Lade Inhalte...

Frauen in Führungspositionen „Frauen bekommen nicht die Möglichkeit, an ihre Grenzen zu gehen“

Elisabeth Kelan, Professorin für Management, spricht über systematische Diskriminierung und den dringend nötigen Generationswechsel in den Chefetagen.

Business-Frau in London
„ Ich glaube, viele junge Frauen verstehen nicht, dass sich das Spiel ändert, wie man Karriere macht“, sagt Elisabeth Kelan. Foto: rtr

Bessere Entscheidungen treffen, niemanden ausgrenzen und bestehende Strukturen verändern: Management-Expertin Elisabeth Kelan weiß genau, welche Eigenschaften künftige Chefs haben sollten. Dazu forscht sie seit Jahren, vor allem in großen Unternehmen und Organisationen. Eine Erkenntnis: Gerade junge Frauen wollen ungleiche Behandlung nicht wahrhaben.

Frau Kelan, wie sprechen Frauen über den Posten im Aufsichtsrat?
Bei meiner Forschung in England habe ich festgestellt, dass Frauen sich oft als Außenseiterinnen wahrnehmen. Gleichzeitig arbeiten sie stark daran, um in die wichtigen Netzwerke hineinzukommen. Dabei gehen sie auch ganz strategisch vor und haben zum Beispiel Tabellen, in denen steht, wen sie noch kontaktieren müssen, um eine Aufsichtsratsposition zu bekommen. Bei den Männern ist es so, dass sie schon in den wichtigen Netzwerken sind. Man trifft sich in einem privaten Club, trinkt sein Glas Whiskey und plötzlich hat man einen Posten im Aufsichtsrat.

Warum wollen einige Unternehmen Frauen nicht fördern?
Viele Menschen denken, dass die Gleichstellung schon lange erreicht ist. Frauen können jetzt alles machen, was sie wollen – so die Annahme. Auch die Frauen selbst sagen, dass sie nicht benachteiligt werden. Das ist vor allem Selbstschutz: Es ist schwierig motiviert zu bleiben, wenn man eine Arbeitsstelle hat, bei der man sich benachteiligt fühlt. Einfacher ist es zu denken, dass es die eigene Schuld ist und man einfach nicht gut genug war – anstatt zu sagen, dass es ein systematisches Problem gibt, das man angehen muss.

Dafür haben Sie den Begriff „gender fatigue“ geprägt. Warum geben Menschen denn heute nicht zu, dass es immer noch Stereotype gibt?
Frauen haben zwar heutzutage mehr Möglichkeiten als früher – und Männer auch. Aber vieles hat sich nicht schnell genug mitverändert. Ich denke, deshalb haben viele Menschen den Eindruck, dass doch schon alles versucht wurde, und sie verstehen nicht, warum es da immer noch ein Problem geben soll. Es ist unangenehm, wenn man merkt, dass es nach wie vor Ungleichbehandlung gibt.

Entsteht ein neues Problem, indem Frauen strukturelle Ungleichheit nicht mehr als solche wahrnehmen?
Oft es ist so, dass Frauen im Studium besser abschneiden als Männer. In den Forschungsinterviews sagten Frauen mir oft, dass sie gar nicht verstehen, dass ein Mann schon zwei Schritte weiter ist in seiner Karriere – derjenige habe seine Sache doch meist nicht sehr gut gemacht. Ich glaube, viele junge Frauen verstehen nicht, dass sich das Spiel ändert, wie man Karriere macht. Es geht nicht mehr nur darum, dass man die Beste in der Klasse ist, sondern dass man die richtigen Personen kennt. Oftmals können die Frauen aber nicht benennen, was das Problem ist. Deshalb ist es wichtig, dass junge Frauen eine Sprache entwickeln, um darüber zu sprechen.

Wo fangen denn für Frauen die Probleme in der Karriere an?
In der Forschung sind wir davon ausgegangen, dass es eine große Barriere gibt, die Frauen durchbrechen müssen und dann haben sie nie wieder Probleme. Mittlerweile ist klar, dass das nicht so ist. Das Standardthema sind Kinder – sie sind immer schuld, dass Frauen nicht Karriere machen. Unsere Forschung zeigt etwas anderes: In der akademischen Welt und in der Privatwirtschaft sind es Männer mit Kindern, die Karriere machen. Dann folgen Männer ohne Kinder und auf den letzten Plätzen folgen Frauen mit und ohne Kinder. Wenn es also nur um Kinder ginge, dann würden Frauen so schnell Karriere machen wie Männer. Das ist aber nicht der Fall. Kinder sind nicht das einzige Problem.

Was meinen Sie damit?
Wir wissen, dass Frauen Führungspositionen nicht angeboten bekommen, weil sie nicht die richtigen Qualifikationen haben. Für diese Stellen, etwa in internationalen Organisationen, muss man Auslandserfahrung vorweisen, Weiterbildungen zum Thema Führungskräfte gemacht und sehr anspruchsvolle Aufgaben gemeistert haben. Von diesen drei Qualifikationen haben Frauen am wenigsten. Sie werden nicht einmal gefragt, ob sie überhaupt international tätig sein wollen. Außerdem bekommen Frauen nicht die Möglichkeit, an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu gehen – weil die Verantwortlichen denken, dass sie das nicht schaffen würden. Es gibt also nicht die eine große Diskriminierung, sondern es sind viele kleine Verletzungen, die Frauen über die Zeit erfahren – deshalb ziehen sie die Möglichkeit des Aufstiegs gar nicht mehr in Erwägung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum