Lade Inhalte...

Frauenclubs Schlecht vernetzt

Wenn Frauen überhaupt Seilschaften bilden, sind sie wenig zielstrebig - und wenig loyal.

Spiegelung einer Frau
„Netzwerken darf zwar keine Erwartungshaltung haben, aber es sollte zielgerichtet und strategisch sein, und da haben Frauen noch großen Nachholbedarf“, findet Petra Polk. Foto: Imago

Als Merle Röther* vor drei Jahren dringend einen neuen Job brauchte, fiel ihr diese nette Frau ein. Andrea, so hieß sie, war die Freundin einer Kollegin, mit der Röther abends manchmal ein Bier trank. Einmal war auch Andrea dabei gewesen. Sie arbeitete bei einer Agentur, die, wie sie erzählte, ständig neue Mitarbeiter suchte. Merle Röther rief Andrea an, die vermittelte ihr ein Vorstellungsgespräch. Es lief gut; jetzt sind die beiden Kolleginnen. 

Merle Röthers schneller Weg zum neuen Job zeigt beispielhaft, wie viele Frauen ihre Karriere angehen: Sie lassen Zufall und Sympathie entscheiden. Ein vorausschauend geknüpftes Netz aus belastbaren Beziehungen, an dem es sich höher und höher klettern und Halt finden lässt, ist nicht die Regel. 

Eine Blitzumfrage unter Freundinnen bestätigt diesen Schluss. Die eine nennt sich selbst „eine grottige Netzwerkerin“. Natürlich verabrede sie sich hin und wieder mit mehr oder weniger wichtigen Kollegen zum Mittagessen, „aber die sortiere ich eher nach dem Sympathie-Aspekt als nach dem Nutzen-Kriterium“, sagt sie. Eine andere findet gar, netzwerkende Frauen handelten im Vergleich zu Männern „unkoordinierter, im schlimmsten Fall auch illoyaler – oder auf Weisung von einem männlichen Alphatier“. 

Hart ins Gericht mit ihren Geschlechtsgenossinnen geht auch Coachin Monika Scheddin. Oft fehlten die Ziele, urteilt die Autorin des Buches „Erfolgsstrategie Networking“. „Viele Frauen lassen gern andere Menschen oder die Umstände für sich bestimmen.“ Scheddin hat die Erfahrung gemacht, dass „Frauen erst netzwerken, wenn die Schmerzgrenze erreicht ist. Wenn der Job weg ist oder sie keine Kunden mehr haben.“ Und das sei natürlich nicht der Moment, in dem sie „brillieren“ könnten. Dabei hält Scheddin Frauen für die besseren Netzwerker – weil sie ein großes Interesse an Menschen hätten und reflektierter seien.

Klischees? Stereotype? Mit Sicherheit. Aber offenbar auch Teil der Wahrheit. Sagt zumindest Petra Polk, auch sie eine Frau aus der Praxis. „Netzwerken darf zwar keine Erwartungshaltung haben, aber es sollte zielgerichtet und strategisch sein, und da haben Frauen noch großen Nachholbedarf“, findet Polk, die als Beraterin, Rednerin und Autorin („Like“) arbeitet. Frauen trauten sich nicht, zu fordern, auszusprechen: ich möchte in diese und diese Position. „Sie nehmen sich gern zurück, machen sich klein.“ Beziehungen knüpften Frauen zu oft noch in eingeschränkten Kreisen, ihrer Region, ihrer Branche. Sie sollten offener sein, wünscht sich Polk – und von Männern lernen. „Männer fördern Männer, aber Frauen fördern Frauen sehr selten, ziehen sehr selten andere Frauen mit hoch“, hat sie beobachtet. Aus Neid, glaubt Polk, und wegen der Angst, benachteiligt zu werden. Männer seien in dieser Hinsicht loyaler.

Warum Männer eher als „Seilschaften“ kooperieren, erklärt die Wissenschaftlerin Beate Kortendiek. „Männer beziehen sich auf Männer, weil sie sich ähnlich sind – Geschlecht ist hier das zentrale Kriterium“, sagt die Mitherausgeberin der Studie „Netzwerke – im Schnittfeld von Organisation, Wissen und Geschlecht“. Ähnliche Prozesse gebe es zwar auch bei Frauen. „Der wesentliche Unterschied besteht aber darin, dass Frauen bisher in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft marginalisiert sind und weniger Macht und Einfluss haben.“ Unstrittig ist in der Forschung, dass Frauenbünden meist eine relevante Anzahl an Alpha-Mitgliedern fehlt – Frauen in Machtpositionen also, die andere mit nach oben ziehen oder messbare Vorteile für die übrigen Frauen im Netzwerk erreichen können. 

Dieses Problem haben Männer nicht. „Männerclubs sind zwar rhetorisch manchmal offen gegenüber Frauen, aber in der Praxis tun sie natürlich eher etwas für ihr eigenes Geschlecht“, bestätigt Anne Schlüter, Professorin für Weiterbildung und Frauenbildung an der Universität Duisburg/Essen. Frauen müssten begreifen, was Konkurrenz bedeutet, sagt die langjährige Sprecherin des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung Nordrhein-Westfalen, Netzwerke seien ja eine Reaktion darauf, dass es Konkurrenz gebe. „Man sagt, wenn wir uns zusammenschließen, sind wir auch konkurrenzfähig genug gegenüber anderen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen