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Doris Gercke „Anderes Frauenbild schaffen“

Bella Block ist als Roman- und Fernsehfigur unangepasst, selbstbestimmt und von ruppigem Charme. Ihre Schöpferin Doris Gercke spricht über notwendige Morde und beantwortet die Frage, warum sie ihre Krimiheldin töten musste.

Hoger
Hanelore Hoger alias Bella Block. Foto: Imago

Frau Gercke, sind Sie Bella Block?
Ich bin ziemlich oft mit Bella Block verwechselt worden. Als ich die ersten Lesungen machte und die Leute mich noch nicht kannten, haben die gedacht: Da kommt jetzt so ein Riesenweib. Wenn ich dann auftrat, konnte ich richtig sehen, wie sie alle „Ohhh“ machten.

Das Publikum dachte tatsächlich, dass Sie aussehen wie ihre Romanfigur?
Ja, man wird schon sehr identifiziert. Später hat mich das nicht mehr gestört, oder ich habe es gar nicht mehr wahrgenommen. Vielleicht hat es sich auch geändert. Auf jeden Fall muss ich zu meiner Protagonistin Distanz haben, zumal wenn sie eine Serienfigur ist.

17 Bella-Block-Romane haben Sie geschrieben. Eine dicke Frau über 50 mit kurzen, grauen Haaren ist nicht gerade die gängige Krimiheldin.
Das war die Absicht. Ich wusste, dass ich Kriminalromane schreiben wollte, aber alle Frauenfiguren darin hatten üblicherweise lange, blonde Beine – so würde es Hannelore Hoger, die die Bella Block in der Fernsehserie spielt, sagen. Typus jung und dämlich. Das wollte ich keinesfalls. Wenn man wie ich durch die frauenbewegte Zeit gegangen ist, dann kann man mit langen, blonden Beinen ja nichts anfangen. Außerdem sollte meine Heldin tatsächlich Hauptfigur sein und nicht nur die Beigabe für einen Detektiv. Deshalb habe ich Bella Block absolut anders konstruiert als die Frauen, die ich aus den Krimis kannte.

Als Gegenmodell? Alles, was die typischen Frauenfiguren hatten, haben Sie Bella Block abgesprochen und umgekehrt?
Ja, so ungefähr.

Bella Block ist ziemlich autonom, aber auch ganz schön ruppig.
Sie sollte eben selbstständig wirken. Ich wollte eine Frau, die ihr eigenes Geld verdient. Das war mir ungeheuer wichtig. Vielleicht kommt sie ruppig daher, weil dadurch ihre Eigenständigkeit betont wird. Sie ist auf niemand angewiesen und hat es nicht nötig, jemandem um den Bart zu gehen.

Hatten Sie ein Vorbild in Ihrem Umfeld?
Nein.

Bella Block ist eine reine Kunstfigur?
Absolut.

Zu einem Krimi braucht es einen Mord. Aber das ist nicht das Wichtigste, sagen Sie. Was ist es denn?
Wichtiger als die Tat selber ist das Milieu, in dem sie geschieht. Das Milieu in Verbindung mit der Person. Es geht um das Außen und Innen, um das Zusammenspiel von Person und Umgebung. Denn das prägt die Menschen. Das interessiert mich, darüber schreibe ich gern. Und dann kommt Bella als eine Person, die nirgends reinpasst. Das gibt immer wunderbare Reibungen mit den Leuten.

Bella Block ist zweifellos eine Streiterin. Haben Sie das im Kopf gehabt?
Klar, es geht gar nicht anders. Wenn so eine Frau auftritt, wird es Streit geben. Am Anfang ist sie ja noch Polizistin, und natürlich können ihre Kollegen nicht einverstanden sein mit so einer Person. Wenn der damalige Durchschnittsmann – die Anfänge von Bella Block sind ja 30 Jahre her – so eine unangepasste Frau vorgesetzt kriegt, gibt es Ärger.

