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Hausfrauen Hippes Heim, Glück allein

Die Töchter der frauenbewegten Babyboomerinnen verwirklichen sich in der Rolle der kreativen Hausfrau.

Elvira Bach: Alltägliche Krone
Elvira Bach: Alltägliche Krone, 1999. Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Instagram ist besser als Bullerbü. Der Holzboden glänzt. Auf der Fensterbank sprießt Kresse. Die Retro-Marmeladengläser passen zur altrosa Tapete. Ein kleiner Junge in Eulen-Pluderhose kuschelt sich in einen eiförmigen Sessel. Seine schöne Mutter reckt ihr Bein derweil beim Yoga sehr weit nach hinten. Hashtag: #widn, kurz für „What I’m doing now“. Familienidylle fotografieren: Was man halt so macht an einem Dienstagvormittag.

Die Welt ist schön. Vielleicht nicht draußen vor der Haustür. Dafür dahinter. Auf Facebook, Instagram, Pinterest, Twitter und in Blogs zeigen Mütter (Väter eher nicht), wie unglaublich gutaussehend das Leben mit Kindern ist. Sie nennen sich „Hauptstadtmutti“, „Frau Mutter“, „Blogprinzessin“ oder „Stadtlandmama“.

Den Namen „Baby, Kind und Meer“ trägt die Domain der 1986 geborenen Kieler Autorin Marisa Hart. Kindundmeer.de ging kurz nach der Geburt ihrer zweiten Tochter online. Ihr Mann arbeitet als Schiffsbauingenieur. Das Blog, schreibt Hart, strukturiere ihren Alltag. Mal backt sie Muffins, mal bemalt sie mit den Kindern ein Vogelhaus. Immer schreibt sie darüber: „Mein Mann arbeitete. Lotte und ich nutzten die Zeit für ein paar Glitzer-Tattoos.“ Wer will das wissen? 200 000 Menschen pro Monat klicken die Endlos-Homestory an. In kaum einem der etwa 2000 deutschen Mütter-Blogs findet sich auch nur ein Spurenelement dessen, was gemeinhin für einen elementaren Teil der Gesellschaft gehalten wird: Politik und Wirtschaft.

„Tante Erna“ oder „Suesse_Rebellen“ heißen die Shops auf der Internetplattform Dawanda. Es gibt in ihnen die Wickeltasche „Käthe“ oder das Wandtattoo „Elfen im Wald“ zu kaufen. Frauen führen acht von zehn Dawanda-Shops, die Mehrheit habe Kinder zu Hause, sagt Firmensprecherin Ina Froehner. Ein an Herd und Nähmaschine zelebrierter Rückzug ins stylische Private. In schöne Wohnungen, die ein Hauch von dem durchweht, womit Kinder des linksalternativen Bürgertums in Westdeutschland groß wurden: Hippie-Ästhetik, Holz, Ökologie, Pippi-Langstrumpf-Frohsinn und Kapitalismuskritik. Alles ein bisschen vegan, fair, regional, und schwupp, ist die Sinnfrage beantwortet.

Das Netz ist voll von Bloggerinnen um die 30, die das Lebensmodell der Hausfrau propagieren: „Ich bin wirklich gerne zur Arbeit gegangen. Ich bin aber noch lieber Mutter, das Wichtigste für mich ist, dass es unserem Wurmi gut geht“ (tatsaechlich-familie.de). Hippes Heim, Glück allein? Woher kommt diese Annäherung an eine Rollenverteilung, wie sie in den 1950ern üblich war? In einer Zeit, in der Frauen ohne Erlaubnis ihres Mannes nicht arbeiten gehen durften?

Die Generation der Millennials hat es schwer, sich beruflich zu etablieren. Der Rückzug auf sicheres Terrain ist ein Weg, darauf zu reagieren. Familienidyll statt Konferenztisch. Und irgendwo müssen Intelligenz, Kreativität und Geltungsdrang ja hin. Das Internet macht es möglich. Teilzeitmodelle hindern Arbeitnehmerinnen außerdem zu oft, wirklich qualifizierte Aufgaben zu übernehmen. Das häusliche Hipstertum gehört dabei ins Besserverdienenden-Milieu. Ein Einkommen oder zwei? Eine Frage, die sich für die Kassiererin und den Mechatroniker kaum stellt.

Kreative Sinnsuche muss man sich leisten können. Wer in der Fabrik steht, näht abends keine Eulenhose. Und in Bullerbü waren Männer und Frauen dafür wohl auch zu beschäftigt.

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