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Emanzipation Kampf gegen die klassische Rollenverteilung

Damit Politikerinnen in ukrainischen Medien nicht weiterhin auf ihr Aussehen reduziert werden und Schulbücher alte Rollenbilder verfestigen, kämpft die Journalistin Iryna Slawinska für eine gerechtere Sprache.

Iryna Slawinska
Fürs Foto ein zaghaftes Lächeln: Ansonsten ist Iryna Slawinska nicht zum Lachen zumute. Nicht, solange der größte Teil der Ukrainer Alltagssexismus und sexistische Medienberichte achselzuckend hinnimmt, wie sie sagt. Foto: Pauline Tillmann

Iryna Slawinska geht mit schnellem Schritt voraus. Ihr Büro befindet sich auf der Prachtmeile von Kiew, Kreschatyk Nummer 36. Das ist eigentlich die Hausnummer des staatlichen ukrainischen Rundfunks. Allerdings hat das, was Iryna Slawinska tut, wenig mit Staatsfunk zu tun. Die 30-Jährige arbeitet für „Hromadske Radio“, eine unabhängige Nichtregierungsorganisation, die während der Proteste auf dem Maidan vor vier Jahren von einer Handvoll bekannter Journalisten gegründet wurde. Beim staatlichen Rundfunk mieten sie ein paar Räume im Erdgeschoss.

Durchschlagenden Erfolg hatte „Hromadske“ während der Proteste vor allem mit permanenter Live-Berichterstattung. Plötzlich hatten die Zuschauer und Zuhörer nicht mehr das Gefühl, nur gefilterte Informationen zu bekommen, sondern das wahre Bild. Zeitgleich mit der Radiostation wurde auch ein Fernsehsender gegründet, der sich allerdings in einem anderem Stadtteil befindet. Beide arbeiten weitgehend unabhängig, betont Iryna Slawinska. Grundsätzlich sei die Unabhängigkeit das wichtigste Merkmal von „Hromadske“: „Unsere Organisation gehört keinem reichen Oligarchen sondern den Menschen, die für sie arbeiten.“

Das bringe viel Verantwortung mit sich, aber eben euch eine Menge Freiheiten. Freiheiten, von denen Journalisten in anderen ukrainischen Medienhäusern nur träumen können. Auch wenn es keine regelmäßigen Anrufe vom Eigentümer gebe, so herrsche oftmals doch eine „Schere im Kopf“. Man kann es auch schlicht Selbstzensur nennen. Bei „Hromadske“ gibt es dagegen keine Agenda, keine klare politische Ausrichtung. Finanziert wird es durch Crowdfunding sowie ausländische Stiftungen und Botschaften.

Seit vier Jahren arbeitet Iryna Slawinska beim Radio. Davor hat sie an der Linguistischen Universität in Kiew studiert und einen Master in französischer Literatur gemacht. 2009 war sie fertig mit Studieren und hat zunächst als Übersetzerin gearbeitet. Parallel dazu hat sie Literaturkritiken für ihren Blog geschrieben, später für das unabhängige Onlinemedium „Ukrainiskaja Prawda“.

„Eigentlich wollte ich nicht in den Journalismus, sondern unterrichten. Nach dem Studium habe ich auch als Dozentin an der Universität gearbeitet, habe aber schnell gemerkt, dass das nicht meins war“, so die 30-Jährige rückblickend. Die beiden Hauptprobleme: zu geringes Gehalt und zu große Abhängigkeit. Das Durchschnittseinkommen in der Ukraine beträgt 250 Euro. Journalisten verdienen etwas mehr. Reich werden sie trotzdem nicht. Deshalb gehen viele, die gut ausgebildet sind und mehrere Sprachen können, ins Ausland.

Für Iryna Slawinska keine Option. Schließlich werde sie in ihrem Heimatland gebraucht – unter anderem bei der Kampagne „Povaha“, übersetzt Respekt. Auf der Webseite povaha.org.ua berichten eine Handvoll Frauen über Sexismus in den ukrainischen Medien und in der Politik. Iryna ist eine davon. Seit 2004 bezeichnet sie sich als Feministin: „Damals war das noch eine Beleidigung, die Leute fühlten sich allein durch den Begriff provoziert.“ Vor sechs Jahren gab es schließlich eine Reihe von Frauen, die sich öffentlich zum Feminismus bekannten und anfingen in Kiew publikumswirksame Veranstaltungen und Diskussionsrunden zu organisieren.

Die Community und der Kreis der Unterstützter – darunter auch immer mehr Männer – wachsen weiter, aber die verbale Gewalt ist nach wie vor hoch. Das fängt mit sexistischen Bemerkungen im Alltag an und hört bei Überschriften wie „Sex-Bomben im ukrainischen Parlament“ in den Medien nicht auf. Nur drei Ministerposten sind mit Frauen besetzt, der Anteil der weiblichen Abgeordneten liegt bei zwölf Prozent und ist damit deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern.

Iryna Slawinska sagt, der Zugang zu Politik sei für Frauen deutlich schwieriger. So würden sie meist erst gar nicht bei Wahlen aufgestellt werden. Wenn sie doch antreten möchten, müssen sie das aus eigener Tasche bezahlen. Der Grund: „Männer holen vor allem andere Männer nach“, so die Aktivistin. Deshalb ist eine der Hauptforderungen von „Povaha“ eine Quote von 20 Prozent bei der nächsten Parlamentswahl 2019.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ukraine

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