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Emanzipation In Zukunft ohne Frauenbilder

Der moderne Feminismus will nicht die Lage von einigen Frauen verbessern, sondern die ganze Gesellschaft.

08.03.2017 18:41
Von Antje Schrupp
Elvira Bach: Gärtnerin aus Liebe
Elvira Bach: Gärtnerin aus Liebe, 2008 Foto: vg bild-kunst, bonn 2017

Die Demokratie wird feministisch sein. Oder sie wird sterben. Die radikaleren Strömungen des Feminismus haben immer darauf bestanden, dass das Ziel nicht sein kann, für Frauen ein größeres Stück vom Kuchen zu erobern. Sondern dass es darum geht, einen anderen Kuchen zu backen.

Wir brauchen keine fünfzig Prozent Frauen in Aufsichtsräten oder auf hohen Managementposten, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse ansonsten so ungerecht bleiben, wie sie sind. Es wäre kein Fortschritt, wenn Männer ebenso viel Care-Arbeit leisteten wie Frauen, dafür aber genauso schlecht bezahlt und wenig wertgeschätzt würden. Ungerechtigkeiten gleichmäßig auf alle zu verteilen, ist kein sinnvolles politisches Ziel.

Maßnahmen wie Quoten oder Gender-Mainstreaming, die ja im Feminismus entwickelt worden sind, waren immer ein Versuch, die Verhältnisse insgesamt zu verbessern und nicht nur die Situation von (einigen) Frauen. Aber ihre Bilanz ist durchwachsen. Manches hat sich tatsächlich verbessert, aber oft hatten diese Maßnahmen auch den Nebeneffekt, speziell solchen Frauen zu Einfluss zu verhelfen, die von ihren individuellen Vorlieben her gut in das bestehende System hineinpassen. Frauen, die nicht ins Raster passen und etwas verändern wollen, haben es mit Quote genauso schwer wie ohne.

Was die Menschen jetzt unter dem Banner des Feminismus auf die Straße bringt, ist deshalb nicht die verpasste Chance, endlich mal eine Frau als Präsidentin von Amerika zu haben. Sondern es ist die Notwendigkeit, dafür zu sorgen, dass unsere Gesellschaften nicht in einen immer stärkeren Sog aus Nationalismus, sozialer Kälte und Reichen-Egoismus geraten.

In einer Zeit, in der linke Bewegungen eher kraftlos und desorientiert wirken, während Rechte und extrem Rechte in den Parlamenten und auf den Straßen immer lauter werden, erweist sich die Frauenbewegung als auf eine Weise kampagnenfähig und integrativ, die ihr wohl nur wenige zugetraut hätten.

Es ist deshalb kein Zufall, dass sich auch die rechtspopulistischen Gegenkräfte unter diesem Label zusammenfinden: Sie positionieren sich explizit als „antifeministisch“ und versuchen, genau daraus politisches Kapital zuschlagen.

Dabei geht es nicht einfach um den Streit zwischen einem „konservativen“ und einem „fortschrittlichen Frauenbild“. Sondern es geht um die Frage, wozu wir überhaupt noch „Frauenbilder“ brauchen. Frausein – und das ist die Herausforderung, die der Feminismus für herkömmliche Denkmuster bedeutet – ist nämlich nichts anderes als Menschsein. Nur eben mit allen spezifischen Erfahrungen, die Frauen machen. Menschsein bedeutet Schwangerwerdenkönnen, Menschsein beinhaltet die Gefahr, vergewaltigt zu werden, Menschsein heißt, Care-Arbeit für Kinder oder Pflegebedürftige zu übernehmen. Frauen sind Menschen. Ihre Perspektiven sind zentral. Alle ihre vermeintlich „besonderen“ Themen sind Menschheitsthemen. Die Normalität des Männlichen ist abgeschafft. Frauen bespielen keine „Rollen“ und füllen keine „Bilder“ aus, sondern sie stellen sich und ihresgleichen ins Zentrum des Geschehens. In all ihrer Unterschiedlichkeit.

