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„Identitäre Bewegung“ Rechtsextreme Grinsekatzen

Junge Frauen der „Identitären Bewegung“ inszenieren sich im Internet als wehrhafte Patriotinnen, die dem Feminismus abschwören.

Identitäre Bewegung
Die „Identitäre Bewegung“ gilt als Jugendbewegung, wird in der Politikwissenschaft jedoch als weitere Ausprägung des Rechtsextremismus eingestuft. Foto: imago

Wie sieht die klassische Nazibraut aus? Sie trägt Skinhead-Cut, Bomberjacke und Springerstiefel, um im Gleichschritt mit den Kameraden marschieren zu können. Sie provoziert, will erschrecken, und jeder Hitlergruß ist ein Gruß an die bürgerlichen Eliten.

Die „Identitäre Bewegung“ geht andere Wege. Sie gilt als Jugendbewegung, wird in der Politikwissenschaft jedoch als weitere Ausprägung des Rechtsextremismus eingestuft. Der Kampfslogan „Der große Austausch ist keine Mär“ ("Identitäre auf Facebook) behauptet explizit die existentielle Bedrohung des deutschen Volkes, weshalb die kulturelle „Reinhaltung“ der Gesellschaft als Ziel erklärt und das „Leiden unseres Volkes am Multikulturalismus“ (Identitäre Schwaben) angeprangert wird. Die „Identitären“ kommen mit betont jugendkulturellen Codes daher, und Extremismusforscher Alexander Häusler attestiert der Bewegung, alleine deswegen gefährlich zu sein, weil sie den Rassismus „modern und hip machen könnte“.  

Nicht nur modern, sondern auch für junge Frauen interessant, die vom Schmuddelimage der Skinhead-Szene abgeschreckt sind, aber für die „Reinhaltung“ des deutschen Volkskörpers dringend gebraucht werden, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Zum einen sorgen Frauen für ein besseres Image, wie es die Identitäre Schwaben in einem geleakten 55-seitigen Strategiepapier formuliert, die sich über „Bilder von kulturellen Veranstaltungen mit jungen Menschen (Frauen), mit,…, positiver Ausstrahlung“ mehr Zuneigung verspricht. Zum anderen kommt eine „nationalistische Opposition“ (Identitäre Schwaben) nicht ohne weibliches Personal aus, das eine entsprechende Rollenverteilung mitträgt.

Nun ist das identitäre Frauenbild eher 1933 als 2017, weshalb der Verein verschiedene Strategien anwendet, um für später Geborene attraktiv zu sein. So hat das „Compact“-Magazin unter Chefredakteur Jürgen Elsässer den Frauen ganz rechts außen, und insbesondere Vertreterinnen der IB,  im Februar das Titelthema gewidmet: „Jung. Wild. Patriotisch. Europas Töchter gegen die Islamisierung“ liefert neben einem Porträt über Marion Maréchal-Le Pen (Autor ist Alexander Markovics, Identitäre Wien) ein Interview mit „Mädels der Identitären Bewegung“, die sich über den „weiblichen Faktor in der neuen außerparlamentarischen Opposition“ äußern.

Aber zunächst zur Marine-Le-Pen-Nichte, deren wichtigste Eigenschaften im Teaser mit  „Radikalität und Charme“ zusammengefasst werden. Weiter erscheine die „heißkalte Französin“ wie ein Model: „Sie ist dezent geschminkt, ihr Kostüm lässt die Arme nackt. Coco Chanel?“, schwärmt der Identitäre und die Leserin könnte meinen, der Mann schreibt für die „Gala“. Tut er nicht, sondern präsentiert die rechtsextreme Le Pen „mit den langen blonden Haaren“ als neue Jeanne d‘Arc, als das schöne Gegenstück der „wilden Kopfabschneider“, die „heute die militanten Muslime“ seien. Dass sie neben ihrer Islamfeindlichkeit eine radikale Gegnerin der „Ehe für alle“ ist und die staatliche Unterstützung für Abtreibungszentren abzuschaffen gedenkt, unterstreicht ihren völkischen Auftrag und gleichermaßen die Rolle der Frau als Reproduktionstype, hebt sie jedoch als Frauenideal der radikalen europäischen Rechten hervor.   

Sicherlich ist sie auch Vorbild der IB-„Mädels“, die „traditionsbewusst aus Überzeugung“ insbesondere mit Feminismus „nix anfangen“ können. Der Schlachtruf „Frauen schützen, heißt Grenzen schließen“, lehnt sich an die behauptete flächendeckende Bedrohung der deutschen Frau durch Einwanderung und zeichnet das Bild der Weißen, die vor dem dunklen Eindringling mindestens deshalb verteidigt werden muss, um die Reinheit des Blutes nicht zu gefährden.

Die „Identitarian_Girls“, wie sie sich auf Instagram nennen, verschieben szenenanalog sexuelle Gewalt ausschließlich auf Einwanderer. Der deutsche Mann wird als „standhaft“ beschrieben, wobei in Punkto „Schlappschwänze“ die „systematische Erziehung zur Gewaltlosigkeit“ ihre Früchte trage, aber: „Dass die IB mental männlich dominiert ist, das will ich doch wohl hoffen: mannhaft!“Das klingt nach einer Neuauflage des Bunds deutscher Mädchen, was es im Kern auch ist – optisch jedoch gemahnen die Grinsekatzen-Bilder auf Instagram in einer Mischung aus kämpferisch und sexy eher an die adretten Studentinnen aus der Nachbarschaft. Melanie Halle, bekanntes IB-Gesicht, beispielsweise posiert im kurzen Kleidchen, perfekt gestylt und mit Baseball-Schläger in der Hand neben dem Slogan „Our City. Our Rules.“, womit sie ihrer eindeutig militanten Botschaft einen Glamour-Faktor unterjubelt. Dass sich Frauen generell gegen sexuelle Gewalt wehren müssen, ist hier gar nicht die Botschaft. Vielmehr wird eine ethnisch-kulturelle Vorherrschaft kommuniziert, die auch die Frau im Mini zu verteidigen gedenkt. Das geht selbstverständlich auch ohne tatsächliche Bedrohung, wenn zu den Inspirationsquellen „Germaninnen und Spartanerinnen“ zählen. Passt zwar nicht zum Outfit, positioniert sich aber deutlich gegen den „Genderquatsch“ und damit gegen einen modernen Feminismus, der für Gleichberechtigung jenseits patriarchaler Hierarchien eintritt.

„Meine Kindheit habe ich in einem Land verbracht, in dem man seine Barbie wie die Anne Frank verstecken musste“, beschwert sich eines der IB-„Mädels“ in „Compact“. Die Barbie als Vertreterin eines a-sexuellen Frauenideals mit Anne Frank auch nur in einen Satz zu packen, zeugt schon von beeindruckender Geschichtsvergessenheit. Und selbstverständlich davon, dass sich die modernen rechten Frauen schlicht dem Männerideal als adrette Bettkameradin unterordnen, die ihm zu Ruhm und Ehren verhilft. „Ich bin sicher kein Heimchen-Typ, …. Aber ich finde es gut, wenn sich Frauen auch hauptsächlich ihren Kindern widmen“, was sie vermutlich zuhause im Heim tun, während er jagen geht. Dagegen ist nichts einzuwenden, das Problem ist vielmehr das rückwärtsgewandte Rollenverständnis, das die Deutungshoheit auf Basis von rassistischem Herrschaftsdenken für sich beansprucht. Es ist das hippe, weibliche Gewand der alten Parolen, die sie so gefährlich machen.

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