche Familie (die durchschnittliche Geburtenrate im ultraorthodoxen Sektor liegt bei 6,9 pro Frau) zu ernähren. Einige haben es auch zur Ärztin, Juristin oder Sozialwissenschaftlerin gebracht. Derweil sich viele ihrer Männer und Söhne ausschließlich der Religionslehre in der Jeschiwa widmen, wodurch allenfalls staatliche Sozialhilfe in die Haushaltskasse fließt. „Aber im politischen Leben wird so getan, als ob die Frauen nicht existent sind“, erregt sich Shushan.

Dagegen hatte ihre Organisation Nivcharot, unterstützt von 13 feministischen Gruppen, im Jahr 2015 Klage eingereicht. Auf Geheiß der Obersten Richter hat Agudat Yisrael, die führende Haredi-Partei, am 2. September auch den beanstandeten Passus ihrer Satzung gestrichen, wonach Frauen in ihren Reihen nichts zu suchen haben. Ein historischer Erfolg, wenngleich vorerst nur ein symbolischer. Denn der Rat der Thora-Weisen beeilte sich, zu erklären, an der Realität nichts ändern zu wollen.

Dabei hatten ihre Anwälte schon in dem dreijährigen Zivilprozess einräumen müssen, dass der Religionskodex – die Halacha, an die sich die Strengfrommen wie an ein göttliches Gebot halten – Frauen keine politische Teilhabe verbiete. Ihr Mitwirken sei lediglich aus Gründen der Tradition unangebracht. Es gehe also nicht um religiösen Tabubruch, sondern, so bringt es Estee Shushan auf den Punkt, „allein um Macht“. Für den öffentlichen Diskurs war das ein Augenöffner.

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