Das ist der Kulturstreit, um den es momentan geht. Und während sich die Rechten dabei klar als „antifeministisch“ positionieren, weil sie die alten Normalitäten und Gewissheiten erhalten wollen, ist unter den Linken die Sache noch nicht ganz ausgemacht. Eine ganze Reihe von ihnen, ob Gewerkschafter, Umweltschützer oder Netzaktivisten, finden sich inzwischen unter dem Banner der Frauenbewegung ein. Sie verstehen sich selbst als feministische Männer. Aber es gibt auch viele andere, von Bernie Sanders bis Martin Schulz, die das Thema weiterhin aussparen. Die nicht erkannt haben, dass sich an ihrer Haltung zum Feminismus entscheidet, ob sie eine hilfreiche Rolle in den anstehenden Auseinandersetzungen spielen können. Viele linke Männer halten Feminismus noch immer für etwas Unwichtiges, sie belassen es bei Lippenbekenntnissen und wohlfeilen Sprechblasen, interessieren sich aber nicht wirklich dafür. Manche haben sogar dem Feminismus die Schuld an Trumps Sieg gegeben: Feministinnen hätten zu viel gewollt, die falschen Prioritäten gesetzt, sich in abstruse Nebendebatten über Sprachtheorien und unverständliche Buchstabenkombinationen à la LGBTQIIA-was-auch-immer verheddert, während die „ganz normalen Menschen“ andere, echtere, handfestere Probleme hätten.

„Der Widerstand erhebt sich – wie ein Marsch zur Bewegung wird“, so titelte im Februar das amerikanische „Time“-Magazine. Auf dem Cover die schlichte Abbildung einer pinken Strickmütze mit abstehenden Öhrchen, ein „Pussyhat“, wie ihn viele bei den großen Demonstrationen ein paar Tage zuvor getragen hatten. Dem Aufruf amerikanischer Feministinnen zu Märschen für Menschenrechte und demokratische Werte, gegen Sexismus und gegen Rassismus, waren mehrere Millionen Menschen gefolgt. Es waren die größten Demonstrationen, die es jemals in den USA gegeben hat. Der ironische pinke Katzenhut, der zu ihrem Symbol wurde, spielte auf Donald Trumps „You can grab them by the pussy“-Satz an – „Pussy grabs back“ entgegneten die Demonstrantinnen: Wir Frauen lassen uns das nicht gefallen.

So weit, so üblich. Aber etwas war anders als sonst. Das feministische „Wir“ war diesmal nämlich keines, das sich allein auf Frauen bezog. Bei den weltweit über 600 Frauenmärschen des 21. Januar 2017, egal ob in Washington, Frankfurt oder Antarctica, versammelten sich alle, die für ein linkes, freiheitliches, progressives Gesellschaftsprojekt eintreten. Nicht nur Frauen aus unterschiedlichen Milieus, Szenen, Kulturen, sozialen und religiösen Communitys. Sondern Menschen jeglichen Geschlechts. Unter dem Banner des Feminismus.

Dass sich breiter gesellschaftlicher Protest ausgerechnet unter dem Dach der Frauenbewegung organisiert, ist überraschend. Bisher galt Feminismus eher als etwas, das nur die Frauen betrifft. Doch nun wird klar: Feminismus geht nicht nur alle etwas an, er kümmert sich auch um alles. Angekündigt hatte sich das schon bei den Czarny-Protesten vorigen Herbst in Polen, wo ein starkes und breites Bündnis von Feministinnen eine weitere Verschärfung des Abtreibungsverbots verhindern konnte. Auch hier war ein klassisches „Frauenthema“ der Auslöser, aber die Proteste wurden schnell zur Plattform aller liberalen, weltoffenen Kräfte, die mit der rechtskonservativen Marschrichtung in Polen nicht einverstanden sind.

