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Das Jahr der Frauen Jessesmaria, nein!

Frauen und Arbeit – passt das überhaupt zusammen?

Arbeiterin
Das ist aber doch keine Arbeit für zierliche Frauenhände! Foto: Imago

Früher gab es Männerberufe und Frauenberufe, so erklärte es mir meine Großmutter, und dazwischen gab es nichts. Letztere erkannte man daran, dass sie meistens was mit Textilien, Tieren oder Menschen zu tun hatten und immer schlecht bezahlt waren. Frauen taten, was man mit kleinen, zierlichen Frauenhänden eben am besten tun konnte: sticken, Gänse rupfen oder Zäpfchen in Säuglingspopos einführen. „Oder operieren? Oder Geräte reparieren?“, fragte ich als Kind meine Großmutter, weil das doch auch millimetergenaue Handarbeit war. „Jessesmaria, nein, das waren doch keine Frauenberufe!“, rief sie und schlug ihre gar nicht zierlichen, eigentlich ziemlich klobigen Hände über der Dauerwelle zusammen.

Lange Zeit durften Frauen Männerarbeit nicht machen, dafür waren sie nicht geeignet. Zu kleine Körper (Militär), zu kleine Gehirne (Wissenschaft), zu schwache Nerven (Politik) und so fort. Die Aufgabenteilung war klar. Straße fegen: männlich. Haus fegen: weiblich. Diktieren: männlich. Diktat abtippen: weiblich. Krieg machen: männlich. Trümmer nach Krieg wegräumen: weiblich. 

Meine Großmutter, das sagte sie immer, wollte eigentlich Architektin werden, wurde aber Hausfrau. Meine andere Großmutter wäre gerne Chemielaborantin geworden, wurde aber Handarbeitslehrerin (für zwei Jahre, dann Hausfrau). Großtante Gerda träumte von einem Leben als Ärztin, wurde aber Arztgattin. Das fand sie „auch ganz apart“, aber ihr trübseliger Blick und ihre Liebe zu medizinischen Fachbüchern sagten etwas anderes. „Froh in den Hausputz“, hieß es auf Werbeplakaten 1953, aber Großtante Gerda ging eher unfroh in den Hausputz und wurde depressiv.

Die zweite Wunschidentität

Es war verwirrend, aber für mich als Kind auch spannend: Hinter fast jeder weiblichen Berufsbiografie, die ich in den 80er Jahren kannte, stand ein „aber eigentlich“. Hinter jeder Frau verbarg sich noch etwas anderes, eine zweite Wunschidentität. Bis 1977 durften Ehemänner mitbestimmen, was und ob ihre Frauen arbeiteten. Vermutlich gingen sie sogar mit zur Berufsberatung, wie heute die Helicopter-Eltern: „Guten Tag, meine Gattin möchte einen Beruf erlernen, aber keinen anspruchsvollen, eher was Nettes mit den Händen, und maximal drei Stunden pro Tag, damit sie weiterhin ihren hausfraulichen Pflichten nachkommen kann.“ 

Jetzt ist 2018. Klar separierte Frauen- und Männerberufe gibt es heute kaum noch, aber zahllose Jobs werden noch immer als weiblich oder männlich wahrgenommen. Geburtshilfe: weiblich. Bestattungshilfe: männlich. Tagesmutter: weiblich. Tagesvater: lustig. Und noch immer wird Frauenarbeit häufig schlechter bezahlt. Ohne Grund. Mein Onkel ist Abteilungsleiter und hat 25 Leute unter sich. Meine Tante ist Kita-Erzieherin und hat auch 25 Leute unter sich, verdient aber elf Mal weniger. 

Meine Großmutter wäre heute Architektin geworden, trotz der kleinen Hände, und Großtante Gerda vielleicht niemals depressiv. „Froh in den Hausputz“ gehen die meisten Frauen heute nur noch nach Feierabend oder lagern ihn gleich aus.

Im Vorfeld dieser Kolumne fragte ich meinen sehr alten Nachbarn im Treppenhaus: „Herr Trischke, was fällt Ihnen eigentlich zum Thema ,Frauen und Arbeit‘ ein?“ „Hm, sind das nicht eigentlich zwei Themen ...?“, fragte der gute Mann grübelnd zurück, ehe er in der lichtlosen Tiefe seines Wohnungsflurs verschwand.

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