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Frauenrechte Darf’s ein bisschen militanter sein?

Feministische Streitlust: Braucht die Frauenbewegung wieder mehr Militanz?

Frauenrechte
Die Vorkämpferinnen: Suffragetten demonstrieren im Mai 1906. Foto: dpa

Sie bespuckten Polizisten, zerschlugen Fensterscheiben, schütteten Säure in Briefkästen und kappten Telegrafenkabel: Die britischen Suffragetten kämpften auch mit Gewalt für das Frauenwahlrecht. Viele kamen ins Gefängnis, wo die Verhältnisse fürchterlich waren. Bei Hungerstreiks wurden sie zwangsernährt, unter verheerenden hygienischen Bedingungen. Und zumindest eine, Emily Wilding Davison, war sogar bereit, für die Sache zu sterben: Sie warf sich bei einem Derby aus Protest vor das Pferd des Königs. 

Heute scheinen feministische Aktionsformen vergleichsweise brav. Wir tragen T-Shirts mit Zitaten von Beauvoir, demonstrieren für die Abschaffung des § 219a, spenden für Online-Kampagnen und wählen nach frauenpolitischen Gesichtspunkten. 

Reicht das? Oder braucht die Frauenbewegung wieder mehr Militanz? Immerhin gibt es heute überhaupt wieder eine sichtbare Frauenbewegung. Vor zehn, 15 Jahren schien Feminismus noch komplett ausgestorben. Die Welt verstand sich als „postgender“, und eine ganze Generation von Frauen war überzeugt, das leidige Thema mit den Geschlechtern hinter sich gelassen zu haben. Aber dann häuften sich die Enttäuschungen. Die nachhaltig stereotype familiäre Rollenverteilung. Der Rückgang des Frauenanteils in den Parlamenten. Fehlende Diversität in Institutionen und Konzernen. Der Rosa-Hellblau-Terror im Marketing. 

Revolution im Alltag 

Enttäuschungen, die sich über längere Zeit anhäufen, führen früher oder später zu Wut. Auch die Militanz der Suffragetten war ja nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern das Ergebnis von über hundert Jahren erfolglosen Streitens: Olympe de Gouges hatte schon 1791 die Rechte der Frau und Bürgerin verfasst, Frauenrechtlerinnen seit Jahrzehnten argumentiert, diskutiert, Lobbyarbeit gemacht. Aber ohne den Konflikt zuzuspitzen, schien sich nichts zu bewegen.

Die Geschichte der weiblichen Freiheit entfaltet sich leider nicht von alleine, sondern Errungenschaften sind eben genau das: Sie müssen „errungen“ werden. In den vergangenen Jahrzehnten konnten wir uns in Europa, umgeben von Gleichstellungsstellen und Gender-Mainstreaming-Programmen, in dem Glauben wiegen, Emanzipation sei keine Frage der Prinzipien mehr, sondern nur noch eine der Umsetzung. Aber jetzt sind plötzlich wieder Bewegungen im Aufwind, die eine offensiv antifeministische Agenda verfolgen.

Der Kampf geht also weiter. Aber er muss heute anders aussehen als vor hundert Jahren. Formale Rechte und Gleichstellungspolitik allein reichen offenbar nicht aus, um 4000 Jahre Patriarchat zu verdrängen, wir brauchen auch eine Revolution im Alltag. Genau darum ging es bei den jüngsten feministischen Kampagnen von #aufschrei bis #metoo: Um die kleinen sexistischen Beiläufigkeiten, mit denen unsere Kultur durchzogen ist, und die – weit unterhalb der Grenze der Justiziabilität – die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nachhaltig vergiften. Statt eines klaren Kampfes zwischen Frauen und Männern oder Frauen und „dem Patriarchat“ gilt es heute, komplexere Diskriminierungsverhältnisse zu durchschauen. Und immer klarer wird, dass es im Feminismus um die ganze Welt geht und nicht nur um „die Situation der Frau“. 

Feminismus ist überall

Vielleicht kann man sagen, dass sich die Kampfzone ausgeweitet hat. Feminismus ist kein abgrenzbares Thema mehr, kein Unterkapitel im menschlichen Freiheitskampf, sondern er ist überall. Es gibt kein gesellschaftliches Problem, das sich ohne feministisches Handwerkszeug lösen ließe. Es gibt keinen Bereich unserer Kultur, bei dem Feministinnen verzichtbar wären. Große Demonstrationen und öffentliche Aktionen sind nach wie vor wichtig, weshalb auch Aktivistinnen derzeit einen deutschlandweiten Frauenstreik am 8. März 2019 vorbereiten. Genauso wichtig ist es aber, dass jede Einzelne von uns – Männer und andere Geschlechter sind mitgemeint – bereit ist, im Alltag feministische Positionen zu vertreten und zu verteidigen. Und das heißt: Konflikte auszutragen, sich unbeliebt zu machen, Risiken einzugehen.

In der Auseinandersetzung mit männlichem Revoluzzerheldentum haben wir gelernt, dass der größte Brüller nicht immer auch tatsächlich der radikalste Kämpfer ist. Und nicht alle bezahlen denselben Preis, wenn sie gegen Regeln verstoßen. Es ist kein allgemeingültiges Ideal, sich vor Pferde zu werfen und für die Sache zu sterben – das ist lediglich eine Möglichkeit, eine sehr traurige dazu. Es gibt viele andere Wege, radikal und kämpferisch zu sein, an jedem Ort und in jeder Position. Worauf es dabei ankommt ist nur, den Einfluss, den man hat, auch tatsächlich zu nutzen und auszureizen. Und nicht vorher schon nachzugeben. 

Vielleicht ist ja genau das der Grund, warum es feministische T-Shirts gibt: Sie fungieren als Bekenntnis im Alltag. Wer eins trägt, signalisiert: Ich bin bereit zum Konflikt. Ich bin bereit, über Dinge zu streiten. Ich halte nicht den Mund, sondern ich sage, was falsch läuft. Ich nehme die Dinge nicht hin, wie sie sind, sondern ich versuche, sie zum Besseren zu verändern. Mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen, mögen sie nun groß sein oder klein. 

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