Und so geht es weiter: Die Amerikanerinnen rufen für den 8.  März zu einem Streiktag auf. In der Schweiz hat sich unter dem   Motto „We can’t keep quiet“ ein breites feministisches Bündnis gebildet, das sich mit den weltweiten Aktionen solidarisiert. In Deutschland ging vor einigen Tagen mit ähnlichen Absichten die Internet-Plattform feministischesnetzwerk.org  online. Sie will feministische Aktivitäten zum 8. März, aber eben auch darüber hinaus, bündeln. Alle diese Initiativen haben sich Grundsätze und Leitlinien gegeben, die für eine gerechte Welt generell und für alle Menschen eintreten. Ja, ganz dezidiert für Frauen. Und für alle anderen.

Dass es im Feminismus nicht länger um Lobbyismus für Fraueninteressen geht, sondern darum, Visionen für eine gerechte Welt generell zu entwickeln, hat eine Vorgeschichte: die Erkenntnis, dass sich die Frauenbewegung nicht in Analogie zu herkömmlichen politischen Bewegungen organisieren lässt, etwa als Partei, die die Interessen von Frauen vertritt, so wie die Arbeiterpartei die Interessen von Arbeitern. Das funktioniert nicht, denn Frauen haben nicht qua Frausein gemeinsame Interessen, oder jedenfalls nur sehr wenige. Frauen bilden keine eigene Menschenklasse, sie sind quer durch die Gesellschaft vorhanden, unter den Reichen und den Armen, den Einheimischen und den Migrantinnen, den Gebildeten und den Marginalisierten. In allen Religionen, Weltanschauungen, Sekten. Frauen sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Frauen sind alle.

Schwarze Frauen oder Arbeiterinnen haben schon im 19. Jahrhundert den Definitionsanspruch der weißen bürgerlichen Frauenrechtlerinnen kritisiert, die manchmal so taten, als seien ihre eigenen Probleme identisch mit den Problemen von Frauen schlechthin. Aus diesen Konflikten heraus sind zahlreiche theoretische und durchaus schmerzhafte Debatten geführt worden, die aber offenbar etwas gefruchtet haben: Heute gibt es Feminismus nur noch in unterschiedlichen Versionen, harte Differenzen inklusive. „Intersektionalität“ wird die Überkreuzung von verschiedenen Zugehörigkeiten, Diskriminierungserfahrungen und Anliegen in der feministischen Debatte genannt. Die Auseinandersetzungen darüber sind anstrengend und manchmal auch unfruchtbar. Aber in der Frauenbewegung werden sie, anders als in anderen sozialen Bewegungen, immerhin geführt. Deshalb kann sie zu einer Plattform werden, die die unterschiedlichsten Gruppierungen in Kontakt und zu gemeinsamen Aktionen bringt.

Diese neue Rolle des Feminismus markiert auch das Ende einer Strategie, die spätestens seit der Niederlage von Hillary Clinton in einer Sackgasse gelandet ist: Das alte Gleichstellungsprojekt, das Frauen über Aufstieg und Anpassung in der Welt der Männer voranbringen wollte, ist vorbei. Nicht, weil Hillary Clinton bei den Wahlen unterlegen ist, Niederlagen können immer passieren. Sondern weil Clintons möglicher Sieg, also die Aussicht auf die erste Frau im symbolisch wichtigsten Amt, das die Welt zu besetzen hat, keine Begeisterung mehr hervorgerufen hat. Auch nicht unter Frauen. Ja, die meisten haben Clinton letzten Endes unterstützt. Aber nicht besonders enthusiastisch. Eine Revolution sieht anders aus.

Die Frauenbewegung ist nicht zu radikal, sie war es nie. Sondern ohne radikalen Feminismus kann es keine sozialen Bewegungen geben. In Zukunft wird die Demokratie feministisch sein. Oder sie wird sterben.

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