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Das Jahr der Frauen „Ich musste erst lernen, meinen Fähigkeiten zu vertrauen“

Janina Mütze hat sich von der erfolgreichen Gründerin der Berliner Start-up-Szene an die Spitze der deutschen Digitalwirtschaft gearbeitet – als eine von wenigen Frauen in der Branche.

Janina Mütze
Woher kommt dieser eklatante Frauenmangel – gerade in einer Branche, die als Garant für Fortschritt und Innovation bejubelt wird? Auch Janina Mütze stellt sich diese Frage immer wieder. Foto: Götz Schleser

Es ist Montagmorgen, sieben Uhr. Janina Mütze sitzt auf dem Rücksitz eines Taxis. Während vor den Fenstern die Baustellen und Wohnblöcke Berlins vorbeiziehen, scrollt sie ein letztes Mal durch die Notizen auf ihrem Smartphone. Gleich soll sie für das Morgenprogramm der Deutschen Welle ein Fernsehinterview geben. Live und auf Englisch wird sie einem internationalen Publikum erläutern, warum Deutschland ein Digitalministerium braucht – zumindest aus Sicht des Bundesverbands deutscher Start-ups, in dessen Vorstand sie sitzt.

Nervös wippt sie mit dem Fuß. Es ist nicht so, als hätte Janina Mütze keine Erfahrung darin, auf großer Bühne über Themen rund um die digitale Wirtschaft zu sprechen. Seit sie vor zweieinhalb Jahren Civey mitgegründet hat, ein Institut für Online-Meinungsforschung, stand sie unzählige Male vor Journalisten, Politikerinnen und Investoren, um über ihre Arbeit zu sprechen. Doch seit sie vor kurzem in den Vorstand des Start-up-Verbandes gewählt wurde, hängt die Latte noch ein wenig höher. Sie vertritt jetzt die gesamte Branche in der öffentlichen Debatte. 

Und sie weiß, dass sie besonders aufmerksam beobachtet wird. Nicht nur, weil sie erst 27 Jahre alt ist und keinen Tag älter aussieht. Sondern auch, weil sie eine Frau ist. Nichts Ungewöhnliches heutzutage – könnte man meinen. Tatsächlich aber sind Frauen in der digitalen Wirtschaft absolut unterrepräsentiert. Im vergangenen Jahr waren nach Zahlen des Bundesverbands nur 15 Prozent aller Start-up-Gründer in Deutschland weiblich. Im Silicon Valley sieht es nicht viel besser aus. Laut der Branchen-Datenbank Crunchbase waren 2017 lediglich an 17 Prozent aller Start-up-Gründungen dort Frauen beteiligt. Ein steigender Trend ist nicht zu erkennen: Seit zwei Jahren ist der Prozentsatz weitgehend gleich geblieben. Und das, obwohl mehrere Studien nahelegen, dass Start-ups mit gemischten Gründerteams erfolgreicher und nachhaltiger wirtschaften als solche, an denen nur Männer beteiligt sind.

Doch woher kommt dieser eklatante Frauenmangel – gerade in einer Branche, die als Garant für Fortschritt und Innovation bejubelt wird? Auch Janina Mütze stellt sich diese Frage immer wieder. Sie hat inzwischen das Interview hinter sich gebracht und ist zufrieden: Knappe Sätze, keine Haspler, keine Wissenslücken. Gut gelaunt sitzt sie im Taxi Richtung Kreuzberg, wo Civey seine Büroräume hat. Doch als es um die fehlenden Frauen in der Digitalwirtschaft geht, wird sie ernst: „Unsere Branche hat den Anspruch zu verändern, wie wir leben, wirtschaften – oder in unserem Fall: Politik machen. Wenn diese neuen Gesellschaftsentwürfe jetzt wieder hauptsächlich von Männern entwickelt werden, dann ist das kritisch.“

Einfache Antworten auf die Frage nach dem „Warum“ hat sie nicht. Zumal sie andere Branchen als viel frauenfeindlicher wahrnimmt: „Wenn wir irgendwo in Deutschland bei einem Mittelständler unser Produkt vorstellen, dauert es oft, bis die dort akzeptieren, dass ich keine Praktikantin bin, sondern diejenige, mit der sie verhandeln müssen.“ In der Start-up-Szene dagegen zähle mehr, was jemand tatsächlich vorzuweisen habe. Das sehen nicht alle so. In einer Studie des Vodafone Instituts für Gesellschaft und Kommunikation zur Situation von Gründerinnen in der deutschen Digitalbranche sagten über 86 Prozent der Befragten, dass es eine besondere Hürde für Frauen darstelle, sich auf die in der Branche übliche Selbstdarstellung und Übertreibung einzulassen. Die sind vor allem dann an der Tagesordnung, wenn es an die Finanzierung geht. Start-ups sind in aller Regel auf Risikokapital angewiesen und präsentieren dafür ihre Ideen bei sogenannten „Pitches“ vor Investoren. Über diese Bewerbungsrunden sagte Ida Tin, Gründerin der Zyklus-App Clue, einmal in einem Interview: „Die ganze soziale Situation in einem Pitch-Prozess belohnt Charaktereigenschaften, die traditionell als männlich wahrgenommen werden.“ 

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