Sie ist ja auch kein besonders liebenswerter Mensch. Als Freundin möchte ich sie eher nicht haben. Sie ist anstrengend und tritt ganz schön männlich auf.
Weil ich nicht wusste, wie man sich als Privatdetektiv bewegt oder benimmt. Ich habe nach einer Form gesucht, die mir logisch erschien. Sie trinkt auch verhältnismäßig viel, und ich bin damals oft darauf angesprochen worden, ob das denn sein müsse.

Ihr Publikum wollte eine weniger rauschsüchtige Heldin?
Offenbar. Für mich gehört das aber zum Privatdetektiv: Menschen, die mit so viel gesellschaftlichem Jammer und Elend und Schmutz zusammenkommen, die brauchen Alkohol, um es aushalten zu können. Für mich ist Bellas Sauferei eine Methode, Abstand zu halten von dem, was sie hört und sieht, worauf sie sich nicht wirklich einlassen will. Und dabei kommen Verhaltensweisen heraus, die vielleicht männlich wirken.

Aber das Streitbare wird auch gerne Männern zugesprochen.
Das ist interessant. Als ich Ende der ’80er Jahre anfing zu schreiben, war die Frauenbewegung gerade am Ende. In dieser Figur sollte sich etwas zeigen, für das die Bewegung gekämpft, aber irgendwann aufgegeben hat. Bella verkörpert die verlorenen Ideale. Ich denke, auch deshalb waren die Bücher gleich so erfolgreich. Alle Träume waren zerplatzt, und da taucht plötzlich eine auf, die lebt, wie die Frauen es haben wollten. Sie hatte ihr eigenes Geld, sie konnte über sich selbst bestimmen, sie war nicht von dieser Familienideologie infiziert, die zum Niedergang der Frauenbewegung beigetragen hat.

Sie sind selbst Mutter von zwei Kindern. Woher kommt die harsche Kritik?
Frauen sind gern Mütter, und das ist ja auch wunderbar. Aber wenn sie sich politisch einmischen sollen und wollen, dann werden sie behindert. Wie soll es auch gehen? Man kann sich nicht teilen, man kann die eine oder die andere Arbeit machen. Doch Frauen machen immer beides, aber nur das eine dann richtig. Ich habe das alles um mich herum gesehen – wenn man schreibt, dann lebt man ja nicht für sich allein, sondern in der Gesellschaft und guckt und guckt und guckt. Und dann sieht man diese Widersprüche. Dass dann so etwas Ruppiges dabei herauskommt wie die Bella, finde ich eigentlich nicht verwunderlich.

Frauen sagen gern, sie hätten keine andere Wahl.
Man kann es ihnen auch nicht übelnehmen, denn es ist schwer, sich anders zu entscheiden. Ich habe eine Freundin, die auf dem Höhepunkt der Bewegung ihren Mann rausgeschmissen hat und dann mit vier Kindern allein dasaß. Das muss man sich erst mal trauen und die Sache ganz schön ernst nehmen. Das schafft nicht jede.

Ist aus diesen persönlichen Erfahrungen heraus die Streiterin Bella Block entstanden?
Ich wollte ein anderes Frauenbild schaffen, und das bedingt natürlich auch ein anderes Verhalten als das, was man Frauen früher als Rollenmodell angeboten hat. Es hängt tatsächlich mit dem Ende der Bewegung zusammen: Bella sollte etwas verkörpern, wofür es sich lohnt zu kämpfen ...

Feministische Fragen werden in Ihren Romanen nie direkt thematisiert. Wegen Ihrer Enttäuschung über das Ende der Bewegung?
Es geht nicht darum, eine Sache zu beschreiben, man muss sie aus dem Innern der Person heraus entwickeln – sonst wird es Propaganda. Emanzipatorisches Bestreben soll in den Figuren lebendig werden und nicht durch feministische Statements.

Aber Bella gibt doch ständig quasifeministische Statements ab ...
Sie würde sich aber nie für eine Feministin halten. Sie würde sich auch nicht als Feministin erklären. Was ich inzwischen bedauerlich finde, sie hätte es öfter tun sollen. Aber nun ist es zu spät, man kann es nicht ändern. Also wenn sie heute noch leben würde, dann würde ich sie überzeugen, dass sie in feministische Kreise gehört.

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